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Wiesbaden (ots) - Lange galten Faszien als unscheinbares "Füllmaterial" des
Körpers. Heute weiß die Wissenschaft: Sie bilden ein hochkomplexes,
dreidimensionales Netzwerk, das den gesamten Organismus durchzieht und
verbindet. Für die Osteopathie sind Faszien deshalb seit jeher von zentraler
Bedeutung - lange bevor sie in den Fokus der modernen Forschung rückten.
Der Begründer der Osteopathie, Dr. Andrew Taylor Still, erkannte ihre Bedeutung
bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Seine Aussage "Faszien sind der Ort, an dem
man nach den Ursachen von Krankheiten suchen sollte" wirkt heute aktueller denn
je. Moderne Forschung bestätigt zunehmend, was Osteopathinnen und Osteopathen
seit Generationen in ihrer täglichen Arbeit berücksichtigen: Faszien
beeinflussen Beweglichkeit, Stabilität, Körperwahrnehmung und zahlreiche weitere
Funktionen des menschlichen Körpers.
Netzwerk, das alles verbindet
Faszien finden sich nahezu überall im Körper. Sie umhüllen Muskeln, Knochen,
Gelenke, Sehnen, Organe, Blutgefäße und Nerven - sogar Gehirn und Rückenmark
sind von Faszien umgeben. Sie verbinden sämtliche Strukturen miteinander und
sorgen dafür, dass der Körper als funktionelle Einheit arbeiten kann. Dabei
übernehmen sie weit mehr Aufgaben als nur das Zusammenhalten einzelner Gewebe.
Faszien ermöglichen Beweglichkeit, übertragen Kräfte, unterstützen die
Durchblutung und den Lymphfluss, schützen Organe, begleiten die Wundheilung und
spielen eine wichtige Rolle für das Immunsystem. "Faszien sind weit mehr als
Bindegewebe. Sie bilden das tragende Netzwerk unseres Körpers und ermöglichen
erst das harmonische Zusammenspiel aller Strukturen", erklärt Prof. Marina
Fuhrmann, Vorsitzende des Verbandes der Osteopathen Deutschland (VOD) e.V.
Faszien und Osteopathie
Für Osteopathinnen und Osteopathen spielt das Fasziensystem eine wesentliche
Rolle. Da sämtliche Körperstrukturen miteinander verbunden sind, werden
Beschwerden nicht isoliert betrachtet, sondern immer im Zusammenhang mit dem
gesamten Organismus. Einschränkungen der Beweglichkeit oder
Spannungsveränderungen im Fasziengewebe können sich auf Muskeln, Gelenke, Organe
oder das Nervensystem auswirken. Ziel der osteopathischen Behandlung ist es,
solche funktionellen Einschränkungen aufzuspüren und die natürliche
Beweglichkeit des Gewebes zu unterstützen.
Dabei beschränkt sich Osteopathie keineswegs auf die Behandlung oberflächlicher
Faszien. Vielmehr wirkt sie direkt oder indirekt auf das gesamte fasziale
Netzwerk - bis auf zellulärer Ebene. Die moderne Faszienforschung liefert
zunehmend wissenschaftliche Erklärungen für Zusammenhänge, die in der
Osteopathie seit über 150 Jahren berücksichtigt werden. Sie verdeutlicht, dass
der menschliche Körper nur als funktionelle Einheit verstanden werden kann. "Die
Erkenntnisse der Faszienforschung zeigen eindrucksvoll, wie eng alle Strukturen
unseres Körpers miteinander verbunden sind. Genau dieses ganzheitliche
Verständnis bildet seit jeher die Grundlage der Osteopathie", betont Prof.
Marina Fuhrmann.
Stabil und gleichzeitig elastisch
Die besonderen Eigenschaften der Faszien beruhen auf ihrem Aufbau. Spezielle
Zellen - sogenannte Fibroblasten - produzieren Kollagen- und Elastinfasern.
Kollagen verleiht dem Gewebe enorme Stabilität: Die Fasern können
Zugfestigkeiten erreichen, die mit Stahl vergleichbar sind. Elastin hingegen
sorgt für die notwendige Dehnbarkeit und Flexibilität.
Diese Kombination aus Stabilität und Elastizität macht das Fasziensystem zu
einem einzigartigen biologischen Netzwerk. Wissenschaftler beschreiben seinen
Aufbau häufig mit dem sogenannten Tensegrity-Modell. Dabei stabilisiert sich der
Körper durch ein fein abgestimmtes Zusammenspiel von Zug- und Druckkräften.
Belastungen werden nicht nur lokal, sondern über das gesamte Netzwerk verteilt.
Ohne dieses Netzwerk würden Muskeln ihre Form verlieren, Knochen ihre stabile
Einbindung und innere Organe ihren Halt. Sämtliche Strukturen des Körpers sind
über Faszien miteinander verbunden - Veränderungen an einer Stelle können sich
deshalb auf weit entfernte Bereiche auswirken.
Faszien - auch ein Sinnesorgan?
Besonders spannend ist die Erkenntnis, dass Faszien über eine außergewöhnlich
hohe Anzahl an Sinnesrezeptoren verfügen. Schätzungen gehen von weit über 100
Millionen Rezeptoren aus. Damit gehören sie zu den rezeptorreichsten Geweben des
menschlichen Körpers.
Sie registrieren unter anderem:
- Berührung
- Druck
- Schmerz
- Temperatur
- Körperhaltung und Bewegung
- Veränderungen des Gewebemilieus
Aus diesem Grund betrachten viele Wissenschaftler das Fasziensystem heute nicht
nur als tragendes Organ, sondern auch als eines der wichtigsten Sinnesorgane des
Körpers.
Gut zu wissen:
Osteopathie ist eine eigenständige, ganzheitliche Form der Medizin, in der
Diagnostik und Behandlung mit den Händen erfolgen. Osteopathie geht dabei den
Ursachen von Beschwerden auf den Grund und behandelt den Menschen in seiner
Gesamtheit. Osteopathie ist bei vielen Krankheiten sinnvoll und behandelt
vorbeugend.
Hintergrund:
Als erster und mit bundesweit mehr als 7.000 Mitgliedern größter Berufsverband
setzt sich der VOD für Patientensicherheit und Verbraucherschutz ein. Der VOD
e.V. fordert hierfür eine berufsgesetzliche Regelung und die Schaffung des
eigenständigen Berufs des Osteopathen auf qualitativ höchstem Niveau. Er klärt
über die Osteopathie auf, informiert sachlich und neutral, fördert
Forschungsprojekte und betreibt Qualitätssicherung im Interesse der Patienten.
Darüber hinaus vermittelt der VOD hoch qualifizierte Osteopathen. Über 2,8
Millionen Besucher informieren sich jedes Jahr auf osteopathie.de. Fast 100
gesetzliche Krankenkassen bezuschussen Osteopathie.
Weitere Informationen:
Verband der Osteopathen Deutschland e.V.
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65183 Wiesbaden
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