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Berlin (ots) - Psychische Belastungen bleiben häufig lange unsichtbar - bis der
Alltag zur Kraftprobe wird. Anlässlich der Woche der Seelischen Gesundheit vom
10. bis 20. Oktober 2026 rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie Menschen ihre
Belastungsgrenzen rechtzeitig erkennen und Unterstützung finden können.
Stefanie Schnier begleitet in ihrer Berliner Praxis Menschen in belastenden
Lebensphasen. Die ausgebildete Therapeutin weiß aus eigener Erfahrung, wie
leicht sich die eigenen Warnsignale übergehen lassen, und beschäftigt sich heute
damit, wie Menschen ihre Bedürfnisse besser wahrnehmen und neue Wege im Umgang
mit Stress entwickeln können.
Wie lange Menschen ihre Belastung ausgleichen können, ist von außen oft schwer
zu erkennen. Wer zuverlässig arbeitet, Verantwortung übernimmt und für andere da
ist, wirkt nicht unbedingt erschöpft. Doch wenn Pausen keine Erholung mehr
bringen und die eigenen Kräfte dauerhaft nachlassen, kann es Zeit sein, genauer
hinzusehen.
Denn nicht immer ist auf den ersten Blick zu erkennen, wie erschöpft jemand
tatsächlich ist. Menschen können nach außen leistungsfähig und zuverlässig
wirken, während sie innerlich längst an ihre Grenzen geraten. Wer gewohnt ist,
zu funktionieren, nimmt die eigenen Warnsignale mitunter erst wahr, wenn die
Kräfte deutlich nachlassen.
Wenn das innere Konto im Dispo ist
Schnier kennt diese Dynamik auch aus eigener Erfahrung. Vor einigen Jahren
arbeitete sie als Lehrerin, bildete angehende Lehrkräfte aus und schrieb
Unterrichtsmaterialien. Während der Corona-Pandemie veränderten sich ihre
Arbeitsbedingungen, die Belastung nahm zu. Selbst nach sechs Wochen Sommerurlaub
kehrte die Erholung nicht zurück. Körperliche Beschwerden wie Hörsturz, Tinnitus
und Schwindel kamen hinzu. Schließlich verbrachte sie zehn Wochen in einer
psychosomatischen Klinik.
Für diesen Zustand hat Schnier ein einprägsames Bild: Die eigenen Kräfte sind
wie ein Bankkonto, das längst im Dispo steht. Über längere Zeit wurde mehr
ausgegeben, als vorhanden war. Irgendwann sind die Reserven aufgebraucht.
Das Tückische daran: Anders als bei einem Bankkonto lässt sich der Zustand nicht
einfach am Kontostand ablesen. Es gibt keine Anzeige, die zuverlässig meldet,
wann die eigenen Kräfte zur Neige gehen. Oft wird weitergemacht, weil
Verpflichtungen bestehen, andere auf einen zählen oder man selbst den Anspruch
hat, alles im Griff zu behalten.
Genau hier setzt die Frage nach der eigenen Wahrnehmung an. Was kostet mich
Kraft? Was gibt mir Energie? Welche Erwartungen erfülle ich, obwohl sie mir
längst zu viel werden? Und woran merke ich, dass ich eine Pause brauche - nicht
erst morgen oder nach dem nächsten Projekt, sondern jetzt?
Psychische Gesundheit ist auch eine gesellschaftliche Frage
Wie relevant das Thema ist, zeigen Zahlen des Wissenschaftlichen Instituts der
AOK. Bei AOK-versicherten Beschäftigten stiegen die psychisch bedingten
Arbeitsunfähigkeitstage von 284 je 100 Mitglieder im Jahr 2016 auf 403 im Jahr
2025 - ein Plus von rund 42 Prozent. Ein entsprechender Krankheitsfall dauerte
2025 durchschnittlich 28,5 Tage.
Die Werte beziehen sich auf AOK-versicherte Beschäftigte und lassen sich nicht
ohne Weiteres auf die gesamte Erwerbsbevölkerung übertragen. Sie zeigen dennoch,
welche Bedeutung psychische Erkrankungen für den Arbeitsalltag haben.
Dabei lässt sich Belastung nicht allein durch individuelles Verhalten erklären.
Zeitdruck, hohe Arbeitsanforderungen, Personalmangel oder die Erwartung, ständig
erreichbar zu sein, können dazu beitragen, dass Erholung zu kurz kommt. Wer
dauerhaft versucht, allen Anforderungen gerecht zu werden, verliert
möglicherweise den Blick für die eigenen Grenzen.
Deshalb braucht es nicht nur Menschen, die besser auf sich achten, sondern auch
Arbeitsumfelder, in denen Überlastung angesprochen werden darf. Wer erst dann
Unterstützung erhält, wenn die Arbeit nicht mehr möglich ist, bekommt sie
womöglich zu spät.
