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Berlin (ots) - Immer mehr Kinder in Deutschland wachsen nicht in stabilen
Familienverhältnissen auf. Die Zahl der Kindeswohlgefährdungen hat zuletzt zum
dritten Mal in Folge einen neuen Höchststand erreicht: Im Jahr 2024 stellten die
Jugendämter 72.800 Fälle von Kindeswohlgefährdung
(https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/12/PD25_451_225.html)
durch Vernachlässigung, psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt fest. Damit
stieg die Zahl binnen fünf Jahren um fast ein Drittel (+31 Prozent). Die
Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke sehen eine zunehmende Belastung
vieler Eltern und Kinder sowie eine deutliche Verschärfung der Problemlagen.
Anlässlich des Internationalen Tags der Familie am 15. Mai fordern sie mehr
Prävention sowie deutlich frühere Unterstützung für Familien und betonen die
Relevanz familienanaloger Angebote in der stationären Kinder- und Jugendhilfe.
"Wir sehen seit Jahren, dass die Anfragezahlen von Jugendämtern steigen und die
Problemlagen gleichzeitig deutlich komplexer werden", sagte Michael Tietze,
Leiter des Kinderdorfs Uslar. Seit der Corona-Pandemie habe sich die Situation
weiter verschärft.
Studien bestätigen diese Entwicklung. Kinder aus psychisch belasteten Familien
haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Entwicklungsverzögerungen und emotionale
Probleme. Gleichzeitig wachsen viele Kinder in Lebenslagen auf, die von
Unsicherheit, Stress und eingeschränkten Ressourcen geprägt sind.
Auch Torsten Duschek, Erziehungsleiter im Kinderdorf Alt Garge, berichtet von
einer Zuspitzung: "Vernachlässigung ist häufig nicht mehr das gravierendste
Problem." Oft gehe es um Gewalt, Misshandlungen oder sexuelle Übergriffe im
familiären Umfeld. Zudem beobachten Fachkräfte vermehrt Fälle von F.A.S.D., also
Schädigungen infolge von Alkoholkonsum während der Schwangerschaft.
Die Einrichtungen in Uslar und Alt Garge gehören zum Bundesverband der
Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke
(https://albert-schweitzer-verband.de) , dessen Mitglieder deutschlandweit rund
500 Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe betreiben sowie eine Vielzahl von
Beratungsangeboten für Familien anbieten.
Aus Sicht der Fachkräfte liegt ein zentrales Problem darin, dass Hilfe häufig zu
spät einsetzt. "Wir greifen in vielen Fällen erst ein, wenn die Hütte schon
brennt", sagte Tietze. Präventive Angebote und Beratungsstrukturen seien
vielerorts unterfinanziert oder schwer zugänglich. "Dabei müsste Unterstützung
deutlich früher ansetzen."
In den Albert-Schweitzer-Kinderdörfern und Familienwerken leben Kinder in
familienähnlichen Strukturen mit festen Bezugspersonen. "Das eigentliche Heilen
findet im familiären Kontext statt", so Duschek. Entscheidend sei, dass Kinder
verlässliche Beziehungen erleben. "Wenn Kinder stabile Bindungen aufbauen,
entstehen neue Entwicklungsperspektiven."
Duschek kennt diese Erfahrung aus eigener Biografie: Als leibliches Kind von
Hauseltern wuchs er selbst in einem Kinderdorf auf. "Ich habe erlebt, wie
wichtig es ist, Menschen zu haben, die dauerhaft da sind", sagte er. Heute
begleitet er Kinder in ähnlichen Situationen. Viele von ihnen machen später eine
Ausbildung, gehen einem Beruf nach und führen ein selbstbestimmtes Leben. "Das
zeigt, was möglich ist, wenn Kinder die richtigen Rahmenbedingungen bekommen."
Die Experten betonen: Familie sei nicht nur Herkunft. Entscheidend sei, ob
Kinder in einem Umfeld aufwachsen, das ihnen Schutz, Orientierung und
verlässliche Beziehungen bietet.
Pressekontakt:
Sabrina Banze, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
T: +49 (030) 20 64 91 86 | E-Mail: mailto:sabrina.banze@albert-schweitzer.de
Weiteres Material: http://presseportal.de/pm/180445/6275216
OTS: Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke
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