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Darmstadt (ots) - Recherchen von Wildtierschutz Deutschland belegen, dass die
vom Kreis Bergstraße und von RWE als CEF-Maßnahmen installierten Schwalbentürme
in Biblis ungeeignet sind: Auf den feuchten Rheinwiesen bildet sich Schimmel an
den Nestern, Prädation und Hitze behindern die Aufzucht in den Schwalbenhäusern.
Eine Begründung des Energiekonzerns RWE dafür, an bestehenden Gebäuden keine
Ersatznester anbringen zu können ist vorgeschoben.
Über drei Jahrzehnte gab es am Atomkraftwerk Biblis Mehlschwalben. So hoch wie
an keinem anderen Gebäude in Deutschland fanden bis zu 800 Mehlschwalben
Nistmöglichkeiten an den 80 Meter hohen Kühltürmen der am Rhein gelegenen
Anlage. Die Schwalbenkolonie war die größte ihrer Art in ganz Deutschland.
Die Nester der einst 400 Brutpaare der in der Roten Liste der Brutvögel als
gefährdet geführten Zugvogelart wurden mit dem Abbruch des letzten Kühlturms am
AKW Biblis Mitte Januar des Jahres endgültig zerstört. Durch einen Widerspruch
gegen die Abbruchgenehmigung konnte Wildtierschutz Deutschland gemeinsam mit den
Umweltorganisationen MUNA e.V., BUND Kreis Bergstraße und weiteren
Naturschutzorganisationen zunächst die aufschiebende Wirkung der Abbrucharbeiten
erwirken. Dem ist der Energiekonzern RWE, dem das ehemalige Atomkraftwerk
gehört, dann aber zuvorgekommen. Innerhalb weniger Tage hat RWE den Turm derart
destabilisiert, dass er am 16. Januar abgebrochen werden musste. "RWE hat Fakten
geschaffen, um seiner Verantwortung für die einzigartige Mehlschwalbenkolonie zu
entgehen", konstatiert Florinde Stürmer, Pressesprecherin von Wildtierschutz
Deutschland. "Für ein Unternehmen, welches vorgibt Naturschutz sei ein ihm ein
wichtiges Anliegen, ist diese Vorgehensweise erstaunlich."
Bereits vor dem Abbruch wies das Naturschutzbündnis darauf hin, dass die
Ausgleichmaßnahmen in Form von acht Schwalbentürmen mit insgesamt 424 Nestern
weder zum Zeitpunkt der Ausstellung der Abbruchgenehmigung funktional waren noch
jemals eine wirksame Brutstätte für Mehlschwalben sein konnten. Trotz mehrerer
Forderungen an die zuständigen Behörden des Baudezernenten des Kreises
Bergstraße, tatsächlich wirksame Maßnahmen gegenüber RWE zu veranlassen, ließen
diese sich bisher nicht darauf ein.
Die Bauaufsichtsbehörde akzeptierte, dass RWE seine Gründe dafür habe, keine
Ausgleichsmaßnahmen auf dem Betriebsgelände zuzulassen, obwohl Baudezernent
Schimpf dazu jede Handhabe hätte. Sei es als Abhilfeentscheidung zum Widerspruch
zur Abbruchgenehmigung oder im Rahmen einer Bescheidung des seitens der
Naturschützer gestellten Antrags auf Einschreiten.
Auch im Rahmen eines im Kern konstruktiven Gesprächs mit allen Beteiligten in
der Kreisverwaltung konnte keine zufriedenstellende Lösung gefunden werden. "Es
wäre für RWE durchaus realisierbar, an zwei, gegenüber den bisherigen Kühltürmen
stehenden Gebäuden jeweils 200 Kunstnester anzubringen, erläutert Florinde
Stürmer von Wildtierschutz Deutschland, "immerhin waren sie in der Lage, uns
innerhalb von drei Tagen durch die Destabilisierung des letzten Kühlturms vor
vollendete Tatsachen hinsichtlich der erwirkten aufschiebenden Wirkung zu
stellen."
"Die Behörden berufen sich darauf, dass es keine rechtliche Handhabe gäbe,
weitere Maßnahmen gegenüber RWE anzuordnen. Das ist - wie die vertiefende
Begründung zum Widerspruch ergeben hat, nicht korrekt," führt Stürmer aus, "denn
die von uns im Rahmen eines Widerspruchs angefochtene Abrissgenehmigung, in der
die von RWE zu erbringenden Ausgleichsmaßnahmen definiert sind, ist keineswegs
bestandskräftig." Aus der Abrissgenehmigung ergibt sich sogar explizit die
Möglichkeit des Einschreitens der Behörde. Grund sind die seit über drei Jahren
nicht von den Mehlschwalben angenommenen Schwalbenhäuser. Der Baudezernent habe
also durchaus die Möglichkeit, RWE, wie in der Abbruchgenehmigung festgehalten,
zu verpflichten, weitere Maßnahmen mit der Unteren Naturschutzbehörde
abzustimmen.
