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Stuttgart (ots) - Der Klimawandel zwingt Deutschland zu einem neuen Umgang mit
Wasser. Industrie, Städte und private Haushalte müssen den Verbrauch senken und
Wasser mehrfach nutzen. Beispiele aus Dortmund, Potsdam und Berlin zeigen, wie
ein zukunftsfähiger Umgang mit Regen und Abwasser gelingt.
Am 22. März macht der Weltwassertag auf ein Phänomen aufmerksam, das auch in
Deutschland zunehmend Realität wird: Rekord-Hitzeperioden führen zu
Wasserknappheit, während Starkregen immer häufiger zerstörerische Sturzfluten
auslöst. Das bringt den Wasserhaushalt spürbar aus dem Gleichgewicht und lässt
das Grundwasser sinken. Betroffen sind davon bereits viele deutsche Städte und
Kommunen. Für Dr. Stephan Wasielewski, Leiter des Bereichs Wasserinfrastruktur
beim Beratungsunternehmen Drees & Sommer SE, ist ein struktureller Wandel
zwingend geboten: "Wir müssen das sorglose System aus Entnahme, Verbrauch und
Ableitung hinter uns lassen. Zukunftsfähige Regionen werden jene sein, die
Wasser mehrfach nutzen und in Kreisläufen halten - das wird auch für die
Industrie zur entscheidenden Standortfrage."
Spätsommer 2025: Der Rhein führt historisch wenig Wasser, Schiffe liegen fest,
Lieferketten reißen, die Strom- und Chemieproduktion geraten unter Druck. Ernten
fallen aus, Wälder brennen und Versicherer warnen vor unkalkulierbaren Risiken.
Was sich regional zeigt, hat eine gemeinsame Ursache: Böden und Städte können
Wasser immer schlechter aufnehmen und speichern. Versiegelte Flächen lassen
Regen ungehindert ablaufen, statt ihn zu halten; ausgetrocknete Böden nehmen
kaum noch Wasser auf, wenn es nach langen Trockenphasen endlich regnet.
"Das ist ein paradoxes Problem, das zu einem schleichenden Ungleichgewicht und
sinkenden Grundwasserpegeln führt", sagt Umwelttechniker Wasielewski, der an der
Universität Stuttgart promovierte und seit mehr als einem Jahrzehnt
Abwassertechnik, Wasserwiederverwendung und strategisches Wassermanagement
erforscht und gestaltet. "Der Niederschlag fehlt und wenn er fällt, gelangt er
nicht ins Grundwasser und richtet in Teilen sogar verheerende Schäden an - ein
Teufelskreis aus Wassermangel und Überschwemmungsrisiko. Ganze Regionen
verlieren so ihre Speicherfähigkeit, und Grundwasservorräte erholen sich nach
Dürrejahren kaum noch."
Globale Wasserüberschuldung: Wenn der Verbrauch die Natur überholt
Weltweit entnehmen Staaten und Wirtschaft derzeit mehr Wasser aus Böden, Flüssen
und Reservoirs, als natürliche Systeme nachliefern können. Die Vereinten
Nationen sprechen deswegen von einer drohenden "globalen Wasserüberschuldung".
[i]Deutschland ist längst Teil dieser Entwicklung. Allein in den vergangenen
zwei Jahrzehnten hat das Land laut einer aktuellen Studie von Boston Consulting
Group und dem NABU Deutschland 60 Milliarden Kubikmeter Wasser mehr verloren,
als nachfließt - ein Defizit, das dem gesamten Volumen des Bodensees entspricht.
