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Stuttgart (ots) - Der Aufbau des neuen 1&1 Mobilfunknetzes gehört zu den
ehrgeizigsten Telekommunikationsprojekten der vergangenen Jahre. SMARTWEB
zeichnet die Entwicklung nach - von der Frequenzauktion 2019 über zahlreiche
Rückschläge und Wendungen bis hin zu den ersten großen Erfolgsmeldungen.
5G Frequenzauktion: 1&1 wagt den großen Schritt
Als die Bundesnetzagentur (BNetzA) im Jahr 2019 zur letzten großen
Frequenzauktion rief, ging es nicht allein darum, die etablierten Netzbetreiber
Deutsche Telekom, Vodafone und o2 mit passenden Frequenzen für den kommenden 5G
Mobilfunk auszustatten. Idealerweise sollte auch der Weg für einen neuen vierter
Netzbetreiber in Deutschland geebnet werden.
United Internet warf seinen Hut in den Ring - und so fand sich im März 2019 auch
1&1 im Bieterkreis wieder. Nach einer dreimonatigen Auktionsschlacht hatte 1&1
schließlich mehrere Frequenzbänder in der Tasche, die den Grundstein für ein
eigenes Mobilfunknetz legen sollten. Dem Megaprojekt war von Beginn an ein
strenger Zeitrahmen gesetzt. Denn die Lizenzrechte hatte die BNetzA mit
konkreten Ausbauvorgaben verknüpft:
- bis Ende 2022: 1.000 5G-Basisstationen
- bis Ende 2025: 25 Prozent Bevölkerungsabdeckung
- bis Ende 2030: 50 Prozent Bevölkerungsabdeckung
Ein potenzielles Problem für 1&1: Die Frequenzen, die sich der Neueinsteiger
sichern konnte, waren lediglich für die Erschließung dicht besiedelter
städtischer Räume geeignet. Low- und Midband-Frequenzen für den Ausbau in der
Fläche fehlten dem Unternehmen. Dieses Manko wollte 1&1 bei der nächsten
Frequenzauktion beheben, mit der für 2024 gerechnet wurde. Eine Fehleinschätzung
- denn es sollte ganz und gar anders kommen.
Netzplanung: Die ersten Puzzleteile fügen sich zusammen
Den Aufbau des neuen Netzes wollte 1&1 2021 in Angriff nehmen - parallel zur
Freigabe der ersten ersteigerten Frequenzblöcke. Klar war, dass 1&1 noch lange
auf fremde Netze angewiesen sein würde. Um für die Aufbauphase vorzubauen,
verlängerte 1&1 seinen bestehenden Vertrag für die Nutzung von Netzkapazitäten
im Telefónica Netz und schloss mit Telefónica im Februar 2021 zusätzlich eine
Vereinbarung über National Roaming.
Im August 2021 wurde schließlich das Geheimnis gelüftet, wer denn die Technik
für das neue 1&1 Mobilfunknetz bereitstellen würde. 1&1 hatte sich für den
japanischen Netzausrüster Rakuten entschieden. Dieser relative Neueinsteiger
hatte im Jahr zuvor in Japan das weltweit erste kommerzielle Open-RAN
Mobilfunknetz gestartet.
Genau dieses Konzept sollte auch die Basis des 1&1 Netzes werden. Nicht nur wird
das Open-RAN vollständig über Software gesteuert, anders als bei herkömmlichen
Netzen können hier zudem beliebige Systemkomponenten verschiedener Hersteller
verbaut werden. Das verspricht enorme Einsparungen bei Betrieb, Wartung und
Upgrades.
Der grundsätzliche Plan für die künftige 1&1 Netzarchitektur steht: Vier
zentrale Rechenzentren sollen den Kern des 1&1 Mobilfunknetzes bilden. Dazu
verteilen sich Hunderte lokale Rechenzentren über ganz Deutschland, die über
Glasfaserleitungen direkt mit den Antennenstandorten vor Ort verbunden werden.
Die Bereitstellung der Rechenzentren und Glasfaserleitungen soll das
Schwester-Unternehmen 1&1 Versatel übernehmen.
Die umfangreichste Aufgabe ist jedoch die Erschließung und der Aufbau der
Tausenden von Antennenstandorte, die für eine flächendeckende Netzversorgung
benötigt werden. Für die holte sich 1&1 mehrere Partner ins Boot. Den
Löwenanteil soll die Vodafone-Tochter Vantage Towers besorgen, mit der 1&1 im
Dezember 2021 einen Vertrag über den Aufbau von bis zu 5.000 Standorten
schließt. Damit kann das Drama seinen Lauf nehmen.
