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Karlsbad (ots) - Was Ergotherapeut:innen tun, um Alltagsaktivitäten mit
Flow-Potenzial im Leben ihrer Patient:innen und Klient:innen zu verankern
"Im Flow sein" bedeutet weit mehr als "es läuft". Den wenigsten Menschen ist
bekannt, dass Flow wissenschaftlich erforscht ist. "Flow kommt aus der positiven
Psychologie", erklärt die Ergotherapeutin Sara Mohr und beschreibt diesen
Zustand so: "Menschen im Flow sind maximal vertieft und selbstvergessen; sie
blenden alles um sich herum aus, sogar die Zeit. Sie vollbringen oft
Bestleistungen und erleben dabei gleichzeitig ein Höchstmaß an Wohlbefinden und
Befriedigung". Die Ergotherapeutin im DVE (Deutscher Verband Ergotherapie e.V.)
vermittelt ihren Berufskolleg:innen im Rahmen der DVE Akademie weitergehende
Kenntnisse zu Flow. Das Ziel: Im Leben von Menschen mit einer Erkrankung oder in
einer persönlichen Krise Alltagsaktivitäten finden, die geeignet sind, Flow zu
ermöglichen und diese in deren Alltag zu verankern.
Wer neugierig, ausdauernd und lernorientiert ist und dabei wenig Angst vor
Fehlern hat, ist ein potenzieller Kandidat beziehungsweise eine potenzielle
Kandidatin, um öfter als andere Menschen Flow zu erleben. Flow entsteht häufig
beim Arbeiten oder Studieren - sogar häufiger als in der Freizeit:
beispielsweise beim Lösen komplexer Aufgaben, bei handwerklichen oder
gestalterischen Projekten, beim Analysieren oder Planen und anderen Tätigkeiten,
die der- oder diejenige in höchster Konzentration verrichtet. Auch bei
sportlichen Herausforderungen oder beim Kreativsein wie Malen, Fotografieren,
Schreiben oder Musizieren kommt es oft zu Flow und dem Gefühl, dass das, was man
tut, wie von selbst passiert. Und das, obwohl es erst dann zu Flow kommt, wenn
es sich um eine fordernde Betätigung handelt. Die Ergotherapeutin Sara Mohr
führt das weiter aus: "Um in Flow zu kommen, muss eine Betätigung bestimmte,
genauer gesagt drei Vorbedingungen erfüllen. Es muss ein klares Ziel geben wie:
Ich will dieses Spiel gewinnen. Oder: Ich will diesen See durchschwimmen und so
weiter". Außerdem muss es ein Feedback geben, also die direkte Rückmeldung, ob
der Handlungsschritt gelungen ist oder nicht und - das ist der wohl wichtigste,
dritte Faktor: die Challenge-Skill-Balance. Das bedeutet, die Herausforderung -
die Challenge - fordert genau das richtige Maß an Fähigkeiten, also Skills;
sodass die Person sich anstrengen muss, aber weder unter- noch überfordert ist.
Positive Wirkung von Flow neurobiologisch erwiesen
Die positiven Auswirkungen von Flow sind mehrfach belegt: Jüngste
neurobiologische Untersuchungen zeigen, dass im Gehirn - wenn jemand gerade
nichts tut - das sogenannte Default Mode Network aktiv ist. Dieses Netzwerk
sorgt dafür, dass man sich mit sich selbst, der Vergangenheit und aktuellen
Problemen beschäftigt. Ist es zu aktiv, kann es unter anderem zu negativem
Gedankenkreisen führen, was beispielsweise bei Depressionen häufig der Fall ist.
Der Flow-Zustand bewirkt das Gegenteil: Das Default Mode Network wird im Flow
weitgehend abgeschaltet. Stattdessen sind nur die Gehirnregionen aktiv, die eine
Person für die aktuelle Aufgabe benötigt, um beispielsweise konzentriert ihrer
Arbeit nachzugehen, einen anspruchsvollen Berg zu erklimmen, ein schwieriges
Musikstück aufzuführen, oder, oder, oder. Wer im Flow ist, denkt nicht ständig
über sich selbst nach. Auch daher, weil sich im Flow das negative
Gedankenkreisen vorübergehend reduziert, fühlen sich Menschen, die regelmäßig
Flow in ihrem Alltag erfahren, gesünder. Das ist durch die Flow-Forschung belegt
und ebenso, dass Menschen, denen es gelingt, immer wieder in Flow zu kommen,
über ein größeres Wohlbefinden und mehr Sinn im Leben berichten.
Fortbildung für Ergotherapeut:innen zum Thema Flow
Mit diesem Wissen hat die Ergotherapeutin Sara Mohr eine Fortbildung für die
Akademie des DVE konzipiert. Die teilnehmenden Ergotherapeut:innen erfahren
zunächst Grundlegendes zum Thema "Flow" und auch, dass es bereits seit den
1990er Jahren etliche ergotherapeutische Modelle gibt, die auf der Flow-Theorie
basieren oder diese integrieren. Im Folgenden lernen die teilnehmenden
Ergotherapeut:innen die drei Vorbedingungen - ein klares Ziel, Feedback und die
Skill-Challenge-Balance - die es möglich machen, in Flow zu kommen, kennen. Den
Schwerpunkt der Fortbildung bilden Vorgehensweisen, um Betätigungen im Alltag
der ergotherapeutischen Klient:innen zu finden, die mehr Flow ermöglichen.
