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Berlin (ots) - Ab heute kommt die Staatengemeinschaft in Armenien zum
Weltnaturgipfel zusammen. Zentrales Thema wird die magere Halbzeitbilanz der
Umsetzung des Weltnaturschutzabkommens sein. Im Vorfeld des Gipfels diskutierten
in Berlin über 200 Spitzen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und
Zivilgesellschaft die Bedeutung von Natur als kritischer Infrastruktur für
unsere Wirtschaft, Sicherheit und für unser Wohlergehen.
Zum Auftakt des Weltnaturgipfels kommen heute in Armeniens Hauptstadt Eriwan
Staats- und Regierungschefs, die Spitzen internationaler Organisationen,
Top-Wissenschaftler, Prominente und führende Vertreter indigener und lokaler
Gemeinschaften zusammen, um für die Verhandlungen ab Montag kommender Woche eine
strategische Orientierung zu geben.
Der Gipfel befasst sich auch mit den Ergebnissen der Halbzeitbilanz zur
Umsetzung des 2022 verabschiedeten Weltnaturschutzabkommens von Kunming und
Montreal. Basile von Havre, Architekt dieses globalen Abkommens und jetzt
Berater der armenischen Präsidentschaft des anstehenden Weltnaturgipfels
erläutert: "Wir haben als Weltgemeinschaft mehr gemacht als je zuvor zum Schutz
der Biodiversität. Aber das ist noch nicht genug, um die Ziele des Abkommens zu
erreichen. Wir müssen mehr tun!" Insbesondere die indirekten Treiber von
Naturzerstörung, wie z.B. umweltschädliche Subventionen, müssten stärker
angegangen werden. Von diesen leistet sich nach Angaben des Umweltbundesamtes
allein Deutschland immer noch 65 Milliarden Euro jährlich.
Auch zur Erreichung des 30x30 Ziels des Weltnaturabkommens, wonach mindestens 30
Prozent der Land- und Meeresflächen zur Absicherung essenzieller
Ökosystemdienstleistungen für Mensch und Natur unter Schutz gestellt werden
müssten, gelte es trotz bedeutender Fortschritte die Umsetzungsgeschwindigkeit
zu erhöhen. Zu diesem Ergebnis kommt eine im Vorfeld des Gipfels von Campaign
for Nature veröffentlichte Studie. Demnach stünden bisher weltweit 20 Prozent
der Land- und 10 Prozent der Meeresflächen unter Schutz. Einige Regionen seien
aber schon deutlich weiter, so wären in Lateinamerika schon 29 Prozent der Land-
und 26 Prozent der Meeresfläche als Schutzgebiete ausgewiesen.
Die besondere Bedeutung des Weltnaturgipfels zur Sicherung der natürlichen
kritischen Infrastruktur wurde auch beim Treffen namhafter Führungskräfte aus
Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft im Rahmen des
hochrangigen DLD Nature Salon vergangene Woche in Berlin deutlich. Der Salon
wurde von DLD, der MaLisa Stiftung, Campaign for Nature und der Senckenberg
Gesellschaft ausgerichtet. Johan Rockström, Leiter des Potsdamer Instituts für
Klimafolgenforschung erläuterte dort, dass es um die Stabilität der Erdsysteme
entsprechend des jüngsten, wissenschaftlichen 'Planetaren Gesundheitschecks'
schlechter bestellt sei, als noch zuvor angenommen. Im Falle der Naturflächen
und Biodiversität, bewege sich die Welt bereits in der Hoch-Risiko Zone. In
dieser Zone schwäche jede weitere Degradierung die Fähigkeit der Natur, den
Klimawandel und seine Folgen abzumildern und uns Wasser, Nährstoffe und
fruchtbare Böden zur Verfügung zu stellen. "Das Beste, wovon wir ausgehen
können, ist eine Erderwärmung von 1,8 Grad Celsius. Und dabei bedeutet jedes
Zehntel Grad mehr Erwärmung Leiden für hunderte von Millionen von Menschen, es
bedeutet mehr Überflutungen, mehr Dürren, mehr lebensbedrohliche Hitzewellen.
Aber wir können zurückkommen", schlosst Rockström mit der Erinnerung, dass wir
Menschen es in der Hand hätten. Dafür müsse die Weltgemeinschaft bis 2050
klimaneutral werden und bereits heute stärker in die Natur investieren. Denn
diese trage wesentlich zur Begrenzung des Klimawandels bei, schon jetzt mindere
sie dessen Ausmaß um 0,4 Grad Celsius.