Ohne konsequentes Handeln bis 2050 werden so Schäden in Höhe von bis zu 625
Milliarden Euro entstehen.[ii]
Wie öffentliche Hand und Industrie dem wachsenden Wasserstress am besten
begegnen, genau damit beschäftigt sich Stephan Wasielewski. Seit Jahren arbeitet
er an Lösungen für die öffentliche Hand und Industrie und hat beispielsweise den
Masterplan Wasserversorgung des Ministeriums für Umwelt, Klima und
Energiewirtschaft in Baden-Württemberg mitbegleitet. Dessen Ziel: die Versorgung
von 11,1 Millionen Menschen auf einer Fläche von rund 3,57 Millionen Hektar
dauerhaft zu sichern. Der Plan umfasst eine Wassermengenbilanz bis 2050,
kommunenscharfe Versorgungskarten, eine systematische Bewertung der
Versorgungssicherheit sowie maßgeschneiderte Handlungsempfehlungen für Städte
und Gemeinden. Damit entsteht erstmals ein umfassendes Bild über die künftige
baden-württembergische Wasserversorgung.[iii]
Industrie: Wenn Produktion am Wasser hängt
Solche Planungsinstrumente wie der Masterplan auf Landesebene sind für die
Kommunen und die Sicherstellung ihrer Wasserversorgung elementar - auch deshalb,
weil die Ansiedlung und der Bestand von Industrie und damit Arbeitsplätzen in
besonderem Maß von verlässlicher Wasserverfügbarkeit abhängen. Chemie- und
Pharmaunternehmen, Rechenzentren, die Lebensmittelindustrie oder die
Halbleiterfertigung - sie alle benötigen große Mengen Prozesswasser, vor allem
für Kühlung und Reinigung. Das verarbeitende Gewerbe ist für etwa 16-20 Prozent
des jährlichen Wasserverbrauchs in Deutschland verantwortlich, mehr als die
Hälfte davon entfällt auf die Chemieindustrie. [iv]
Gleichzeitig steigen die Anforderungen: Die EU-Kommunalwasserrichtlinie
verpflichtet große Kläranlagen dazu, bis 2045 eine vierte Reinigungsstufe
einzuführen. Mikroschadstoffe wie PFAS, Arzneimittelrückstände oder Mikroplastik
sollen künftig zuverlässig entfernt werden.[v]
Abwasser wird zur Ressource
Wasielewski sieht darin jedoch keineswegs nur eine Belastung, sondern eine
Chance, industrielles Wassermanagement grundlegend neu aufzusetzen. "Abwasser
und Regenwasser sind Ressourcen", sagt er. "Und zwar in Mengen, die wir bisher
kaum nutzen." Moderne Technologien wie Membranfiltration, biologische Behandlung
und digitale Steuerungssysteme ermöglichen es Unternehmen mittlerweile sogar,
kommunales Abwasser zu Brauch- oder sogar Reinstwasser aufzubereiten.
"Industrielle Wasserkreisläufe schaffen eine Win-Win-Situation. Sie sichern den
Betrieb und entlasten die Umwelt", erklärt Wasielewski. "Insgesamt müssen wir
diese Kreisläufe flächendeckend etablieren. Solange wir Wasser verbrauchen oder
ableiten, statt es so lange wie möglich zurückzuhalten und mehrfach zu
gebrauchen, wird es uns nicht gelingen, gegen den drohenden Wassermangel
anzugehen. Ein Gebäude zum Beispiel, das statt schmutzigem Abwasser sauberes
Betriebswasser produziert, ist die Richtung, in die wir denken müssen."
Schwammstädte: Wie Kommunen Wasser halten - statt es zu verlieren
In Wasserfragen umdenken müssen auch die meisten Städte und Kommunen. "Wir
dürfen uns in Deutschland vom scheinbar guten Wasserangebot nicht täuschen
lassen", sagt Ramona Jones, Wasser- und Klimaexpertin bei Drees & Sommer. Sie
begleitet Projekte, die zeigen, wie Städte Wasser zurückgewinnen können. "Es ist
wichtig, jetzt klimaangepasste und wassersensible Konzepte in unseren urbanen
Räumen umzusetzen, bevor der Druck überall groß wird." Kommunen prägen den
Umgang mit Regenwasser im Alltag - und damit die Widerstandsfähigkeit ganzer
Regionen. Sie müssen Wasser im Stadtraum halten und es erleb- und nutzbar
machen, statt es wie bisher schnell abzuleiten.
