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Düsseldorf (ots) - Mal fehlen Fiebersäfte, an anderen Tagen bestimmte
Antibiotika. Seit der Corona-Pandemie treten immer wieder vermehrt
Lieferengpässe von Arzneimitteln auf. Woran das liegt, erklärt Kathrin Luboldt,
Vizepräsidentin der Apothekerkammer Nordrhein.
Frau Luboldt, Sie sind selbst Inhaberin der Damian-Apotheke in Dinslaken. Wie
präsent ist das Thema Lieferengpässe in Ihrem Alltag?
Luboldt: Leider sehr präsent. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht mehrmals mit
Lieferengpässen zu tun haben. Das betrifft längst nicht mehr nur seltene
Präparate, sondern auch Standardmedikamente wie Schilddrüsenpräparate,
Blutdruckpräparate und Psychopharmaka. Für die Apotheken vor Ort bedeutet das
einen enormen Mehraufwand, und für die Patientinnen und Patienten oft
Unsicherheit und Wartezeit bis Alternativen gefunden und abgeklärt werden
können.
Woran liegt das? Viele Menschen verstehen nicht, warum ein so wohlhabendes Land
wie Deutschland nicht ausreichend Medikamente bekommt.
Luboldt: Die Ursachen sind komplex. Ein zentraler Punkt ist die globale
Abhängigkeit von wenigen Produktionsstandorten, vor allem in Asien. Wenn dort
eine Fabrik ausfällt oder politische Spannungen entstehen, spüren wir das
sofort. Zudem gibt es logistische Probleme, etwa wenn Rohstoffe knapp werden
oder Transportwege gestört sind. Daher kann auch der Krieg im Iran zu neuen
Lieferengpässen führen.
Hängt es nur an der Globalisierung?
Luboldt: Nein, es kommen auch hausgemachte Gründe dazu. Für viele Arzneimittel,
die keinen Patentschutz mehr besitzen, schließen Krankenkassen seit vielen
Jahren mit den günstigsten Anbietern Rabattverträge ab. Das sind meistens Firmen
aus Asien. Deutsche Hersteller können bei diesem Preisdumping nicht mehr
mithalten. Für sie lohnt sich die Produktion nicht mehr. Und mit den Jahren
werden hierzulande immer mehr Fabriken geschlossen. Ebenso führen die
Dumpingpreise in Deutschland dazu, dass die Hersteller ihre Arzneimittel lieber
in andere europäische Länder verkaufen.
Können Sie hierfür ein Bespiel nennen?
Luboldt: Als in Deutschland die Fiebersäfte für Kinder knapp waren, gab es zum
Beispiel in Tschechien ein ausreichendes Angebot. Die Hersteller haben dort
einfach mehr Geld für ihre Medikamente bekommen. Wir müssen uns in Deutschland
einfach fragen, wie viel wir für Arzneimittel bezahlen wollen. Wenn in
Deutschland eine Packung Antibiotika gerade mal so viel wie ein Kaugummi kostet,
darf man sich nicht wundern, wenn hier zu wenig davon ankommt.
Wie reagieren Ihre Patientinnen und Patienten darauf?
Luboldt: Die meisten sind verständnisvoll, aber natürlich frustriert. Besonders
schwierig ist es bei Eltern, deren Kinder dringend ein Medikament benötigen oder
bei chronisch kranken Menschen, die auf ein bestimmtes Präparat eingestellt
sind. Wir versuchen dann, Alternativen zu finden, aber das ist nicht immer
einfach.
Wie viel zusätzliche Arbeit entsteht dadurch für Ihr Team?
Luboldt: Sehr viel. Wir telefonieren täglich mit Arztpraxen, um Ersatzpräparate
abzustimmen. In manchen Fällen, wenn Praxen telefonisch schlecht zu erreichen
sind und der Patient selbst eingeschränkt ist, müssen wir sogar einen Boten
dorthin schicken. Außerdem prüfen wir Verfügbarkeiten bei Großhändlern,
dokumentieren Ausnahmen und beraten Patientinnen und Patienten intensiver. Das
kostet Zeit, die uns an anderer Stelle fehlt. Viele Kolleginnen und Kollegen
empfinden das als enorme Belastung. Und der zusätzliche Aufwand wird zudem
finanziell nicht ausreichend honoriert. Die Apotheken vor Ort zahlen bei jedem
Lieferengpass drauf.
Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern, damit sich die Lage verbessert?
Luboldt: Wir brauchen eine breitere Produktion in Europa, auch wenn das teurer
ist. Außerdem sollten wirtschaftliche Anreize geschaffen werden, damit
Hersteller wichtige Medikamente nicht aus dem Sortiment nehmen. Und wir
Apotheken brauchen mehr Handlungsspielraum, um bei Engpässen schneller auf
Alternativen ausweichen zu können, ohne jedes Mal bürokratische Hürden zu
überwinden.
Was können Patientinnen und Patienten tun?
Luboldt: Vor allem chronisch Kranke können vorbeugende Maßnahmen treffen. Viele
benötigen immer wieder die gleichen Medikamente. Wenn sie merken, dass sie zur
Neige gehen, empfehle ich, nicht bis zur letzten Tablette zu warten, sondern
sich bereits zwei Wochen vorher das Rezept zu besorgen. Mit dem ausreichenden
Vorlauf können die Apotheken vor Ort die Patientinnen und Patienten in der Regel
immer ausreichend versorgen.
Haben Sie das Gefühl, dass die Politik das Problem ernst genug nimmt?
Luboldt: Es gibt Bewegung, aber vieles geht zu langsam. Lieferengpässe sind kein
kurzfristiges Phänomen, sondern ein strukturelles Problem. Wenn wir nicht
grundlegend umdenken, wird sich die Situation weiter verschärfen.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Luboldt: Dass wir wieder verlässlich versorgen können. Für uns ist es ein Kern
unseres Berufs, Menschen zu helfen. Wenn wir ihnen sagen müssen: "Es tut mir
leid, das Medikament ist nicht lieferbar", ist das frustrierend. Ich hoffe, dass
wir bald wieder mehr Stabilität im System haben.
Über uns: Apothekerkammer Nordrhein
Die Apothekerkammer Nordrhein (AKNR) ist als Körperschaft des öffentlichen
Rechts Trägerin der berufsständischen Selbstverwaltung der Apothekerinnen und
Apotheker, die in den Regierungsbezirken Köln und Düsseldorf arbeiten oder
leben. Sie vertritt die Interessen der über 12.200 Kammerangehörigen, die in
öffentlichen Apotheken, Krankenhäusern, Wissenschaft, Industrie und Verwaltung
oder bei der Bundeswehr tätig sind. Die Apotheke vor Ort übernimmt eine
hoheitliche Aufgabe: die sichere, vom Heilberuf getragene, wohnortnahe
Versorgung der Menschen mit Arznei- und Hilfsmitteln, 365 Tage im Jahr, rund um
die Uhr.
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