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Mainz (ots) - Drei Jahre nach dem Durchbruch generativer KI wie ChatGPT wird
immer klarer, dass Künstliche Intelligenz die Struktur moderner Arbeitsmärkte
grundlegend verändern könnte. Eine aktuelle Studie des internationalen
Kreditversicherer Coface zeigt, dass die nächste Entwicklungsstufe der KI weit
über bisherige Automatisierungsmuster hinausgeht. Da neue Systeme nicht mehr nur
unterstützen, sondern ganze Arbeitsabläufe selbstständig übernehmen, geraten
komplexe kognitive Tätigkeiten zunehmend in den Fokus - Bereiche, die bisher als
weitgehend geschützt galten. Die Studie analysiert die Automatisierbarkeit von
923 Berufen in fast 30 Ländern und macht Unterschiede zwischen den
Arbeitsmärkten deutlich. Deutschland sticht hervor, weil seine stark
industrielle und technisch geprägte Wirtschaft zu einer höheren KI-Exposition
führt als im europäischen Durchschnitt.
Die Untersuchung, die Coface zusammen mit dem Observatoire des Emplois Menacés
et Émergents (OEM) durchgeführt hat, basiert auf einer neuen Methodik, die
Berufe bis auf ihre elementaren Einzelaufgaben herunterbricht. Jede Aufgabe wird
in einzelne Schritte zerlegt und nach klar definierten, reproduzierbaren
Kriterien bewertet. Dieser granulare Ansatz ermöglicht eine präzisere
Einschätzung der technologischen Automatisierbarkeit einzelner Tätigkeiten. Die
Analyse wurde auf nahezu 30 Länder ausgeweitet und zeigt damit ein umfassendes
Bild internationaler Arbeitsmärkte. "Dabei geht es um die technische Machbarkeit
von Automatisierung und nicht darum, wie viele Arbeitsplätze am Ende tatsächlich
wegfallen oder neu entstehen", sagt Aurélien Duthoit, Volkswirt bei Coface und
Co-Autor der Studie.
Die nächste Automatisierungswelle trifft Köpfe, nicht Hände
Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Wandel in der Art der Automatisierung.
Während frühere Technologiewellen vor allem körperliche Tätigkeiten und später
klar definierte Routinearbeiten im Büro betrafen, richtet sich der Fokus
agentenbasierter KI zunehmend auf datenbasierte, analytische und
informationsintensive Arbeitsinhalte. Diese Systeme können nicht mehr nur
einzelne Arbeitsschritte unterstützen, sondern ganze Abläufe eigenständig
ausführen. Damit geraten Berufsfelder wie das Ingenieurwesen, IT, Recht,
Finanzen, Verwaltung sowie kreative und analytische Tätigkeiten stärker ins
Zentrum der Disruption.
"In dieser zweiten Phase der KI-Entwicklung weist rund jeder achte Beruf einen
Automatisierbarkeitsanteil von über 30 Prozent auf. Das ist ein Hinweis darauf,
dass diese Bereiche vor einer tiefgreifenden Transformation stehen", sagt
Aurélien Duthoit. Deutlich robuster bleiben dagegen Tätigkeiten, die stark an
physische Präsenz, manuelle Fähigkeiten oder echte zwischenmenschliche
Interaktion gebunden sind: Handwerk, Pflege, Gastronomie oder persönliche
Dienstleistungen gelten als vergleichsweise widerstandsfähig gegenüber
KI-gestützter Automatisierung.
Deutschlands Arbeitsmarkt stärker betroffen
Auch zwischen Ländern variiert der Einfluss von KI-gestützter Automatisierung
deutlich: Der Anteil potenziell automatisierbarer Arbeitsinhalte reicht von rund
12 Prozent in der Türkei bis fast 20 Prozent im Vereinigten Königreich. Diese
Unterschiede hängen mit der Wirtschaftsstruktur der jeweiligen Länder zusammen -
sie bestimmt, welche Arten von Tätigkeiten besonders häufig vorkommen und damit
auch, wie groß der Anteil der grundsätzlich automatisierbaren Aufgaben ist.
Deutschland liegt mit 17 Prozent über dem europäischen Durchschnitt und bildet
zusammen mit Österreich, Tschechien, der Slowakei und Slowenien ein industriell
geprägtes Cluster. Ein großer Anteil von Tätigkeiten im Ingenieurwesen, der
industriellen Fertigung, bei technischen Dienstleistungen, Forschung,
öffentlicher Verwaltung und im Bildungssektor führt zu einem Arbeitsmarktprofil,
in dem viele informationsintensive und koordinierende Aufgaben anfallen - genau
die Aufgaben, die anfällig für KI-Unterstützung oder -Automatisierung sind.
Zugleich ist der Anteil stark dienstleistungsorientierter, managementlastiger
oder IT-intensiver Tätigkeiten jedoch geringer als in Ländern wie den
Niederlanden oder dem Vereinigten Königreich. Deutschland zählt daher nicht in
die Gruppe der am stärksten von KI betroffenen Arbeitsmärkte Europas.
Die Konsequenzen: KI verändert Wertschöpfung, Bildung und Abhängigkeiten
Die Autoren betonen, dass die Auswirkungen weit über die Arbeitswelt
hinausreichen. Da agentenbasierte KI vor allem gut bezahlte, hochqualifizierte
Tätigkeiten betrifft, könnten grundlegende wirtschaftliche und soziale
Gleichgewichte ins Wanken geraten. Immer mehr Wertschöpfung könnte nicht mehr
durch menschliche Arbeitsleistung, sondern durch KI-basierte Prozesse und die
dahinterstehenden Investitionen erzeugt werden. Staaten mit stark
arbeitsbezogenen Steuersystemen stünden damit vor einer doppelten
Herausforderung: sinkende Einnahmen und zugleich steigende Ausgaben für soziale
Sicherung, Qualifizierung und berufliche Anschlussperspektiven.
Auch das Bildungssystem gerät unter Druck. "Wenn klassische akademische
Laufbahnen nicht mehr automatisch berufliche Sicherheit bieten, gewinnen
Kompetenzen wie kritisches Urteilsvermögen, Anpassungsfähigkeit und der Umgang
mit komplexen KI-Systemen an Bedeutung. Hochschulen und berufliche
Bildungseinrichtungen werden ihre Programme stärker auf Fähigkeiten ausrichten
müssen, die KI sinnvoll ergänzen, statt mit ihr zu konkurrieren", erklärt
Aurélien Duthoit.
Hinzu kommen neue geopolitische und operative Abhängigkeiten.
Schlüsselressourcen wie Halbleiter, Rechenzentren oder die Modelle selbst sind
global stark konzentriert. Dies erhöht die Anfälligkeit gegenüber externen
Schocks wie Exportbeschränkungen, regulatorischen Veränderungen und globalen
Lieferkettenrisiken. Während KI das Potenzial hat, erhebliche
Produktivitätsgewinne zu erzeugen, entstehen gleichzeitig neue strukturelle
Verwundbarkeiten.
Mehr Informationen und die gesamte Studie zum Download: http://www.coface.de
Die Studienergebnisse stellt Autor Aurélien Duthoit beim Coface Kongress am 23.
April in Mainz vor - kostenlose Anmeldung unter http://www.cofacekongress.de
Pressekontakt:
Coface, Niederlassung in Deutschland
Sebastian Knierim - Pressesprecher -
Tel. 06131/323-335
mailto:sebastian.knierim@coface.com
http://www.coface.de
Weiteres Material: http://presseportal.de/pm/51597/6248225
OTS: Coface Deutschland
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