Wie das gelingen kann, zeigt das von Drees & Sommer begleitete Projekt
Phoenixsee in Dortmund: Als künstlich angelegter Rückhalteraum schützt er vor
Hochwasser und zeigt zugleich, wie sich eine ehemalige Industriebrache in eine
multifunktionale Wasser- und Lebensqualitätsfläche umwandeln lässt. Es muss das
Schwammstadt-Prinzip gelten: eine Stadt, die Wasser wie ein Schwamm aufnimmt,
speichert und bei Bedarf wieder abgibt - statt es möglichst schnell
abzuleiten.[vi]
Wasserstand Telegrafenberg: Grüne Lunge am Limit
Ein weiteres Beispiel ist der Telegrafenberg in Potsdam. Dort entwickelte Drees
& Sommer 2025 im Auftrag des GFZ Helmholtz-Zentrums ein Landschaftskonzept, das
den Wasserhaushalt des traditionsreichen Campus stabilisieren soll. Das Gelände
ist grüne Lunge, Kaltluftschneise und wichtiger Versickerungsraum. Viele der
Bäume sind über hundert Jahre alt. Doch Klimawandel und Trockenstress setzen
ihnen massiv zu: Untersuchungen zeigen, dass rund 78 Prozent des Bestands
geschädigt sind. Die sandigen Böden halten kaum Wasser, lange Trockenphasen
wechseln mit kurzen, heftigen Starkregen. "Entweder wird das Wasser schnell
abgeleitet - oder, wenn es sich halten kann, dann versickert es sehr stark. So
oder so kann es den Bäumen nicht zur Verfügung gestellt werden", sagt Jones.
Das Projektteam analysierte Böden, historische Strukturen und Vegetation.
Derzeit fließt der Niederschlag unterirdisch in eine zentrale Mulde - weit
entfernt von Bereichen, die dringend Wasser brauchen. "Also ist die Frage: Wie
kann man das Wasser wieder herausholen und nutzbar machen? Etwa indem man es
dezentral auf mehrere Mulden verteilt und dann den Bäumen zuführt", erklärt
Jones. Digitale Modelle zeigen, wie Wasser im Gelände fließt und wo sich neue
Speicher- und Versickerungsflächen eignen. Parallel prüften die Expertinnen und
Experten, wie sich der Standort naturverjüngen lässt - mit tiefwurzelnden,
trockenheits- und feuerresistenten Arten, die den Baumbestand langfristig
stabilisieren. "Im Prinzip versucht man, den natürlichen Wasserhaushalt, wie man
ihn draußen hat, über Grünflächen wieder in die Stadt hineinzuholen. Das hat
dann noch viele positive Nebeneffekte, Mikro-Klimaverbesserungen zum Beispiel,
oder Verbesserungen der Biodiversität", so die Klima- und Wasserexpertin.
Wie Berliner Schulhöfe zu Wasserspeichern werden
Wie sich auch dicht bebaute Stadtteile anpassen können, zeigt
Berlin-Lichtenberg. Dort hat Drees & Sommer im Auftrag des Bezirks untersucht,
wie 24 Schulen Regenwasser besser nutzen können. Das Problem ist typisch für
viele Großstädte: eine überlastete Mischkanalisation, die Starkregen nicht
aufnehmen kann. Das Wasser fließt ab, statt im Quartier zu bleiben - mit Folgen
für Überflutungen, Hitze und Vegetation. Die Gutachten zeigen, wie Schulhöfe,
Dächer und Grünflächen wieder zu Speicher- und Versickerungsräumen werden
können. Jones bringt die Logik auf den Punkt: "Vegetation braucht lange Perioden
mit Wasser, die durch den Klimawandel in vielen Regionen aber nicht mehr so
verlässlich sind." Regenwasser auf dem Grundstück zu halten, sei deshalb
zwingend - nicht als Ausnahme, sondern als Standard.
