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Stuttgart (ots) - Die GKV-Reform stabilisierst kurzfristig die Finanzen der
gesetzlichen Krankenversicherung. Gleichzeitig engen die im neuen Gesetz
verankerte Begrenzung der Ausgaben sowie die stärkere Kopplung der Vergütung an
die Einnahmen der Krankenversicherung die finanziellen Spielräume vieler Praxen
und Versorgungseinrichtungen ein. Und das in einer Zeit, in der eigentlich
massiv in den Umbau der Primärversorgung investiert werden müsste.
Denn: Deutschland steuert weiter auf einen erheblichen Mangel an Hausärztinnen
und Hausärzten zu. Bereits heute fehlen bundesweit rund 4.400 Hausärztinnen und
Hausärzte. Bis 2040 könnten rund 12.000 Hausarztsitze - etwa jeder fünfte -
unbesetzt bleiben. Zu diesem Ergebnis kommt die neue Studie "Primärversorgung
2035+ - Gesundheit vor Ort neu gestalten. Perspektiven für Baden-Württemberg,
Impulse für Deutschland",die das IGES Institut im Auftrag des Bosch Health
Campus erstellt hat.
Zentrale Ergebnisse der Studie
Fast 20 Prozent aller Landkreise werden laut der Prognose 2040 hausärztlich
unterversorgt sein, weitere 15 Prozent bewegen sich unmittelbar an der Grenze
zur Unterversorgung. Besonders betroffen wird Baden-Württemberg sein: Hier sinkt
die Hausarztdichte voraussichtlich um 15 Prozent. 15 der 44 Stadt- und
Landkreise werden dann hausärztlich unterversorgt sein. Vom Rückgang der
Hausarztdichte am stärksten betroffen sind zudem einzelne Landkreise in
Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen - vorneweg der Hochsauerlandkreis (-48
Prozent), Minden-Lübbecke (-47 Prozent), Paderborn (-47 Prozent), Märkischer
Kreis (-46 Prozent) und Osnabrück (-46 Prozent).
Ursachen für den Hausarztmangel
Aufgrund der alternden Bevölkerung wächst der Versorgungsbedarf schneller als
die Zahl der verfügbaren Hausärztinnen und Hausärzte. Dazu sind bereits heute 37
Prozent der Hausärztinnen und Hausärzte 60 Jahre oder älter. Bis 2040 werden 55
Prozent der heute tätigen Hausärztinnen und Hausärzte altersbedingt ausscheiden.
Zwar steigen die Absolventenzahlen im Fach Medizin, jedoch werden
Teilzeitmodelle und Anstellungen dazu führen, dass die tatsächlich verfügbaren
Versorgungskapazitäten geringer ausfallen als der Bedarf von ca. 65
Hausärzt:innen pro 100.000 Einwohner:innen.
Szenarien für den Weg aus der Krise
Die Studie liefert neben aktuellen Zahlen konkrete Handlungsoptionen für eine
langfristig tragfähige Primärversorgung. Dafür spielten die Experten
verschiedene Szenarien mit folgenden Optionen durch:
- Prävention und Gesundheitskompetenz stärken - um vermeidbare Inanspruchnahme
zu reduzieren
- Primärversorgung gezielt steuern - mit klarer Aufgabenverteilung zwischen
Primär- und Fachversorgung
- Mehr Ärztinnen und Ärzte für die Primärversorgung gewinnen - durch
attraktivere Rahmenbedingungen für eine höhere Teilnahme an der
vertragsärztlichen Versorgung
- Interprofessionelle Teams konsequent ausbauen - um Versorgungskapazitäten
wirksam zu erweitern
- Kooperative Versorgungsstrukturen stärken - für effizientere Organisation und
Zusammenarbeit
- Telemedizin gezielt einsetzen - um Versorgung effizienter und flexibler zu
gestalten
Es zeigte sich: In einem kombinierten Zukunftsszenario, bei dem mehrere dieser
Maßnahmen gemeinsam umgesetzt werden, lässt sich die prognostizierte
Versorgungslücke grundsätzlich schließen.
