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Eichstädt/Berlin (ots) - Expertenrat ADHS: Menschen mit einem Diagnoseverdacht
brauchen eine ergebnisoffene Abklärung - keine vorschnelle psychologische
Deutung
"Ich glaube, ich könnte ADHS haben." Diesen Satz hören Ärztinnen, Ärzte und
Psychotherapeut:innen heute häufiger als noch vor einigen Jahren. Der Verdacht
entsteht mitunter im Gespräch mit anderen Betroffenen, nach einem Podcast, einem
Zeitungsartikel oder einem Video in sozialen Medien.
Natürlich kann ein solcher Verdacht unzutreffend sein. Aber er ist zunächst eine
Hypothese, die fachlich geprüft werden muss - nicht selbst schon eine Diagnose
und auch kein Beleg für ein psychologisches Bedürfnis nach Entlastung, Identität
oder "Absolution".
Der Expertenrat ADHS warnt deshalb davor, einen von Patient:innen geäußerten
ADHS-Verdacht bereits vor der diagnostischen Abklärung als "Wunschdiagnose"
einzuordnen. Anlass ist eine aktuelle fachliche Debatte. In ihrem Beitrag "Vom
Stigma zur Absolution" im Psychotherapeutenjournal diskutieren Torben Schubert
und Clara Lensing unter anderem Funktionen, die Diagnosen für Betroffene
übernehmen können - etwa Kontrolle, Entlastung von Schuld, Identität oder
Selbstakzeptanz. Zugleich warnen die Autoren selbst vor einer vorschnellen
Ablehnung einer vermuteten Diagnose und plädieren für Offenheit im
diagnostischen Prozess.
"Selbstverständlich müssen wir sorgfältig prüfen, ob eine vermutete ADHS
tatsächlich vorliegt", sagt Dr. med. Matthias Rudolph (Boppard), Facharzt für
Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Mitglied des Expertenrats ADHS.
"Wir sollten jedoch ebenso sorgfältig mit unseren eigenen Deutungen umgehen. Der
Wunsch eines Menschen nach diagnostischer Klärung ist noch kein Symptom."
Ein Verdacht darf auch von Patient:innen kommen
In anderen Bereichen der Medizin ist dies selbstverständlich. Wer wegen
anhaltender Magenbeschwerden eine Gastritis vermutet, hat damit weder die
Diagnose gestellt noch eine zusätzliche psychische Störung entwickelt. Ärztin
oder Arzt erhebt die Anamnese, untersucht und entscheidet anschließend, ob sich
der Verdacht bestätigt, eine andere Ursache vorliegt oder weitere Diagnostik
notwendig ist.
Bei ADHS sollte nichts anderes gelten.
Dass heute mehr Menschen selbst einen ADHS-Verdacht äußern, ist nicht
automatisch Ausdruck eines gesellschaftlichen "Diagnosetrends". Es kann auch
bedeuten, dass Menschen nach einer Erklärung für Beschwerden suchen, die sie
seit vielen Jahren beeinträchtigen und für die sie bislang keine befriedigende
Erklärung oder Hilfe gefunden haben. Gerade ADHS im Erwachsenenalter wurde lange
wenig wahrgenommen. Fehlendes Wissen, überholte Vorstellungen über das
Erscheinungsbild der Störung und unzureichende Versorgungsangebote können dazu
beitragen, dass Betroffene erst spät eine diagnostische Abklärung erhalten.
Die größere öffentliche Aufmerksamkeit hat allerdings auch problematische
Seiten. Nicht jedes in sozialen Medien beschriebene Merkmal ist ADHS.
Online-Selbsttests ersetzen keine Diagnostik, und manche populären Erklärungen
sind wissenschaftlich unzutreffend. Eine aktuelle Untersuchung deutschsprachiger
TikTok-Videos zu psychischen Störungen fand erhebliche Qualitätsdefizite bei den
dort verbreiteten Informationen.
Die Konsequenz daraus kann jedoch nicht sein, den Diagnoseverdacht selbst
verdächtig zu machen. Sie muss lauten: besser diagnostizieren.
Die besondere wahrgenommene Attraktivität der Diagnose von ADHS und ASS
anerkennen
Der Expertenrat verkennt nicht, dass ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen
gegenwärtig eine besondere Stellung in der öffentlichen Wahrnehmung einnehmen.
Anders als bei vielen anderen psychischen Störungen, die weiterhin stark mit
Krankheit, Gefährlichkeit, Kontrollverlust oder persönlichem Versagen assoziiert
werden, erscheinen ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen häufig als
Beschreibungen einer besonderen Form des Wahrnehmens, Denkens und Fühlens.
Begriffe wie "neurodivergent" oder "anders verdrahtet" können entlasten,
Zugehörigkeit vermitteln und dazu beitragen, eine erlebte Stigmatisierung
verringern - was umgekehrt zu einer vermehrten Stigmatisierung der übrigen
psychischen Erkrankungen beiträgt. Zugleich besteht die Gefahr, dass
unspezifische und weit verbreitete Erfahrungen - etwa Erschöpfung,
Reizempfindlichkeit, soziale Unsicherheit, Prokrastination oder
Konzentrationsprobleme - vorschnell als Ausdruck einer ADHS oder einer
Autismus-Spektrum-Störung verstanden werden.
