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Köln (ots) -
- Anlässlich der Berliner Sudan-Geberkonferenz ruft Islamic Relief zu stärkerer
internationaler Unterstützung lokaler Hilfsstrukturen und zum Waffenstillstand
auf.
- Auswirkungen des Nahostkriegs bringen noch mehr lebensrettende
Gemeinschaftsküchen in Gefahr.
Eine neue Untersuchung von Islamic Relief zeigt, dass 42 Prozent der
Gemeinschaftsküchen im Sudan in den letzten sechs Monaten schließen mussten -
infolge unzureichender internationaler Unterstützung. Dies schürt die Sorge,
dass sich eine Hungersnot weiter ausbreitet, während der Krieg morgen in sein
viertes Jahr eintritt. Die internationale Hilfsorganisation fordert einen
Waffenstillstand und die Aufstockung der Hilfsgelder, um Menschenleben zu
retten. Der seit drei Jahren andauernde Krieg hat die weltweit größte
Hungerkrise ausgelöst.
Für die Studie wurden 844 Küchen in sechs Bundesstaaten des Sudans untersucht.
354 von ihnen mussten aufgrund fehlender finanzieller Mittel und
Versorgungsgüter schließen. Diese Gemeinschaftsküchen oder auch Suppenküchen
genannt, lokal als Takaaya bekannt, stellen für Millionen vom Krieg betroffener
Menschen die letzte Lebensader dar - häufig erreichen sie auch Gebiete, in denen
internationale Hilfe blockiert ist.
Während sich internationale Regierungen auf die Berliner Konferenz zum dritten
Jahrestag des Kriegs vorbereiten, fordert das globale Islamic Relief
Hilfsnetzwerk sie auf, die Unterstützung für lokale Selbsthilfeinitiativen
dringend zu verstärken. Denn ohne zusätzliche Mittel drohen weitere
Schließungen. Zudem müsse die Konferenz konkrete Schritte für einen sofortigen
Waffenstillstand beschließen, um die Zivilbevölkerung vor zunehmenden Angriffen
zu schützen.
Die Bemühungen der lokalen Freiwilligen und Selbsthilfegruppen im Sudan haben
weltweit Anerkennung und Auszeichnungen erhalten, doch hat dies bislang nicht zu
konkreter finanzieller Unterstützung geführt. Die aktuelle Untersuchung knüpft
an den Bericht von Islamic Relief vom November 2025 an, der bereits vor einem
drohenden Zusammenbruch vieler Küchen gewarnt hatte.
Der Geschäftsführer von Islamic Relief Worldwide, Iftikhar Shaheen, erklärt:
"Das Leid im Sudan ist ein kollektives moralisches Versagen der internationalen
Gemeinschaft. Drei Jahre Krieg haben die größte Hungerkrise der Welt
hervorgebracht, und diese lokal betriebenen Küchen haben unzählige Leben
gerettet. Ihr jetziger Zusammenbruch bedeutet für viele besonders gefährdete
Familien ein Todesurteil. Die engagierten Freiwilligen tun alles, um die Küchen
offen zu halten - doch sie brauchen dringend mehr Unterstützung. Beim Treffen
der Regierungen in Berlin erwarten wir klare Zusagen: mehr Hilfe, stärkere
Förderung lokaler Akteure und einen sofortigen Waffenstillstand."
Die sudanesische Zivilbevölkerung ist weiterhin Angriffen, Hunger und
Vertreibung ausgesetzt. In den vergangenen Monaten haben verstärkte
Drohnenangriffe zahlreiche Todesopfer gefordert, darunter Kinder, medizinisches
Personal und Patientinnen und Patienten. Krankenhäuser und Schulen wurden
getroffen. Mehr als 21 Millionen Menschen - rund 45 Prozent der Bevölkerung -
leiden derzeit unter Nahrungsmittelknappheit, bedingt durch Massenvertreibung
sowie Angriffe auf Ackerland und Handelsrouten.
Treibstoffkosten steigen um 187 Prozent und gezielte Finanzierung von Hilfe
rettet Leben
Lokale Hilfsinitiativen erhalten kaum direkte internationale Finanzierung. Sie
sind überwiegend auf Unterstützung aus der sudanesischen Diaspora und auf lokale
Spenden angewiesen. Mit fortdauerndem Krieg versiegen diese Mittel jedoch
zunehmend. Gleichzeitig hat der Konflikt eine schwere Wirtschaftskrise im Sudan
ausgelöst, während die steigende Inflation die Kosten für die Verpflegung
verdoppelt hat.