Hintergangen: Warum der 1&1 Netzausbau entgleist
Im Juli 2022 kann sich das 1&1 Mobilfunknetz zum ersten Mal in einem
Friendly-User-Test beweisen. Smartphone-Fuktionalität gibt es hier allerdings
noch nicht, stattdessen wird den Testnutzern 5G Internet als
Festnetz-Alternative für zuhause zur Verfügung gestellt.
Hinter den Kulissen läuft es allerdings schon lange ganz und gar nicht mehr nach
Plan. Im September muss 1&1 bekanntgeben: Das Ausbauziel für 2022 ist nicht mehr
zu halten. Wie schwer die Versäumnisse sind, wir erst später öffentlich: Statt
den geforderten 1.000 aktiven 5G Basisstationen hatte 1&1 Ende 2022 lediglich 5
Antennenstandorte in Betrieb.
Das Verfehlen der Vorgaben ist keineswegs eine Bagatelle: Pro fehlendem Standort
steht theoretisch eine Strafzahlung von bis zu 50.000 Euro im Raum. Im April
2023 eröffnet die BNetzA ein entsprechendes Bußgeldverfahren.
Als Hauptursache für das Scheitern benennt 1&1 erhebliche und anhaltende
Lieferengpässe beim Partner Vantage Towers. Das legt einen schwerwiegenden
Verdacht nahe: Hat der große Konkurrent Vodafone den Standort-Ausbau über seine
Tochterfirma etwa absichtlich verschleppt?
Dieser Fährte folgt auch das Bundeskartellamt, das im Juli 2023 schließlich eine
Prüfung der möglichen rechtswidrigen Behinderung von 1&1 durch Vantage Towers
und Vodafone einleitet. Eine abschließende Entscheidung steht allerdings bis
heute aus.
Unerwartete Wende: 1&1 geht Partnerschaft mit Vodafone ein
Aber immerhin: Trotz des Rückschlags sieht 1&1 keine Auswirkungen auf den
geplanten Netzstart - der soll nach wie vor Ende 2022 erfolgen. Tatsächlich
klappt das, wenn auch in einem sehr überschaubaren Umfang. In Frankfurt und
Karlsruhe können die ersten Kunden nun das Homespot-Angebot 1&1 5G zu Hause
buchen.
In der Zwischenzeit setzt sich 1&1 mit seinen Ausbaupartnern zusammen und legt
im März 2023 einen neuen Rollout-Plan für Antennenstandorte vor. Aufgrund
weiterer Verzögerungen bei Vantage Towers will das Unternehmen dabei verstärkt
auf Eigenausbau setzen. Doch der ursprünglich für Mitte 2023 geplante Start der
eigenen 1&1 Mobilfunktarife verschiebt sich immer weiter nach hinten - zunächst
auf September 2023, später auf Dezember 2023.
Man könnte meinen, zwischen 1&1 und Vodafone sei inzwischen sämtliches Porzellan
zerschlagen. Doch statt auf Schadensersatz ist United Internet weiterhin vor
allem auf eines aus - die von Vantage Towers versprochenen Antennenstandorte.
Trotzdem überrascht, was 1&1 im August bekanntgibt: 1&1 stellt Vodafone als
seinen neuen National Roaming-Partner vor, der die bisherige Kooperation mit
Telefónica Deutschland komplett ablösen soll. Von Sommer 2024 bis Ende 2025
werden schrittweise alle 1&1 Mobilfunkkunden auf das National Roaming durch
Vodafone umgestellt.
Netzausfall wirft 1&1 erneut weit zurück
Derweil beginnt sich das 1&1 5G Netz zu füllen. Während Neukunden seit Dezember
2023 direkt das neuen Mobilfunknetz nutzen, werden seit Anfang 2024 auch
Bestandskunden nach und nach aus dem angemieteten Netzen auf das 1&1 Open-RAN
migriert.
Doch der nächste Rückschlag lässt nicht lange auf sich warten: Ende Mai 2024
legt ein Software-Update das 1&1 Mobilfunknetz für mehrere Tage lahm. Die
schwere Netzstörung sorgt nicht nur für viel Unmut bei den Nutzern. Denn bei der
Untersuchung des Vorfalls stellt sich heraus, dass die Technik in den beiden
bereits aktiven Core-Rechenzentren deutlich unterdimensioniert war.
Im Sommer muss 1&1 diese daher erst einmal nachrüsten. Die beiden weiteren
Kernrechenzentren können erst mit einiger Verspätung im November 2024 ans Netz
genommen werden. Besonders bitter: In der Zwischenzeit musste auch die
großangelegte Kundenmigration über mehrere Wochen stark zurückgefahren werden.
Der große Paukenschlag: Wieder alles auf Anfang?
