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Dossier Jugend-Therapie
https://ots.de/vqJ5KW
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München (ots) - Die jüngsten Studien zeigen ein alarmierendes Bild der mentalen
Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Je nach Studie sind ein
Fünftel bis zu einem Drittel von den in Deutschland lebendem Nachwuchs psychisch
angeschlagen Jungen sind bis zum 14. Lebensjahr proportional mehr betroffen als
Mädchen, die als Teenager dann ab dem 15. Lebensjahr häufiger erkranken als
junge Männer. Grundsätzlich erkranken Jungen viermal so oft an ADHS
(Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung) und werden schneller
suchtkrank, dabei spielen Computer und Social Media sowie Alkohol und Drogen
eine große Rolle. Mädchen leiden mehr an Essstörungen und psychosomatischen
Symptomen. Sie sind mehr depressiv, niedergeschlagen und antriebslos. Mentale
Probleme werden häufig durch Eltern oder Erziehungsberechtigte, Großeltern,
Freunde sowie aufmerksame Lehrer:innen oder Hortbetreuer:innen erkannt. Doch wie
kommen die betroffenen Jugendliche wieder aus dem tiefen Tal heraus? Es gibt
einige Faktoren, die beachtet werden sollten: Je früher das Kind oder der
Teenager professionelle Hilfe erhält, desto niedriger ist das Risiko, als
Erwachsener erneut psychisch zu erkranken. Die systematische Einbeziehung des
Umfelds in Diagnostik und therapeutische Begleitung ist ein wichtiger Ansatz, um
nachhaltige Besserungen bei psychischen Problemen und ihren Auslösern zu
erzielen.
Warnsignale einer aufkommenden psychischen Erkrankung
Deutliche Hinweise können dauerhafte Schlafstörungen, Alpträume oder ein
längerer sozialer Rückzug sein. Wenn darüber hinaus neben Schulproblemen
liebgewonnene Hobbies vernachlässigt werden, ist besondere Vorsicht geboten.
Passivität und längere Phasen von Konzentrationsproblemen in allen
Lebensbereichen sind ebenfalls wichtige Warnzeichen. Es ist für Teenager in
Wachstumsphasen normal, sich auch mal zurückzuziehen, sich viel mit den Eltern
zu streiten oder die Freude an bisherigen Hobbies zu verlieren. Wenn eine solche
Phase länger andauert, ist es wichtig, professionelle Hilfe zu suchen.
Ein Beispiel: Die 17jährige Francy war als elfjähriges Mädchen eher pummelig und
wurde deswegen gemobbt. Aus dem Versuch, mit Diäten abzunehmen, wurde aus dem
Teufelskreislauf Hungern, Essanfällen und dem überreagierenden selbstgesteuertem
Erbrechen rasch eine Bulimie. Sie begriff erst mit 15 Jahren, als sie ihren
Kampfsport kräftemäßig nicht mehr ausführen konnte, dass sie eine Essstörung
hatte. Sie öffnete sich damals ihrer besten Freundin, die darüber erschrak, dann
ihrer Freundin eine Beratungsstelle heraussuchte und sie sogar zum ersten Termin
begleitete, damit Francy konsequent Hilfe annahm. *
Ein sicherer Raum zuhause
Für viele Kinder und Jugendliche ist das Elternhaus der Ort, wo sie so sein
können, wie ihr Charakter ist. Rückzugsmöglichkeiten und leistungslos gebotene
Zuneigung können einen Gegenpol zu den Leistungsanforderungen in Schule und
Ausbildung schaffen, aber eine psychische Erkrankung nicht auffangen. Weniger
ist mehr: in Zeiten von Hortbetreuung und Ganztagsschulen brauchen die Kinder
sowie Teenager zuhause viel mehr Raum und wenig weitere Hobbies, Ausflüge oder
Familientermine.
Kinder großzuziehen braucht, wie es ein Sprichwort sagt, ein ganzes Dorf. Zwar
sind die Eltern als Vorbilder und diejenigen, die konsequent freundliche Grenzen
setzen und diese erklären, durchaus das Erziehungszentrum. Für die
Beaufsichtigung von Kindern, die bis zu einer Teenagerreife nachmittags nach der
Schule oder ganztags in den Ferien nicht viel allein zuhause sein können, sind
als weitere Bezugspersonen Verwandte oder Eltern von Freunden oder Paten
möglich. Das können, je nach Kind und Charakter, bis zu zehn enge Bezugspersonen
sein.
Mögliche Ursachen und besondere Einflüsse unserer Zeit
Wahrscheinliche Gründe und Auslöser von psychischen Erkrankungen bei
Jugendlichen können genetische Faktoren, das Maß an Sensibilität, das Erleben
von Verlusten (Krankheit oder Tod von geliebten Menschen), Missbrauch,
Gewalterfahrungen, psychische Erkrankung eines Elternteils, u.a. auch aufgrund
von transgenerationalen Traumata und häufiges Streiten zuhause sein. Auch eher
allgemeine Lebensfaktoren wie Bildungsgrad, Finanzstärke oder Scheidung (ein
Drittel aller Ehen in Deutschland) können - kombinierbare - Auslöser sein.
