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Köln (ots) - Tokenisierung, Stablecoins, Krypto und der digitale Euro verändern
die Grundlagen des Retail-Investmentgeschäfts. Was häufig als
Technologieentwicklung diskutiert wird, berührt in Wahrheit zentrale
Ertragsquellen von Banken und Brokern - von Zugang und Abwicklung über
Verwahrung bis hin zur Kundenschnittstelle. Max Biesenbach, Leonie Kriett und
Jakob Dipoli Wieser von der globalen Strategieberatung Simon-Kucher ordnen ein,
warum die eigentliche Herausforderung nicht in einzelnen Technologien liegt,
sondern in der Frage, welche Rolle Institute künftig in einer zunehmend
digitalen Wertschöpfungskette einnehmen werden.
Für Retailbanken und Broker sind Tokenisierung, Krypto, Stablecoins und der
digitale Euro längst kein reines Innovationsthema mehr. Sie greifen an, worauf
das Investmentgeschäft über Jahrzehnte beruhte: Zugang zum Kapitalmarkt,
Transaktionsabwicklung, Verwahrung, Zahlungsverkehr und die direkte Beziehung
zum Kunden. Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob Institute digitale Assets
anbieten sollten. Sie lautet vielmehr: Wofür bezahlt der Kunde künftig noch,
wenn Zugang, Handel und Abwicklung einfacher, günstiger und stärker
automatisiert werden?
Der Kapitalmarkt wird modularer
Die Diskussion über Tokenisierung wird häufig auf neue Anlageformen oder
digitale Wertpapiere reduziert. Strategisch betrachtet geht es jedoch um
deutlich mehr. Tokenisierung ermöglicht es, Vermögenswerte digital abzubilden
und Teile der heutigen Wertschöpfungskette effizienter zu gestalten.
Aktienhandel, Verwahrung und Abwicklung können näher zusammenrücken, Prozesse
automatisiert und Marktzugänge erweitert werden.
Besonders relevant ist die zunehmende Fraktionalisierung von Vermögenswerten.
Dadurch werden bislang schwer zugängliche Anlageklassen potenziell einem
breiteren Anlegerkreis zugänglich. Mit der breiteren Verfügbarkeit von Produkten
verliert jedoch der reine Zugang zunehmend an Differenzierungskraft. Maßgeblich
wird nicht sein, wer die meisten tokenisierten Assets anbietet, sondern wer sie
sinnvoll in das Kundenerlebnis integriert. Beratung, Reporting, Steuerlogik,
Liquidität und Verwahrung werden damit zu wichtigen Bestandteilen des
Wertversprechens. Der Zugang allein wird zunehmend zur Commodity.
Regulierung schafft Markt - und Wettbewerb
Für Krypto-Assets markiert die Regulierung einen Wendepunkt. Mit der Markets in
Crypto-Assets Regulation (MiCAR) verfügt Europa inzwischen über einen weitgehend
einheitlichen regulatorischen Rahmen. Neue Anbieter können grenzüberschreitend
leichter skalieren, etablierte Institute müssen ihre Produkt-, Preis- und
Risikomodelle professioneller aufsetzen.
Für Banken und Broker wird Krypto deshalb selten zur alleinigen Ertragsquelle.
Wesentlich relevanter ist die Funktion als Instrument zur Kundengewinnung und
-bindung. Insbesondere jüngere Anleger erwarten zunehmend, dass digitale Assets
selbstverständlich Teil eines modernen Investmentangebots sind.
Krypto zu ignorieren, schützt daher keine Marge. Es erhöht vielmehr das Risiko,
den Zugang zur nächsten Anlegergeneration an Plattformen zu verlieren, die
Wertpapierhandel, Zahlungsverkehr und digitale Assets in einem integrierten
Nutzererlebnis verbinden.
Stablecoins: Der Angriff auf Zahlungsverkehr und Settlement
Noch weitreichender könnten die Auswirkungen von Stablecoins - wie
Asset-Referenced Tokens (ARTs) oder E-Money Tokens (EMTs) unter MiCAR - sein.
Strategisch betrachtet, sind sie weniger ein Investmentprodukt als eine neue
Form digitaler Zahlungs- und Abwicklungsinfrastruktur.
Für Banken ist das besonders heikel. Zahlungsverkehr und Kontobeziehung waren
über Jahrzehnte zentrale Anker der Kundenbeziehung. Entstehen künftig digitale
Zahlungs- und Abwicklungsstrukturen außerhalb klassischer Bankinfrastrukturen,
verlagern sich mit den Transaktionen zugleich Daten, Nutzungsignale und
potenzielle Anknüpfungspunkte zum Cross-Sell von weiteren
Finanzdienstleistungen.
Für Broker werden Stablecoins somit weniger zur Produktfrage als zur
Infrastrukturentscheidung. Wer den Handel mit tokenisierten Assets ermöglicht,
muss auch definieren, wie Cash-Leg, Verwahrung, Risiko, Reporting und Abwicklung
zusammenspielen. Daraus ergeben sich drei strategische Optionen: Stablecoins nur
verwahren, sie in die Broker-Infrastruktur integrieren oder über Partnerschaften
selbst Teil der Ausgabe- und Abwicklungsschicht werden.
