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Berlin (ots) - Jens Spahn hat offenbar gedacht, er kommt wieder damit durch. Der
"Spagat" zwischen seiner "privaten Entscheidung zu einem Kind durch
Leihmutterschaft und der nachvollziehbaren Erwartung" an ihn als Vorsitzender
der Unionsfraktion sei "größer geworden, als ich es erwartet hatte", schreibt er
in seiner Rücktrittserklärung. Er hat also darauf gesetzt, dass die Zahl seiner
Unterstützer groß genug ist, ihn weiter im Amt zu halten. Betrachtet man all die
Fälle von Vetternwirtschaft und Kungelei, die ihm nachgewiesen worden sind, ohne
dass jemand aus CDU und CSU seine Demission forderte, verwundert seine Haltung
nicht.
Denn anders etwa bei seinem überteuerten Maskenkauf in der Corona-Pandemie bei
Kumpels, die den Steuerzahler 5,7 Milliarden Euro kosteten, gibt es bei seinem
Baby-Shopping in den USA keinen Schaden für die deutsche Allgemeinheit. Das
Ausmaß der Kosten, die der vom damaligen Bundesgesundheitsminister erteilte
Masken-Auftrag verursacht hatte, kam erst nach seiner Amtszeit ans Licht. Einen
Grund, deswegen seinen Hut als Fraktionschef zu nehmen, sah Spahn darin
genausowenig wie seine Parteifreunde.
Aktuell dümpeln aber CDU und CSU zusammen bei 21 bis 23 Prozent in den
Bundes-Umfragen, die AfD liegt bei 27 Prozent. Und in den Bundesländern, in
denen im September die Parlamente neu gewählt werden, sieht es teilweise noch
wesentlich schlechter aus. So kam denn die erste Rücktrittsforderung von
MV-CDU-Chef Daniel Peters - im Nordosten sind die Christdemokraten in die
Einstelligkeit gerutscht. Das dürfte die Nervosität steigern. Und auch aus NRW,
wo im kommenden April der Landtag neu gewählt wird, kam unüberhörbares Murren:
Es könne nicht angehen, dass ein Mann in Spahns Position von den Bürgern das
eine verlange und privat das Gegenteil tue.
Warum war all diesen Leuten die Diskrepanz zwischen dem Anspruch Spahns an die
Gesellschaft und seinem persönlichen Agieren bis hin zu Kreditmauscheleien beim
Erwerb und Weiterverkauf seiner Berliner Villa nie Anlass, sich über ihn zu
empören? Oder sein Sponsorendinner während der Pandemie, dessen Kosten um genau
einen Euro unter der Marke für anzeigepflichtige Parteispenden blieben? Wohl,
weil zu viele von ihnen diesbezüglich selbst im sprichwörtlichen Glashaus
sitzen. Dagegen kommen Leihmutterschaftsverträge im Leben der Mehrheit selten
vor.
Sie betreffen vor allem schwule Paare, die ohne die Hilfe einer dritten Person
zusammen keinen leiblichen Nachwuchs bekommen können. Und Verfehlungen dieser
Minderheit im familiär-reproduktiven Kontext werden in den konservativen
Parteien dann doch strenger unter die Lupe genommen als etwa ein von einem
Abtreibungsgegner für die Geliebte gezahlter Schwangerschaftsabbruch.
Ob die CDU durch ihre Distanzierung von Spahn Punkte machen kann? Wohl kaum. In
Sachen Sozialkahlschlag und von der AfD abgekupferter Fluchtpolitik sind sich
dort die allermeisten mit dem nun Zurückgetretenen einig. Doch jene, die die
"Altparteien" diesbezüglich vor sich hertreiben wollen, werden weiter das extrem
rechte Original wählen.
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