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Jenny Erpenbeck: Geschichte hinter "Heimsuchung" prägt Menschen im Osten bis heute / Zwei-Millionen-Haus für 4500 Euro an Alteigentümer zurückgegeben |
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| 13.10.2026 12:07 Uhr |
Neue Osnabrücker Zeitung |
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Osnabrück (ots) - Die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck sieht die Erlebnisse nach
dem Mauerfall bis heute im Osten nachwirken: "Einen Staat enden zu sehen, ist in
jedem Fall eine sehr prägende Erfahrung", sagte Erpenbeck der "Neue Osnabrücker
Zeitung" (noz).
Ihr Roman "Heimsuchung" - in Volker Schlöndorffs Verfilmung jetzt im Kino -
erzählt Verlustgeschichten des 20. Jahrhunderts. Biografischer Ausgangspunkt, so
Erpenbeck, sei gewesen, "dass meine Familie nach dem Mauerfall das Sommerhaus
meiner Großeltern an die Alteigentümer zurückgeben musste". Dahinter sieht
Erpenbeck die kollektive Erfahrung Hunderttausender im Osten: "Von 800.000
Anträgen auf Rückgabe sind damals 640.000 bewilligt worden. 640.000 Familien
haben erfahren, dass ihre 40 Jahre Lebenszeit an diesem Ort juristisch nichts
gelten." Die Praxis, so die Autorin, wirke bis in die Gegenwart: "Man sieht es
bis heute an den Statistiken. Das im Osten vererbte Vermögen ist bis heute bei
weitem geringer ist als in der Westhälfte Deutschlands, ebenso wie der
Immobilienbesitz."
Am Beispiel der eigenen Geschichte bezifferte Erpenbeck auch einen enormen
finanziellen Verlust: "Nach über einem Jahrzehnt des Prozessierens wurde meinem
Vater dann der ursprüngliche Kaufpreis - einmal halbiert wegen des Kurses
Ostmark/DM, und noch einmal halbiert wegen des Kurses DM/Euro - erstattet. Das
waren akkurat 4500 Euro. Verkauft wurde das Grundstück von der Erbengemeinschaft
dann für 450.000 Euro. Heute sind die Grundstücke dort zwei Millionen wert."
Problematisch sei auch gewesen, "dass man praktisch die Rechtsprechung von 1945
zum Bezugspunkt machte, also die Nazigesellschaft", so die Autorin. "Die
ursprünglichen Besitzer des Sommerhauses meiner Großeltern sind Anfang der 50er
Jahre in den Westen geflohen. Anfang der 90er Jahre stellten die Erben des
Alteigentümers einen Antrag auf Rückgabe", so Erpenbeck. "Meine Großeltern waren
Antifaschisten, meine Großmutter obendrein noch Jüdin. Und natürlich macht das
einen etwas merkwürdigen Eindruck, wenn man den Nachkommen von Antifaschisten
die Häuser wegnimmt und sie den Nachkommen der Nazis wieder zurückgibt."
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Quelle: ots / newsaktuell - Pressemitteilung - Neue Osnabrücker Zeitung
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