Die Untersuchungen in Lichtenberg verdeutlichen das große Potenzial - und die
strukturellen Hürden. Viele Flächen lassen sich entkoppeln und entsiegeln und so
von asphaltierten Schulhöfen in grüne Bereiche verwandeln, die nicht nur Wasser
zurückhalten, sondern auch die Aufenthaltsqualität für Schüler:innen und
Lehrkräfte deutlich erhöhen.
"Wenn man sich das Thema Regenwasser anschaut, muss man viele Akteure
beteiligen. Die ganzen Behörden, die ein Mitspracherecht haben, vom
Denkmalschutz bis hin zur Wasserbehörde. Das ist sehr komplex." Zusätzlich fehlt
es vielen Kommunen an personellen Kapazitäten. Förderanträge binden Ressourcen,
Planungen konkurrieren mit anderen Aufgaben, Prioritäten verschieben sich. "Wir
sehen aber, dass immer mehr Kommunen aktiver werden, und sie greifen dabei auch
auf die entsprechenden Fördermöglichketen des Bundes zu", sagt Jones. So gibt es
vom Bundesumweltministerium im Rahmen der Förderrichtlinie "Maßnahmen zur
Anpassung an die Folgen des Klimawandels" Unterstützung für kommunale Projekte,
die ihre Klimaanpassung beschleunigen wollen.
Genauso wie Städte und Unternehmen sind allerdings auch Privathaushalte in der
Pflicht, beispielsweise beim Umgang mit Trinkwasser. "Viele Anwendungen brauchen
kein Trinkwasser. Toilettenspülungen, Gartenbewässerung, Reinigungsarbeiten -
hier reicht Regen- oder Betriebswasser", sagt Umwelttechniker Stephan
Wasielewski. Wer Regentanks nutzt, Flächen entsiegelt und wassersparende
Armaturen einbaut, senkt den Verbrauch spürbar. Leckagen früh erkennen,
Bewässerung an Bodenfeuchte koppeln, Geräte in Eco-Programmen betreiben. Das
sind alles kleine Routinen, aber sie zeigen Wirkung." Jeder gesparte Liter
entlastet zugleich die Energie- und Gebührenseite. Denn Aufbereitung und
Transport von Trinkwasser kosten Strom - und bei knapper werdenden Ressourcen
steigen die Kosten weiter. "Wir behandeln Trinkwasser wie ein alltägliches
Betriebsmittel", sagt Wasielewski. "Dabei ist es unser wertvollstes
Lebensmittel. Für alle anderen Zwecke müssen wir andere Quellen nutzen."
[i] Kaveh Madani (2026): "Global Water Bankruptcy: Living Beyond Our
Hydrological Means in the Post-Crisis Era", United Nations University Institute
for Water, Environment and Health (UNU-INWEH).https: //
unu.edu/inweh/collection/global-water-bankruptcy
[ii] "Every Drop Counts - Pathways to Restore Germany's Water Balance" (2026),
Boston Consulting Group (BCG) in Kooperation mit NABU. https://ots.de/muThnZ
[iii] Masterplan Wasserversorgung: Ministerium für Umwelt, Klima und
Energiewirtschaft Baden-Württemberg (https://ots.de/MP3BJ8)
[iii] Richtlinie - EU - 2024/3019 - EN - EUR-Lex
(https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32024L3019)
[iv] Wasser in der Industrie (https://www.test-wasser.de/wasser-industrie)
[v] Entstehungsgeschichte Phoenixsee | dortmund.de (https://www.dortmund.de/them
en/freizeit-und-kultur/parks-seen-und-zoo/phoenix-see/entstehungsgeschichte/)
Pressekontakt:
mailto:presse@dreso.com
Weiteres Material: http://presseportal.de/pm/134210/6239560
OTS: Drees & Sommer SE
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