Digitaler Euro: Nicht Krypto, aber strategisch relevant
Anders als Stablecoins ist der digitale Euro keine private Initiative, sondern
eine mögliche Erweiterung des bestehenden Geldsystems. Seine strategische
Bedeutung liegt jedoch ebenfalls weniger in der Technologie als in der künftigen
Architektur des Finanzökosystems.
Im Zentrum steht die Frage, wer die Beziehung zum Kunden organisiert und
Zahlungsverkehr, Wallets, Vermögensverwaltung und Beratung zu einem integrierten
Kundenerlebnis verbindet. Wenn Banken diese Position aktiv gestalten, kann der
digitale Euro bestehende Kundenbeziehungen stärken. Wenn nicht, droht eine
weitere Verlagerung ökonomischer Bedeutung in andere Teile des Ökosystems.
Das Geschäftsmodell steht zur Debatte
Der gemeinsame Nenner von Tokenisierung, Krypto, Stablecoins und digitalem Euro
ist nicht Technologie. Es ist die Verschiebung ökonomischer Funktionen entlang
der Wertschöpfungskette. Über Jahrzehnte konnten Banken und Broker Zugang,
Transaktionen, Verwahrung, Zahlungsverkehr und Produktvertrieb monetarisieren.
Genau diese Ertragsquellen geraten nun gleichzeitig unter Druck - durch
technologische Entwicklungen, regulatorische Veränderungen, sinkende
Preistoleranz und neue Marktteilnehmer. Die nächste Wettbewerbsphase wird
deshalb nicht über die Frage entschieden, wer die meisten Produkte anbietet. Sie
wird darüber entschieden, welche Rolle ein Institut künftig in der neuen
Wertschöpfungskette einnimmt. Institute müssen festlegen, wo sie künftig Wert
schaffen und welche Ertragsquelle sie verteidigen oder neu aufbauen und welchen
Beitrag sie leisten wollen.
Drei strategische Geschäftsmodelle erscheinen dabei besonders relevant:
Utility-Anbieter erzielen ihre Erträge primär über Transaktionsvolumina,
Abwicklung, Verwahrung und die effiziente Skalierung standardisierter Prozesse.
Vermögensbegleiter monetarisieren hingegen die laufende Kundenbeziehung - etwa
über Beratungs-, Service- und Abo-Modelle sowie ergänzende Premiumleistungen.
Infrastruktur- und Plattformanbieter schaffen Wert vor allem über die
Bereitstellung regulierter Infrastruktur und verdienen an Verwahr-, Plattform-,
Nutzungs- oder Transaktionsentgelten von Partnern und anderen Marktteilnehmern.
Viele Institute werden versuchen, mehrere dieser Modelle gleichzeitig zu
verfolgen. Genau darin liegt jedoch ein erhebliches Risiko. Wer keine klare
Positionierung entwickelt, läuft Gefahr, zwischen den Modellen gefangen zu
bleiben: zu teuer für den Utility-Wettbewerb, zu wenig relevant für den
Beratungsansatz und zu langsam für die Infrastrukturperspektive.
Simon-Kucher Expertenmeinung
Tokenisierung, Krypto, Stablecoins und der digitale Euro werden häufig als
voneinander getrennte Entwicklungen betrachtet. Tatsächlich markieren sie
gemeinsam den Übergang zu einer neuen Finanzinfrastruktur. Die Gewinner werden
nicht zwangsläufig die ersten Anbieter neuer Technologien sein. Ausschlaggebend
wird vielmehr sein, wem es gelingt, digitale Assets in ein belastbares
Geschäftsmodell zu übersetzen und daraus nachhaltige Erträge zu entwickeln.
Der Wettbewerb bleibt dabei überraschend vertraut. Auch künftig geht es um
Vertrauen, Relevanz und die Nähe zum Kunden. Neu ist jedoch, dass diese Stärken
allein nicht mehr ausreichen. Sie müssen in einer zunehmend digitalen
Finanzarchitektur in tragfähige Ertragsmodelle übersetzt werden. Wer digitale
Assets nur als weitere Produktkategorie behandelt, bleibt austauschbar. Wer sie
nutzt, um seine Rolle in der Wertschöpfungskette neu zu definieren, kann sich
strategisch differenzieren.
Über Simon-Kucher
Simon-Kucher ist eine globale Unternehmensberatung mit mehr als 2.200
Mitarbeitenden in über 30 Ländern. Als verlässlicher Partner für Commercial
Excellence unterstützen wir Unternehmen dabei, nachhaltiges und profitables
Wachstum zu realisieren. Wir verbinden tiefgehende Beratungsexpertise mit
Spezialisierung auf Wachstumsstrategien und technologischer Kompetenz, um
messbare Ergebnisse zu erzielen. Wir optimieren sämtliche Hebel der
kommerziellen Strategie - von Produkt, Pricing und Innovation bis hin zu
Marketing und Vertrieb - konsequent ausgerichtet am Kundennutzen und der
Zahlungsbereitschaft. Mit über 40 Jahren Erfahrung in der Monetarisierung gelten
wir als weltweit führende Beratung für Commercial Growth und Pricing.
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