Diese Entwicklung stellt die klinische Praxis vor reale Herausforderungen. Sie
rechtfertigt jedoch weder eine unkritische Bestätigung von Selbstdiagnosen noch
eine vorschnelle Psychologisierung des Diagnoseverdachts. Gerade weil ADHS und
ASS heute für viele Menschen ein besonders attraktives und plausibles
Erklärungsangebot darstellen, braucht es eine sorgfältige, ergebnisoffene
Diagnostik mit klaren Kriterien, einer entwicklungsbezogenen Anamnese,
Fremdanamnese, Prüfung von Funktionsbeeinträchtigungen und
differenzialdiagnostischer Einordnung.
Erleichterung macht eine Diagnose nicht falsch
Für Menschen, die über Jahre oder Jahrzehnte Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit,
Organisation, Impulsivität oder Selbststeuerung erlebt haben, kann eine Diagnose
erstmals einen verständlichen Zusammenhang herstellen. Dass eine Erklärung
subjektiv entlastet, sagt zunächst nichts darüber aus, ob sie medizinisch
zutrifft oder nicht.
Deshalb müssen drei Fragen getrennt werden: Warum sucht jemand eine Abklärung?
Welche Bedeutung hätte eine Diagnose für diese Person? Und sind die
diagnostischen Kriterien tatsächlich erfüllt?
Die ersten beiden Fragen können für das Verständnis eines Menschen und seine
weitere Behandlung wichtig sein. Die dritte lässt sich jedoch nur durch eine
fachgerechte, ergebnisoffene Diagnostik beantworten. Diese muss Symptome und
Funktionsbeeinträchtigungen, deren Entwicklung seit Kindheit und Jugend,
Auswirkungen in unterschiedlichen Lebensbereichen sowie mögliche andere oder
zusätzliche Erklärungen berücksichtigen. Depressionen, Angststörungen,
Traumafolgestörungen, Suchterkrankungen, Schlafstörungen und andere Erkrankungen
können ähnliche Beschwerden verursachen oder gleichzeitig mit ADHS bestehen.
"Ergebnisoffen heißt wirklich ergebnisoffen", betont Rudolph. "Wir dürfen einem
Menschen nicht einfach die Diagnose geben, mit der er zu uns kommt. Wir dürfen
aber auch nicht seinen Wunsch nach Klärung gegen ihn verwenden."
Andernfalls droht ein Zirkelschluss: Ein Mensch sucht eine Abklärung, weil er
ADHS als Erklärung langjähriger Schwierigkeiten vermutet. Wird bereits dieses
Interesse als Ausdruck eines Bedürfnisses nach Entlastung oder Identität
interpretiert, kann schließlich auch sein Beharren auf einer Untersuchung als
Bestätigung dieser Interpretation erscheinen. Die diagnostische Hypothese gerät
dann aus dem Blick, bevor sie überhaupt fachgerecht geprüft wurde.
Diagnostik braucht Offenheit in beide Richtungen
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass jede Selbstdiagnose bestätigt werden
sollte. Eine gute Diagnostik kann zu dem Ergebnis kommen, dass ADHS vorliegt.
Sie kann ebenso ergeben, dass eine andere Erkrankung die Beschwerden besser
erklärt, mehrere Störungen gleichzeitig bestehen - oder die Kriterien für eine
psychische Störung nicht erfüllt sind.
Aber dieses Ergebnis sollte am Ende der Diagnostik stehen, nicht an ihrem
Anfang.
Eine ADHS-Diagnose ist auch keine "Absolution". Sie entbindet niemanden von
Verantwortung für das eigene Handeln und löst Probleme nicht automatisch. Eine
zutreffende Diagnose kann jedoch langjährige Schwierigkeiten verständlich machen
und, wenn ein Mensch unter seiner Symptomatik leidet oder im Alltag erheblich
beeinträchtigt ist, den Zugang zu einer angemessenen Behandlung eröffnen.
Menschen, die Hilfe suchen, sollten deshalb weder eine Diagnose auf Wunsch
erhalten noch für ihren Diagnoseverdacht unter Generalverdacht geraten. Das gilt
besonders für Patient:innen und Familien, die mit den Folgen einer ADHS häufig
schon lange leben, bevor sie überhaupt einen Namen dafür haben.
Der Expertenrat ADHS plädiert deshalb für eine einfache Regel: Ein
Diagnoseverdacht darf falsch sein. Er muss aber geprüft werden - und darf nicht
vorschnell psychologisch wegerklärt werden. Im Mittelpunkt der Diagnostik steht
nicht der Wunsch nach einem Etikett, sondern der Mensch mit seinen Beschwerden,
seiner Lebensgeschichte und seinem Wunsch nach Hilfe.
Quellen
- Schubert T, Lensing C: Vom Stigma zur Absolution. Wunschdiagnosen verstehen
und im Praxisalltag begegnen. Psychotherapeutenjournal. 2026;3:218-225 (
Volltext (https://www.psychotherapeutenjournal.de/2026/3/ptj202603.001) ).
- Expertenrat ADHS: Podcast "ADHS? Kein Grund zur Panik. Aus der Praxis für die
Praxis" ( https://www.expertenrat-adhs.de/podcast/ ).
Pressekontakt:
Expertenrat ADHS
Rainer H. Bubenzer
+49 - 030 - 12053790
mailto:bubenzer@expertenrat-adhs.de
http://www.expertenrat-adhs.de
Weiteres Material: http://presseportal.de/pm/181931/6368108
OTS: Expertenrat ADHS
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