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Berlin (ots) - Die Deutsche Aidshilfe trauert um ihr Ehrenmitglied Rita
Süssmuth. Die ehemalige Bundestagspräsidentin und Bundesgesundheitsministerin
verhinderte Ausgrenzung und legte die Grundlagen für die erfolgreiche deutsche
HIV-Prävention.
Als Bundesgesundheitsministerin stellte Rita Süssmuth in den 80er Jahren die
Weichen für einen erfolgreichen und solidarischen Umgang mit der
HIV/Aids-Epidemie. Die CDU-Politikerin verweigerte sich dabei einer Politik der
Isolation und Ausgrenzung, für die konservative Kräfte in der
Helmut-Kohl-Regierung und den Bundesländern eintraten - allen voran der
bayerische Staatssekretär Peter Gauweiler (CSU).
"Wir bekämpfen die Krankheit, nicht die Kranken" - mit dieser unbeugsamen
Haltung setzte Rita Süssmuth den Maßstab für alles, was folgte. Indem sie den
Weg einer "gesellschaftlichen Lernstrategie" der klassischen Seuchenbekämpfung
und Sündenbockmentalität vorzog, bewahrte sie in der Krise die Menschlichkeit
und bewies Weitblick: Es war diese Vorgehensweise, die sich später weltweit als
erfolgreich herausstellte.
Wurzeln der Deutschen Aidshilfe
Rita Süssmuth ermöglichte damit auch die Arbeit der Deutschen Aidshilfe mit
ihrem Konzept der "strukturellen Prävention", die auch gesellschaftliche
Bedingungen für Gesundheit in den Blick nimmt. Süssmuth erkannte, dass die von
HIV/Aids betroffenen Minderheiten nicht das Problem, sondern Teil der Lösung
waren. Sie hatten die höchste Kompetenz zur Gestaltung der Prävention, die nun
gebraucht wurde. Süssmuth führte mit ihnen einen Dialog auf Augenhöhe und
ermöglichte staatliche Förderung für Akteur*innen aus der Selbsthilfe.
Dieses arbeitsteilige Präventionskonzept schuf eine Kultur der Beteiligung, die
bis heute integraler Bestandteil der HIV-Strategie der Bundesregierung ist. Der
Ansatz ermöglichte Maßnahmen zum Schutz von Leben und Gesundheit vieler Menschen
weit über HIV hinaus. So führte die HIV-Prävention der "Süssmuth-Linie" zur
Einführung der Vergabe steriler Spritzen und zur Substitutionstherapie für
heroinabhängige Menschen - seitdem unverzichtbare Standards. Darüber hinaus trug
sie zur Emanzipation der besonders stark betroffenen Gruppen, etwa schwuler
Männer, bei.
Ausnahmepolitikerin und Vorbild
"Rita Süssmuth war eine Ausnahmepolitikerin, die ihr Leben lang auf
bewundernswerte Weise Menschlichkeit und Haltung bewiesen hat. Mutig und
unbeugsam trat sie gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung ein, öffnete sich dem
Dialog mit marginalisierten Gruppen und zeigte sich selbst bereit zu lernen. Sie
hat damit vielen Menschen das Leben gerettet und deren Menschenwürde geschützt.
Ihre Bedeutsamkeit für die Erfolge der deutschen HIV-Prävention kann kaum
überschätzt werden. Für ihre Verdienste werden wir ihr immer dankbar sein. Auch
nach ihrem Tod bleibt sie für uns Vorbild und Ansporn", sagt Ulf Kristal,
Mitglied im Vorstand der Deutschen Aidshilfe.
Engagement bis zum Ende
Bei einem Empfang unter dem Titel "Mut bewegt" erhielt Rita Süssmuth 2016 die
Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Aidshilfe und ein ihr zu Ehren gestaltetes
Plakat mit der Überschrift "Süssmuth bewegt".
Laudator Rainer Ehlers, Pastor im Ruhestand und Stiftungsgründer der Deutschen
AIDS-Stiftung, sagte damals: "In einer Zeit, in der jede noch so seriöse Zeitung
zur Boulevardzeitung wurde, wenn es um Aids ging, behielt sie klaren Kopf,
setzte auf Vernunft, auf Aufklärung, auf Prävention."
Im darauffolgenden Jahr setzte sich Süssmuth für unsere Kampagne "Kein Aids für
alle!" ein, die möglichst vielen Menschen eine frühe Diagnose und Behandlung
ermöglichen sollte. Beim Kampagnenauftakt in Berlin sagte die Vorkämpferin:
"Das Ende von Aids ist ein wichtiges historisches Ziel. Ich glaube fest daran,
dass es uns gelingen kann. Wir müssen unsere Anstrengungen dafür noch
verstärken. Ausgrenzung müssen wir entschieden entgegentreten, Versorgungslücken
schließen."
Aids beenden statt Rückkehr von Aids
Im Jahr 2026 drohen aufgrund massiver Kürzungen bei den globalen Maßnahmen gegen
HIV wieder drastische Rückschläge mit Millionen Toten. Rita Süssmuths letzte
öffentliche Äußerung zum Thema war die Erstunterzeichnung unseres "Weckrufs zum
Welt-Aids-Tag 2025", der die Bundesregierung und die Regierungen anderer Länder
auffordert, die dramatische Situation endlich klar zu sehen und entsprechende
Gegenmaßnahmen einzuleiten - damit Aids beendet werden kann statt
zurückzukehren.
Rita Süssmuth hinterlässt neben ihren historischen Leistungen klare
Positionierungen und viele Gedanken, die gerade heute ein wertvoller Leitstern
bleiben können. "Verständigung, Europa, die Geschlechterfrage sind mir wichtig;
vor allem der Einsatz für Benachteiligte und Ausgegrenzte", schrieb sie 2020 in
einem ihrer letzten Bücher.
Titel: "Überlasst die Welt nicht den Wahnsinnigen".
Pressekontakt:
Deutsche Aidshilfe
Holger Wicht - Pressesprecher
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OTS: Deutsche Aidshilfe
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