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Eichstädt/Berlin (ots) - "ADHS im Erwachsenenalter? Da hilft doch nur eine
Pille." Solche Sätze hört Dr. med. Matthias Rudolph (Boppard) häufig - und
widerspricht entschieden. Der niedergelassene Facharzt für Psychosomatische
Medizin und Psychotherapie ist spezialisiert auf psychische Störungen bei
Erwachsenen und betont: "Die medikamentöse Behandlung ist wichtig, aber sie
reicht nicht. Wer ADHS hat, braucht in aller Regel auch Psychotherapie - und
zwar eine, die wirklich passt."
Der Facharzt engagiert sich im 2017 gegründeten "Expertenrat ADHS" und will mit
den folgenden praxisnahen Hinweisen Betroffenen und Ärzt:innen Mut machen, den
Weg in eine multimodale Therapie zu gehen - auch gegen die Hindernisse des
Alltags. Denn: "Gerade wenn Medikamente anfangen zu wirken, brechen viele
Patienten emotional ein", berichtet Rudolph aus seiner ärztlichen Erfahrung.
"Sie merken erst dann, was alles ungelebt geblieben ist - und brauchen
psychotherapeutische Hilfe, um das auszuhalten und neu zu sortieren."
Der zweite Schritt nach der Diagnose: Psychotherapie
Während die Diagnose und eine erste medikamentöse Einstellung häufig durch
Fachärzt:innen erfolgt, beginnt mit dem Gang zur Psychotherapeutin oder zum
Psychotherapeuten für viele ADHS-Betroffene ein entscheidender Abschnitt. "Es
geht um mehr als nur Symptomkontrolle", so Rudolph. "Psychotherapie hilft, mit
der eigenen Geschichte klarzukommen, eingefahrene Muster zu durchbrechen und
neue Wege im Alltag zu erproben." Doch genau da hakt es: Wartezeiten von sechs
Monaten oder länger sind keine Seltenheit.
Rudolphs Rat: "Nicht aufgeben - sondern strategisch vorgehen". Wer sich auf
mehrere Wartelisten von Praxen setzen lässt, flexibel bei der Terminzeit ist und
zusätzlich die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen (Tel.
116117) nutzt, erhöht seine Chancen enorm. "Und bitte: Nicht glauben, dass man
nichts machen kann, solange man keinen Platz hat. Auch Selbsthilfegruppen oder
digitale Tools können in dieser Zeit eine wertvolle Unterstützung sein."
Gute Psychotherapie finden - trotz Hürden
Wichtig ist laut Rudolph, dass die Behandlung durch jemanden erfolgt, der ADHS
ernst nimmt und versteht. "Wenn der Therapeut sagt: Das gibt's doch gar nicht -
dann bitte direkt gehen", sagt er mit Nachdruck. Ob Verhaltenstherapie oder
tiefenpsychologischer Ansatz - entscheidend sei die therapeutische Beziehung.
Wer sich in den ersten Sitzungen nicht wohlfühle, solle offen kommunizieren und
weitersuchen: "Besser Bauchgefühl ernst nehmen als Bauchweh auf Dauer."
Was viele nicht wissen: Sollte sich kein Kassenplatz finden, gibt es das
Kostenerstattungsverfahren, mit dem auch private Psychotherapeut:innen auf
Kassenkosten tätig werden können - wenn die vergebliche Suche nach einem
regulären Platz dokumentiert wurde. Unterstützung dabei bieten z. B.
Selbsthilfegruppen oder Landespsychotherapeutenkammern.
Dass sich der Aufwand lohnt, zeigen auch Zahlen: In einer großen europäischen
Studie (Libutzki et al ., Eur Psychiatry, 2019) gingen unter multimodaler
Behandlung nicht nur ADHS-Symptome, sondern auch Folgekosten durch
Begleiterkrankungen wie Depression oder Sucht deutlich zurück.
"Auch mit der Diagnose Erwachsenen-ADHS brauchst Du nicht resignieren - eine
multimodale, leitliniengerechte Behandlung ist oft erfolgreich." Mit dieser
Botschaft will Rudolph nicht nur Betroffenen Mut machen, sondern auch
Hausärzt:innen und Psychotherapeut:innen motivieren, sich dem Thema zuwenden.
Dr. Rudolphs Tipps für Betroffene auf Therapiesuche
- sprechen Sie mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt über ein mögliches
Erwachsenen-ADHS
- lassen Sie sich an einen Facharzt oder eine -ärztin überweisen - möglichst mit
Dringlichkeitsvermerk
- nutzen Sie die Terminservicestelle der KV (Tel. 116 117) für einen Ersttermin
- melden Sie sich bei mehreren Psychotherapeut:innen parallel. Bleiben Sie dran
- viele Wartelisten lösen sich schneller auf als gedacht
- schließen Sie sich einer ADHS-Selbsthilfegruppe an - das stärkt und öffnet
Wege
- nutzen Sie digitale Gesundheitsanwendungen zur Überbrückung, aber nicht als
Ersatz
- prüfen Sie das Kostenerstattungsverfahren, wenn kein Kassenplatz auffindbar
ist
- und ganz wichtig: Wenn die Chemie bei einer Therapeutin, einem Therapeuten
nicht stimmt - weitersuchen!
- Podcast ADHS: Kein Grund zur Panik! Ambulante Psychotherapie bei einer ADHS (h
ttps://www.expertenrat-adhs.de/podcast/ambulante-psychotherapie-bei-einer-adhs/)
- Libutzki B, Ludwig S, May M, Jacobsen RH, Reif A, Hartman CA: Direct medical
costs of ADHD and its comorbid conditions on basis of a claims data analysis.
Eur Psychiatry. 2019 May;58:38-44 (DOI 10.1016/j.eurpsy.2019.01.019, Volltext
englisch (https://doi.org/10.1016/j.eurpsy.2019.01.019) ).
Pressekontakt:
Expertenrat ADHS
Rainer H. Bubenzer
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OTS: Expertenrat ADHS
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