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Berlin (ots) - Benzinpreis-Schock, Abzocke an der Tanke, Dieselwut - die
bekannten Schlagzeilen der Boulevardpresse machen wieder einmal die Runde. Wie
im Gefolge jeder globalen Krise erhöhen Mineralölkonzerne auch diesmal
postwendend ihre Preise. Ebenso postwendend reagieren Politiker mit
unausgegorenen Vorschlägen wie einem "Tankrabatt".
Sachlich betrachtet gibt es aktuell keine handfesten Gründe, um am Preishahn
kräftig zu drehen. Der Nahost-Krieg trifft die Versorgung Europas nur am Rande.
Iran und die anderen Golfstaaten beliefern durch die nun für Tanker
unpassierbare Straße von Hormus fast ausschließlich Asien. Selbst für China,
Indien und Japan könnte erst eine längere Sperrung des Seeweges heikel werden.
Doch da Energie global gehandelt wird, führen die Probleme wichtiger
Förderländer zu steigenden Preisen am sogenannten Spotmarkt, an dem tagesaktuell
gehandelt wird. Davon profitieren übrigens vor allem US-Konzerne, denn die
Vereinigten Staaten sind weltweit mit Abstand der größte Förderer von Öl und
Gas. Auf die Preise an der Tankstelle hat der Spotmarkt aber eigentlich keinen
unmittelbaren Einfluss, sondern höchstens mittelfristig. Mineralölkonzerne
beschaffen sich ihren Rohstoff mittels langjähriger Lieferverträge oder fördern
aus eigenen Lagerstätten.
Ohnehin ist der Rohölpreis am Spotmarkt nur moderat gestiegen. Weit geringer,
als während der durch den Ukraine-Krieg ausgelösten internationalen
Energiekrise. Extrem steigende Energiekosten, die sich nach und nach ins
sonstige Preisgefüge hineinfressen, wären erst bei einem länger andauernden
Nahost-Krieg zu erwarten. Die aktuellen Preiserhöhungen an der Tankstelle sind
auch deswegen unangebracht, weil von der Förderung über den Seetransport bis hin
zur Verarbeitung in einer Raffinerie und der Lieferung an eine Tankstelle viele
Monate vergehen.
Das Bundeskartellamt, das wie üblich angekündigt hat, den Markt ganz scharf zu
beobachten, wird sich als zahnloser Tiger erweisen. Dies lässt sich zu Beginn
jeder Urlaubssaison und vor den Weihnachtsfeiertagen Jahr für Jahr beobachten.
Die von der Behörde eingerichtete "Markttransparenzstelle für Kraftstoffe"
beobachtet bereits seit einem Jahrzehnt alle Tankstellen genau und stellt
Spritpreis-Apps zur Verfügung. Ohne nennenswerte Wirkung.
Und so können ausgerechnet die Ölmultis das einzig wirkmächtige Argument
anführen: Die durch Panikkäufe verursachte steigende Nachfrage ermöglicht eben
höhere Preise. Spätestens wenn alle vollgetankt haben, sinken die Nachfrage und
- so die Öl-Götter in ihren Konzernzentralen wollen - auch die Preise wieder auf
ihr (hohes) Normalmaß. Spätestens dann wird sich die politische Debatte als das
entpuppen, was sie seit Jahren immer wieder ist: ein Stürmchen im Wasserglas.
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