Im vergangenen Monat hat der Krieg im Nahen Osten die globalen Lieferketten
unterbrochen und die Suppenküchen im Sudan zusätzlich belastet. Die
Nahrungsmittelengpässe nehmen zu und die Treibstoffkosten sind in den letzten
Wochen um 187 Prozent gestiegen.
Die Untersuchung von Islamic Relief zeigt deutliche regionale Unterschiede: In
Nord-Darfur, wo sich die Hungersnot ausbreitet und jüngste UN-Analysen bei mehr
als der Hälfte der Kinder Mangelernährung feststellen, haben 57 Prozent der
erfassten Küchen geschlossen. In Tawila (Nord-Darfur), wohin tausende Familien
vor Belagerung und Massakern in El Fasher geflohen sind, berichten junge
Freiwillige, dass sie ihre Küchen mangels Spenden immer wieder vorübergehend
schließen müssen. In Port Sudan sind sechs von sieben Küchen (86 Prozent) außer
Betrieb. In Nord-Kordofan hingegen konnten nahezu alle Einrichtungen geöffnet
bleiben, da begrenzte Mittel gezielt in diese besonders von Sicherheits- und
Versorgungskrisen betroffene Region umgeleitet wurden.
Die noch geöffneten Suppenküchen haben Mühe, die steigende Nachfrage zu
bewältigen, da immer mehr Menschen Hilfe suchen.
Freiwillige Helfende der Suppenküchen im Sudan berichten vom täglichen
Überlebenskampf
Die verbliebenen Suppenküchen stehen unter enormem Druck, da die Nachfrage
kontinuierlich steigt, weil immer mehr Menschen Hilfe suchen.
Alaa, eine freiwillige Helferin in Port Sudan, berichtet:
"Wir mussten unsere Arbeit einstellen, als die Finanzierung ausblieb. Sechs
Monate lang hatten wir täglich bis zu 4.000 Menschen versorgt. Wir kannten sie
alle - wir wurden zu einer Familie. Als wir schließen mussten, fühlte es sich
an, als würden wir unsere eigene Familie im Stich lassen. Jeden Tag kommen neue
Menschen und neue Kinder hinzu. Die Verantwortung wächst von Tag zu Tag, weil
immer mehr Menschen kommen, während die Mittel ausbleiben.
Ezeldeen, ein weiterer freiwilliger Helfer, ergänzt:
"Früher gab es Abwechslung: Linsen, Gemüse, Bohnen. Heute gibt es meist nur noch
eine einzige Lebensmittelsorte. Wir versorgen die Menschen - aber nicht
ausreichend. Mehr als fünf Menschen in dieser Gemeinschaft sind bereits an
Krankheiten gestorben, die direkt mit Hunger und Mangelernährung zusammenhängen.
Sie könnten noch leben, wenn die Takaaya besser ausgestattet gewesen wären."
Ein Helfer aus Khartum erklärt:
"Vor sechs Monaten kostete eine Mahlzeit etwa 3.000 sudanesische Pfund (rund
3,70 GBP). Heute sind es etwa 7.000 (rund 8,70 GBP) - mehr als doppelt so viel.
Wenn man täglich Hunderte Menschen versorgt, ist dieser Unterschied enorm."
Die Herausforderungen werden zusätzlich durch Kürzungen in der internationalen
humanitären Hilfe verschärft. Der von den Vereinten Nationen koordinierte
Hilfsaufruf für den Sudan im Jahr 2026 ist bislang nur zu 16 Prozent finanziert.
Bereits im Vorjahr lag die Deckung unter 40 Prozent - ein drastischer Rückgang
gegenüber 70 Prozent im Jahr 2024.
Islamic Relief ist seit 1984 im Sudan tätig und hat seit Beginn des Krieges im
April 2023 mehr als zwei Millionen Menschen mit Nahrungsmitteln, Wasser und
medizinischer Versorgung unterstützt. Derzeit arbeitet die Organisation in 11
der 18 Bundesstaaten des Landes.
Pressekontakt:
Sara Ahmed Martinez, Pressereferentin
Telefon: 01512 205 05 77
E-Mail: mailto:presse@islamicrelief.de
Weiteres Material: http://presseportal.de/pm/50131/6254810
OTS: Islamic Relief Deutschland e.V.
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