Prof. Dr. Mark Dominik Alscher, Geschäftsführer des Bosch Health Campus: "Die
Studie zeigt: Wir stehen nicht nur vor einem Mangel an Hausärztinnen und
Hausärzten, sondern vor einem grundlegenden Wandel der Versorgungsbedarfe. Eine
älter werdende Bevölkerung braucht eine Primärversorgung, die umfassend,
interprofessionell und regional vernetzt arbeitet. Dabei sollten
Pflegefachpersonen gemeinsam mit Ärztinnen, Ärzten und weiteren
Gesundheitsberufen eine zentrale Rolle übernehmen - von der
Versorgungskoordination über Prävention bis zur kontinuierlichen Begleitung
chronisch erkrankter Menschen. Die geplante Reform der Primärversorgung bietet
jetzt die Chance, die richtigen Weichen für die kommenden Jahrzehnte zu
stellen."
Stimmen aus Politik und Versorgung
Petra Krebs MdL, Staatssekretärin im Ministerium für Soziales, Arbeit und
Gesundheit Baden-Württemberg : "Die gesundheitspolitischen Herausforderungen
lassen sich nur mit einer innovativen Primärversorgung bewältigen. Wir brauchen
eine stärkere Vernetzung der Gesundheitsberufe, eine gezielte, möglichst
verbindliche Patientensteuerung und moderne digitale Lösungen. Wichtige
Bausteine sind dabei auch die Einbindung nichtärztlicher Fachkräfte mit eigenen
heilkundlichen Befugnissen wie der Community Health Nurse, mehr
Gesundheitsförderung und Prävention sowie der Health in All Policies-Ansatz. Für
ein gelingendes Primärversorgungssystem müssen endlich die gesetzlichen
Rahmenbedingungen auf Bundesebene zur Verankerung in der Regelversorgung
geschaffen werden. Baden-Württemberg hat mit seinen erfolgreichen
Modellprojekten gezeigt, wie es funktionieren kann."
Prof. Dr. Buhlinger-Göpfarth, Vorsitzende des Hausärztinnen- und
Hausärzteverbands Baden-Württemberg : "Die Studie liefert klare Antworten auf
eine drängende Frage: Wie gelingt Primärversorgung? Die Antwort lautet: durch
starke Hausarztpraxen, die interprofessionell arbeiten und verlässlich
finanziert werden. In Baden-Württemberg zeigt die Hausarztzentrierte Versorgung
mit mehr als drei Millionen eingeschriebenen Patientinnen und Patienten, dass
dieses Modell funktioniert - und bundesweit mit über elf Millionen Menschen,
dass es skaliert. Was jetzt gebraucht wird, ist der politische Wille, genau
diese Strukturen konsequent auszubauen - denn die Blaupause für ein
funktionierendes Primärversorgungssystem liegt längst auf dem Tisch."
Anne-Katrin Gerhardts, stellvertretende Vorsitzende des Landespflegerats
Baden-Württemberg : "Primärversorgung braucht eine starke Pflege. Deshalb
übernehmen wir gerne kompetenz- und ressorcenorientiert Verantwortung und
vertreten, die Versorgung und Angebote in diesem Bereich multiprofessionell
auszurichten. Gesetzliche Grundlagen und Entwicklungen sowie die aktuellen
Erkenntnisse aus der Studienlage machen deutlich, dass wir - im Bewusstsein
unserer möglichen Rollen in der Primärversorgung - jetzt ins Tun kommen müssen,
um diese zukunftsfähig mit auszugestalten."
Zum Pressematerial:
https://www.bosch-health-campus.de/de/presse/studie-primaerversorgung
Pressekontakt:
Bosch Health Campus GmbH
Dr. Cornelia Varwig
+49 711 8101-3638
mailto:presse@bosch-health-campus.com
Weiteres Material: http://presseportal.de/pm/169346/6320110
OTS: Bosch Health Campus
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