Warum wir so lange weitermachen
Ein Grund liegt in der Art, wie viele Menschen ihre eigene Belastung bewerten.
"Anderen geht es doch viel schlechter" - dieser Gedanke kann dazu führen, dass
die eigenen Schwierigkeiten klein erscheinen. Wer sich mit anderen vergleicht,
wartet womöglich, bis die Situation unerträglich wird, bevor er Hilfe sucht.
Auch die Angst vor Stigmatisierung spielt eine Rolle. Psychische Belastungen
werden noch immer mit Vorstellungen von Schwäche oder mangelnder
Leistungsfähigkeit verbunden. Manche Menschen sprechen deshalb nicht darüber,
wie es ihnen wirklich geht. Andere befürchten, nach einer Krise dauerhaft auf
diese Erfahrung reduziert zu werden.
Schnier hat das selbst erlebt. Nach dem Erscheinen ihres Buches Wenn nichts mehr
geht wurde sie gefragt, ob die Beschäftigung mit ihrer Geschichte sie erneut
krank machen könnte. Auch heute begegnet ihr die Frage nach einem möglichen
Rückfall. Ihre Erfahrung macht deutlich, wie schnell eine persönliche Krise zum
bestimmenden Merkmal eines Menschen werden kann.
Doch eine Krise ist nicht die ganze Biografie. Sie kann den Blick auf bestimmte
Zusammenhänge verändern, ohne die Person auf Dauer zu definieren. Entscheidend
ist, was Menschen daraus für ihren weiteren Weg entwickeln - und welche
Unterstützung sie dabei finden.
Die eigenen Signale ernst nehmen
In ihrer heutigen Arbeit setzt Schnier auch auf die Wahrnehmung des Körpers.
Eine körperorientierte Therapie war für sie selbst während ihrer Krise
hilfreich, weil sie nicht allein über Gespräche und Gedanken arbeitete, sondern
das körperliche Erleben einbezog.
In ihrer Praxis begleitet sie Menschen dabei, sich mit persönlichen Themen
auseinanderzusetzen, belastende Muster zu erkennen und neue Perspektiven zu
entwickeln. Körperorientierte und systemische Ansätze können dabei
unterschiedliche Zugänge eröffnen. Welche Form der Begleitung passt, hängt vom
jeweiligen Anliegen ab.
Ein wichtiger erster Schritt kann sein, überhaupt wahrzunehmen, was sich
verändert hat. Fällt es zunehmend schwer, abzuschalten? Bleibt man selbst nach
Pausen erschöpft? Werden Schlaf, Konzentration oder die Freude an Dingen
beeinträchtigt, die früher selbstverständlich waren? Solche Veränderungen können
viele Ursachen haben. Wenn sie anhalten oder den Alltag belasten, lohnt es sich,
genauer hinzusehen und gegebenenfalls professionelle Hilfe in Anspruch zu
nehmen.
Dafür muss niemand erst am Ende seiner Kräfte sein. Ein Gespräch mit einer
vertrauten Person, ein Termin in der Hausarztpraxis, eine Beratungsstelle oder
eine psychotherapeutische Begleitung können Wege sein, Unterstützung zu finden.
Je früher Belastungen angesprochen werden, desto eher lässt sich gemeinsam
klären, was gebraucht wird.
Miteinander statt nebeneinander
Das Motto der Woche der Seelischen Gesundheit 2026 lautet: "Miteinander statt
nebeneinander - für eine Gesellschaft, in der jede Psyche zählt." Es geht darum,
Vorurteile abzubauen, Verständnis zu schaffen und Menschen den Zugang zu
Unterstützung zu erleichtern.
Ein anderer Umgang mit psychischer Gesundheit beginnt im Alltag: indem wir
zuhören, ohne vorschnell zu urteilen, Belastungen ernst nehmen und nicht
voraussetzen, dass jemand schon zurechtkommen wird, nur weil er es bisher immer
geschafft hat.
Psychische Gesundheit braucht Aufmerksamkeit, bevor nichts mehr geht. Wer merkt,
dass die eigenen Kräfte dauerhaft nicht mehr reichen, muss nicht erst beweisen,
wie viel er noch aushalten kann. Hilfe zu suchen, ist kein Zeichen des
Scheiterns, sondern ein Schritt, die eigene Situation ernst zu nehmen.
Hinweis für Redaktionen:
Buch: "Wenn nichts mehr geht" (Obita Media Verlag)
Themen:
Mentale Gesundheit, Burnout, Burnout-Prävention, psychische Belastung,
Stressbewältigung, Resilienz, Körperwahrnehmung, Selbstfürsorge, therapeutische
Unterstützung, persönliche Krisenbewältigung, SUP-Paddling
Pressekontakt:
Stefanie Schnier
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OTS: Stefanie Schnier
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