Im August 2024 folgt der nächste Hammer: Verwaltungsgericht Köln erklärt die 5G
Frequenzauktion 2019 rückwirkend für rechtswidrig. Das Urteil war das
Endergebnis eines jahrelangen Rechtsstreits, der von den beiden Mobilfunkern
Freenet und EWE Tel angestoßen wurde.
Der Knackpunkt: Die Bundesnetzagentur verzichtete bei der Vergabe der Frequenzen
auf eine Diensteanbieterverpflichtung, die kleineren Marktteilnehmern leichteren
und diskriminierungsfreien Zugang zu Netzkapazitäten eingeräumt hätte. Dies
wiederum sei, wie das Gericht bestätigte, auf Druck des Verkehrsministeriums
unter Andreas Scheuer geschehen - eine widerrechtliche Einflussnahme seitens der
Politik.
Das 5G Frequenzverfahren muss nun neu aufgerollt werden - selbst eine Neuvergabe
steht im Raum. Das bringt viel Unsicherheit, für 1&1 hat die Entscheidung aber
zunächst einmal eine positive Folge: Das aufgrund der verfehlten Ausbauziele
gestartete Bußgeldverfahren gegen 1&1 wird von der BNetzA eingestellt.
Eine andere Entscheidung der BNetzA macht 1&1 das Leben hingegen schwieriger. Im
März 2025 gibt sie bekannt, die Low- und Mid-Band-Frequenzen zu verlängern -
ohne Auktion. Damit hat 1&1 nun doch keine Chance, sich eigene Frequenzen in
diesem Bereich zu sichern. Da der frischgebackene Netzbetreiber diese aber
dringend benötigt, werden die Konkurrenten von der BNetzA zu Verhandlungen um
entsprechende Nutzungsrechte für 1&1 verpflichtet.
Auf großes Entgegenkommen seitens der Konkurrenz brauchte 1&1 aber zu keinem
Zeitpunkt zu hoffen. Obwohl den Netzbetreibern von der BNetzA mittlerweile
Berichtspflichten über den Stand der Verhandlungen auferlegt wurden, hat 1&1
laut eigener Aussage noch immer keine ernstzunehmenden Angebote erhalten.
Doch noch ein Happy End in Sicht?
Die Zukunft ist weiter ungewiss, doch es geht vorwärts. Mit über zwei Jahren
Verspätung erfüllt 1&1 im März 2025 nun endlich die Ausbauvorgabe von 2022 - die
ersten 1.000 5G Standorte funken.
Im November 2025 schließt 1&1 zudem die Kundenmigration auf das eigene Netz
erfolgreich ab. Damit ist die nächste Vorgabe erfüllt, denn bis Ende 2025 musste
1&1 wettbewerblich unabhängig werden - ein Netzbetreiber darf nicht gleichzeitig
als Wiederverkäufer von fremden Netzleistungen aktiv sein.
Die Kundenmigration hat zum Verlust vieler Altverträge geführt, weshalb die Zahl
der 1&1 Mobilfunkkunden im Jahr 2025 unterm Strich kaum wachsen konnte. Für 2026
dürfte 1&1 nun wieder mit einem sechsstelligen Zuwachs rechnen dürfen.
Ende 2025 legte 1&1 dann auch noch eine Punktlandung hin. Nach den Fehlschlägen
der Vergangenheit hat 1&1 seine 5G Versorgungsauflage für 2025 pünktlich erfüllt
- kurz vor Weihnachten erreicht das 1&1 5G-Netz die geforderten 25 Prozent der
deutschen Haushalte.
Zwischenzeitlich aufgekommenen Branchengerüchten über eine mögliche Fusion mit
Telefónica erteilte der United Internet-Chef Ralph Dommermuth bei der
Präsentation der aktuellen Jahreszahlen dann auch eine passende Absage: "Wir
sind aus dem Schlimmsten draußen. Warum sollten wir jetzt das Unternehmen
verkaufen, die Party hat ja noch gar nicht begonnen."
Der vollständige Hintergrundbericht inklusive detaillierter Timeline ist auch
auf SMARTWEB abrufbar:
https://ots.de/uLDH1P
Über SMARTWEB
Die Tarifexperten von SMARTWEB unterstützen Verbraucher seit über 20 Jahren bei
der Suche nach den besten Angeboten im Bereich Handy und Mobilfunk. Dabei stellt
das Verbraucherportal die Anforderungen und Wünsche seiner Nutzer in den
Mittelpunkt und sorgt durch Marktanalysen und Vergleichsrechner für Transparenz
im Tarifdschungel.
Mehr über SMARTWEB unter https://www.smartweb.de/smartweb-redaktion
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