Dass das Handeln der Behörde jetzt erforderlicher ist, denn je, haben Recherchen
der Naturschützer ergeben: Bei einer Inspektion der Schwalbentürme haben sie
Schimmel an sämtlichen Schwalbentürmen entdeckt. Ein Labor hat die eingesandten
Schimmelpilzproben in seinem Befund als Cladosporium spezies definiert. Eine
unverzüglich eingeholte Stellungnahme einer vogelkundigen Tierarztpraxis
bescheinigte mittlerweile, dass diese Schimmelsporen Gesundheit und Leben der
Mehlschwalben gefährden können. Am letzten Samstag wurden bereits die ersten aus
Afrika zurückgekehrten Mehlschwalben über den Standorten der ehemaligen
Kühltürme suchend umherfliegend gesichtet. "Wenn Baudezernent Schimpf nicht
unverzüglich handelt, wird er das Erlöschen der wahrscheinlich größten
Mehlschwalbenkolonie Deutschlands zu verantworten haben," bedauert die
Artenschützerin Stürmer.
Dazu Dirk Bernd von der Umweltorganisation MUNA aus Heppenheim: "Die
Schimmelbildung spricht dafür, dass der Standort der Schwalbentürme auf den
Wiesen am Rhein sowohl diesseits als auch jenseits des Deiches nicht geeignet
ist. In den Rheinauen ist aufgrund der geografischen Lage, der Nähe zum Fluss
und der vegetationstypischen Verdunstung ganzjährig mit einer höheren
Feuchtigkeit als im Umland oder auf dem AKW-Betriebsgelände zu rechnen.
Besonders hoch und den Schimmel begünstigend ist die Luftfeuchtigkeit in den
Sommermonaten (Juni, Juli, August). Hohe Temperaturen führen zu starker
Verdunstung über den feuchten Wiesen und dem Rhein, was dort zu einer
dauerhaften Standfeuchte in der Bausubstanz der Schwalbenhäuser führt."
Auch das bisherige Argument von RWE, die für die Anbringung von Nestern
geeigneten Gebäude würden in naher Zukunft abgerissen, erwies sich als
vorgeschoben. Einem Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 26. Februar 2026
zufolge - just dem Tag, an dem wir gemeinsam mit der Behörde und RWE über
Lösungsmöglichkeiten des Konflikts diskutierten - bleiben die von den
Naturschutzorganisationen für die Anbringung von Mehlschwalbenbrettern
auserkorenen 40 Meter hohen Maschinenhallen bestehen.
"Die Argumente der Behörde, nicht weitere wirksame Maßnahmen einzufordern,
entbehren jeder Grundlage. Genau das haben wir durch unseren Rechtsanwalt
nochmal an die Bau- und die Naturschutzbehörde des Kreises Bergstraße
adressiert, gemeinsam mit der wiederholten Forderung, Nester an Gebäuden auf dem
AKW-Gelände unverzüglich anzubringen," ergänzt Florinde Stürmer. Es sei
unverfroren, dass der Landkreis Bergstraße in Zeiten des Artensterbens aus
Ignoranz oder aus einer Unterwürfigkeit gegenüber dem Energiekonzern die
bedeutsamste Mehlschwalbenkolonie Deutschlands RWE erlöschen lässt.
Neben der weiteren Aufforderung an die Behörde haben die Naturschützer sich mit
einer Fachaufsichtsbeschwerde an die Obere Naturschutzbehörde im
Regierungspräsidium Darmstadt gewandt.
Weil die Zeit rennt und die Mehlschwalben nach ihrem viele Tausend Kilometer
langen Flug in diesen Tagen geschwächt in Biblis erwartet werden, setzen Muna,
BUND Bergstraße und Wildtierschutz Deutschland weiterhin alle Hebel in Bewegung,
um die bundesweit größte Mehlschwalbenkolonie zu retten. +++
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Über Wildtierschutz Deutschland e.V. (WTSD): Wildtierschutz Deutschland in eine
gemeinnützige Tier- und Naturschutzorganisation. Sie wurde 2011 gegründet und
setzt sich seitdem für Wildtiere, ihre Lebensräume und für eine Änderung der
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