Die Nachwirkungen der Covid-19-Pandemie und die in vielen Fällen daraus
resultierende gestiegene Nutzung von Online-Spielen und Social Media können
psychische Probleme bei Jugendlichen auslösen oder verstärken. Für die jungen
Menschen, die bis zum achten Lebensjahr oft Fantasiewelten und Ironie einerseits
sowie das reale Leben andererseits nicht auseinanderhalten können, bedeuteten
die Pandemiejahre zuhause häufig den Einstieg in eine exzessive Nutzung.
Smartphone- beziehungsweise Online-Sucht sind laut aktueller Studien eines der
Hauptprobleme junger Menschen. Mobbing (in den sozialen Medien) kann die
Jugendlichen zusätzlich belasten. Heranwachsende beklagen auch ein enorm hohes
Stressniveau. Da sie in der Pandemie kaum Kontakt zu Gleichaltrigen hatten,
haben einige immer noch Schwierigkeiten, sich in großen Gruppen zu bewegen.
Selbst Klassenräume können zum Dauerstressfeld werden.
Einstieg in eine Psychotherapie
Die erste Anlaufstelle ist der Kinder- und Jugendarzt (m/w) oder ein Hausarzt.
Die Diagnose dürfen Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, approbierte
Kinder- und Jugendpsychotherapeut: innen sowie approbierte psychologische
(Erwachsenen-) Psychotherapeuten mit einer entsprechenden Fachkunde für Kinder
und Jugendliche stellen. Nach der Diagnose, die bei jüngeren Patient:innen immer
im Beisein der Eltern gestellt wird, werden mögliche Therapieansätze besprochen.
Je nach Reifegrad und Fall dürfen ab dem 15. Lebensjahr gesetzlich versicherte
Jugendliche ohne Wissen und Einwilligung ihrer Eltern eine Psychotherapie
machen. Ab diesem Alter gilt die Schweigepflicht der behandelnden
Therapeut:innen gegenüber Eltern. Privat versicherte Jugendliche benötigen
hingegen in aller Regel die Einwilligung der Erziehungsberechtigten.
Grundsätzlich gibt es therapeutische Angebote wie Einzelgespräche, kombinierte
Begleitung der Familie oder auch - je nach Diagnose - Gruppenangebote. Wenn es
die diagnostizierte Störung oder Erkrankung erfordert, kann auch begleitend mit
Medikamenten behandelt werden. Diese Behandlung muss engmaschig vom
verschreibenden Arzt sowie dem sonstigen Fachpersonal begleitet werden.
Sonderfall Autismus
Wenn Kinder oder Jugendliche im Autismus-Spektrum diagnostiziert werden, helfen
zusätzlich die regionalen Autismuszentren des Landkreises sowie der Bezirke oder
Bundesländer / Stadtstaaten in der Aufklärung sowie den
Unterstützungsmöglichkeiten weiter. Diese arbeiten mit den Schulpsychologen
beziehungsweise Inklusionsbeauftragten der jeweiligen Schulen zusammen. Es gibt
Möglichkeiten wie Schulbegleitung oder Hunde, die für hoch autistische Kinder
und Jugendliche ausgebildet sind, um den Schulalltag oder eine Ausbildung zu
unterstützen. Das Jugendamt bietet ebenfalls hohe Unterstützung, um eine
Beschulung des Kindes zu ermöglichen und langfristig einen Schulabschluss zu
sichern. Berufsbildungszentren und die Agentur für Arbeit unterstützen dann die
Jugendlichen sowie deren Erziehungsberechtigte für eine Ausbildung.
* Quelle Fallbeispiel: ANAD Versorgungszentrum Essstörungen des AWO Bezirks
Oberbayern e.V.
Lesen Sie unser Dossier zu Psychotherapie für Jugendliche:
https://www.therapie.de/psyche/info/index/diagnose/jugendliche/artikel/
Therapeutensuche
https://www.therapie.de/therapeutensuche/
Akute Hilfe
Wenn dieser Artikel bei Ihnen Ängste, Beklemmungen oder weitere Probleme
verursachen, holen Sie sich bitte rasch externe Hilfe bei der Hausärztin oder
dem Hausarzt. Für Kassenpatienten können Sie außerhalb von Praxisöffnungszeiten
die Nummer 116 117 wählen.
Falls Ihnen ein Trauma akut Beschwerden verursacht, rufen Sie eine der
Hilfenummern an oder schreiben im Chat. Es gibt auch regionale
Trauma-Akutzentren, die Ihnen in Ihrem Bundesland oder Stadtstaat rasch
weiterhelfen.
Die Telefonseelsorge ist online und unter den Telefonnummern (0800) 111 0 111,
(0800) 111 0 222 sowie 116 123 rund um die Uhr anonym und kostenfrei erreichbar.
https://www.telefonseelsorge.de/chat/
Akute Hilfe für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gibt es bei der "Nummer gegen
Kummer" unter der Telefonnummer 116 111.
Für Menschen bis 24 Jahre hilft http://www.krisenchat.de weiter.
Pressekontakt:
Pressesprecherin:
Ulrike Propach
Kommunikationsmanagement
Mobil 0178 - 41 55 391
mailto:presse@therapie.de
Ansprechpartner therapie.de:
pro psychotherapie e.V.
Dipl.-Psych. Fritz Propach
Landwehrstr. 35
80336 München
Tel. 089 - 72 99 75 36
mailto:psyche@therapie.de
http://www.therapie.de
Weiteres Material: http://presseportal.de/pm/66044/6265055
OTS: pro psychotherapie e.V.
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