Dass fortschreitender Verlust von Natur und der biologischen Vielfalt auf
unserer Welt sogar ein nationales Sicherheitsrisiko darstelle, machte der
ehemalige hochrangige Generalleutnant der britischen Armee, Richard Nugee auf
dem DLD Nature Salon, deutlich. Denn die Ernährungssicherheit in Ländern, die
wie Großbritannien und auch Deutschland, Nahrungsmittel importierten, sei nicht
mehr garantiert, wenn in zunehmenden Fällen, andere Länder die Ausfuhr von
Grundnahrungsmitteln einstellen würden, weil sie diese selbst benötigten
aufgrund naturbedingt schlechter Ernten, wie etwa Indien 2023.
"Wir müssen anfangen, anders über Natur zu reden", appellierte Maria
Furtwängler, eine der Gastgebenden beim Salon, "Nämlich als kritische
Infrastruktur. Unsere Nahrung, unsere Gesundheit, unsere Sicherheit - und mehr
als die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung hängen von funktionierenden
Ökosystemen ab. Trotzdem investieren wir nicht in den Erhalt von Ökosystemen,
wie wir das ganz selbstverständlich für Autobahnbrücken oder Stromtrassen tun."
Ein wesentlicher Grund hierfür, wie auch für die Zerstörung und Degradierung von
Natur und Biodiversität, da waren sich die renommierten Vortragenden einig,
liege in der Funktionsweise unseres Finanzsystems: Naturkapital werde nicht
systematisch erfasst, wirtschaftlich bewertet und in
Finanzierungsentscheidungen, Risikomodelle und regulatorische Vorgaben
integriert. "Der Finanz- und der Privatsektor denken in Preisen, was jemand
bereit ist zu zahlen, nicht in Werten, was etwas wert ist", so Valerie Hickey
von der Weltbank.
Jahrzehntelange falsche Anreize prägten auch die Landwirtschaft. Eberhard Räder,
Präsident von Naturland e.V.: "Aufgrund der Politik nach dem Motto 'geht's noch
billiger?' haben wir heute eine ausgeräumte Landschaft." Aber nicht nur das. Die
Zukunftskommission Landwirtschaft habe feststellt, dass die Landwirtschaft im
Jahr etwa für 70 Milliarden EUR Nahrungsmittel produziere, dabei aber 90
Milliarden an Umweltschäden produziere. Jan Plagge, Präsident von Bioland e.V.
stellte der aktuellen Situation eine Vision gegenüber: "Auch Landwirte sind
Unternehmer. Die wollen ihr Geld mit ihrer Leistung verdienen. Und wenn es darum
geht, Trinkwasser zu produzieren oder stabile Ökosysteme vor Ort oder auch
schöne Landschaften zu kreieren, ist das eine Leistung. Und das hat einen Preis
und gehört vergütet."
Bezogen auf die Frage, was sich daraus für den heute beginnenden Weltnaturgipfel
und für die deutsche Politik ableite, gehen die Schlussfolgerungen der
teilnehmenden, Experten, Wissenschaftler und Führungskräfte des DLD Nature Salon
in die gleiche Richtung wie die Forderungen der Positionspapiere vieler
Umweltverbände: "In Eriwan müssen jetzt konkrete Beschlüsse zur beschleunigten
Umsetzung des Weltnaturabkommens getroffen werden. Natur muss ein Preisschild
bekommen und steuerliche und finanzielle Anreize müssen reformiert werden, damit
sie nicht die Zerstörung, sondern den Erhalt von Natur fördern. Und schließlich
muss Deutschland bei seinen Zusagen zu Finanzierungsbeiträgen Wort halten, um
ärmere Länder zu unterstützen, die für uns alle den wesentlichen Anteil der
globalen Biodiversität erhalten", fasst Jan Peter Schemmel, Director Europe bei
Campaing for Nature zusammen.
Pressekontakt:
Jan Peter Schemmel
Director Europe, Campaign for Nature
mailto:jan-peter@campaignfornature.org
mobil: 0171 622 8615
Weiteres Material: http://presseportal.de/pm/163011/6372202
OTS: Campaign for Nature
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