"Ergotherapeut:innen analysieren den Alltag ihrer Klient:innen und verschaffen
sich mithilfe eines Betätigungsprofils als Erstes einen Überblick darüber, was
üblicherweise an einem Tag, innerhalb einer Woche oder anderen Zeiträumen
passiert und was gut oder weniger gut klappt", beschreibt die Ergotherapeutin
Mohr dieses übliche Vorgehen ihrer Berufsgruppe. Im zweiten Schritt liegt der
Fokus auf Flow: Wo im Betätigungsprofil gibt es Handlungen, die Flow-Potenzial
haben, sprich: Wofür begeistern sich Klient:innen, wofür sind sie motiviert, wo
haben sie ein klares Ziel, bei dem ihre Fähigkeiten optimal mit den
Herausforderungen zusammenpassen?
Ergotherapeut:innen als Flow-Förderer
Dabei fällt auf - und die Flow-Forschung bestätigt das - dass Menschen mit
chronischen Erkrankungen und Behinderungen oftmals keinen Zugang zu bestimmten
Handlungen oder Betätigungen haben. Nicht selten sind strukturelle Barrieren der
Grund, weshalb Menschen mit einer Behinderung oder bestimmten Erkrankungen
keinen oder zu wenig Flow erleben. "Wer zum Beispiel gerne Schach spielt und
dabei in Flow kommt, aber davon ausgeschlossen ist, weil der Schachverein nicht
barrierefrei zugänglich ist oder aufgrund seiner chronischen Erkrankung seiner
Arbeit nicht nachgehen kann, kann ergotherapeutische Unterstützung erhalten",
erklärt Sara Mohr diesen Teil ihrer Arbeit, bei dem sie, so wie auch ihre
Berufskolleg:innen es tun, gemeinsam mit Klient:innen nach Alternativen und
Lösungen sucht. Und last but not least geht es bei einer ergotherapeutischen
Intervention auch darum, was traut die Person sich selbst zu, weiß sie ihre
Fähigkeiten gut einzuschätzen? Die Betätigungen selbst kommen ebenfalls auf den
Prüfstand. Wie lassen sich diese so gestalten, dass ein Flow-Potenzial entsteht?
Die Ergotherapeutin gibt wieder ein Beispiel: "Wer es schafft, beim Sport oder
im Fitness-Studio in Flow zu kommen, bei dem ist die Wahrscheinlichkeit deutlich
höher, diese Tätigkeit zu wiederholen".
Ergotherapeut:innen zeigen Flow-Killer auf
Das liegt unter anderem am positiven Erleben und den im Flow ausgeschütteten
Hormonen. Wer im Flow ist, dessen Gehirn ist im Glücksrausch: Dort sorgen - um
beispielhaft einige zu nennen - Endorphine für ein positives Gefühl und
Schmerzminderung; das ausgeschüttete Dopamin ist für Motivation und
Zielverfolgung nötig, weitere Hormone sorgen für Kreativität, Aufmerksamkeit und
Fokus oder schaffen neue Verbindungen im Gehirn. Abschließend betont die
Ergotherapeutin nochmals: "Flow lässt sich nicht auf Knopfdruck herbeiführen".
Auch ist es nicht etwa so, dass - war eine Person bei einer bestimmten Aktivität
wie Joggen, Fahrradfahren, Malen, was auch immer, einmal im Flow - sie immer bei
dieser Aktivität Flow erleben wird. Eine weitere der vielen Voraussetzungen, um
in Flow zu kommen ist, sich tiefgehend und ungestört mit einem Thema oder einer
Betätigung zu befassen. Das bedeutet auch: nicht erreichbar oder ansprechbar
sein, Handy ausschalten oder gar nicht erst dabeihaben, Nachrichten deaktivieren
für die Zeit, in der man nicht behelligt werden sollte, und so weiter. Denn:
Unterbrechungen und Benachrichtigungen sind die schlimmsten Feinde von Flow.
Ergotherapeut:innen empfehlen daher denjenigen, die Betätigungen mit
Flow-Potenzial nachgehen wollen, eine zeitlich begrenzte, auch mediale
Enthaltsamkeit von äußeren Einflüssen. Auch wenn das für viele eine große
Herausforderung darstellt, so ist doch die Aussicht, Flow zu erleben und dabei
das Beste aus sich selbst herauszuholen, ausgesprochen verlockend.
Informationsmaterial zu den vielfältigen Themen der Ergotherapie gibt es bei den
Ergotherapeut:innen vor Ort; Ergotherapeut:innen in Wohnortnähe auf der Homepage
des Verbandes unter https://dve.info/service/therapeutensuche . Zum Podcast
gerne hier entlang: https://dve-podcast.podigee.io/ . Außerdem:
https://www.instagram.com/dve_ergotherapie/ und Deutscher Verband Ergotherapie
e.V. - DVE | Facebook
Pressekontakt:
Angelika Reinecke, Deutscher Verband Ergotherapie e.V. (DVE),
mailto:a.reinecke@dve.info
Weiteres Material: http://presseportal.de/pm/106910/6242171
OTS: Deutscher Verband Ergotherapie e.V. (DVE)
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