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Berlin (ots) - 34. Plattform Gesundheit des IKK e.V. / Wie gelingt schnellerer
Zugang zur richtigen Versorgungsebene bei sinnvoller Kapazitätsnutzung und
gesicherter Qualität / Verbindliche Koordination, digitale Ersteinschätzung und
multiprofessionelle Teams als Schlüssel
Primärversorgung muss Menschen schneller zur richtigen Versorgung führen,
vorhandene Kapazitäten sinnvoller nutzen und die Qualität der Behandlung sichern
- ohne dabei zu einer zusätzlichen Zugangshürde zu werden. Darin waren sich die
Teilnehmenden der gestrigen 34. Plattform Gesundheit des IKK e.V. unter dem
Titel "Besser koordiniert, besser versorgt - Zukunft Primärversorgung" einig.
Vertreterinnen und Vertreter aus Gesundheitspolitik, Ärzteschaft und
Selbstverwaltung sowie rund 100 Gäste diskutierten digital und vor Ort, wie
Primärversorgung Patientinnen und Patienten künftig besser durch das
Gesundheitssystem navigieren kann. Zugleich betonten die Teilnehmenden die
Komplexität des Vorhabens. Primärversorgung hat viele Aspekte, die über den
ersten Zugang hinausgehen, wie Fragen der Verbindlichkeit, Vergütung und
Bedarfsplanung. Nicht alles könne gleichzeitig angegangen und umgesetzt werden.
Als Konsens zeichnete sich ab, dass die Reform schrittweise, qualitätsorientiert
und ohne disruptive Brüche erfolgen müsse: Qualität vor Schnelligkeit.
"Bessere Steuerung ist weder Selbstzweck noch Sparprogramm. Sie muss den
Menschen konkret helfen und die knappen Ressourcen dort einsetzen, wo sie
medizinisch gebraucht werden", betonte Hans-Jürgen Müller, Vorstandsvorsitzender
des IKK e.V., in seinem Eingangsstatement. Ein Primärversorgungssystem dürfe
keine Hürde zur notwendigen Behandlung sein, sondern müsse diesen Weg
beschleunigen und Orientierung geben. "Es geht um Orientierung und Steuerung,
nicht um Zugangshürden und Rationierung." Müller forderte ein schlüssiges
Gesamtkonzept aus einheitlicher, niedrigschwelliger und digitaler
Ersteinschätzung, elektronischer Überweisung und bedarfsgerechter
Terminvermittlung. Zudem müsse Primärversorgung multiprofessionell gedacht
werden: Qualifizierte Gesundheitsberufe könnten Routineaufgaben wie Folgerezepte
oder Verlaufskontrollen übernehmen, wenn Kompetenzen, Delegation, Substitution
und Vergütung klar geregelt seien. "Übernehmen qualifizierte Teammitglieder
solche Routineaufgaben und wird nur bei Auffälligkeiten zum Arzt weitergeleitet,
steht mehr ärztliche Zeit für die Patientinnen und Patienten zur Verfügung, die
sie wirklich brauchen", erklärte Müller.
Johanna Nüsken, Geschäftsführerin des Bundesverbandes Managed Care e.V., machte
deutlich, dass Primärversorgung mehr sei als eine koordinierende Hausarztpraxis.
"Primärversorgung ist kein Ping-Pong zwischen Haus- und Facharzt", sagte Nüsken.
Sie umfasse eine niedrigschwellige erste Anlaufstelle, umfassende Betreuung,
Koordination und Kontinuität. Dafür brauche es ein digitales
Koordinierungsinstrument in Form eines personenbezogenen Care Plans sowie
multiprofessionelle Teams. Ohne Koordination bleibe das Gesundheitssystem für
viele Patientinnen und Patienten ein Irrgarten. Auch die Aufgabenverteilung
müsse sich verändern: Qualifizierte Gesundheitsberufe könnten und sollten
Aufgaben übernehmen. "Kooperation und Zusammenarbeit müssen attraktiver werden
als Abschottung", so Nüsken. Sie warnte vor drei Fehlern, die man bei der Reform
nicht machen dürfe: Sich nur auf den Zugang und die Steuerung zu beschränken,
das System arztzentriert auszugestalten und die Vergütungssystematik
auszusparen. Man müsse weg davon, Menge und Krankheit allein als Maßstab für die
Vergütung zu sehen.
Für Prof. Dr. Armin Grau, MdB, Sprecher für Arbeit und Soziales der
Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, zeichnet sich ein gutes
Primärversorgungssystems durch Koordination für Patientinnen und Patienten im
bisherigen "Irrgarten" Gesundheitswesen, durch seinen multiprofessionellen
Aufbau und die Qualitätssicherung der Versorgung aus und bietet Ärztinnen und
Ärzten dabei ein besseres Vergütungssystem als bisher. Kritisch sieht Grau den
bisherigen Fokus der Versorgung: Deutschland habe zu viele Aufgaben in die
fachärztliche Schiene verlagert; die Generalisten hätten eine zu geringe, die
Fachärzte eine zu große Rolle. Bei der Einführung eines Primärversorgungssystems
hat Grau auch die ländlichen Räume im Blick: "Wir müssen über ländliche Räume
sprechen. Wir haben drohende und faktische Unterversorgung." Versorgungslücken
müssten geschlossen und Übergangslösungen geschaffen werden, damit
Primärversorgung auch dort funktioniert, wo die hausärztliche Basis fehlt.
Für Ates Gürpinar, MdB, stellvertretender Parteivorsitzender von Die Linke,
steht bei der Primärversorgung der Patient mit seiner Gesundheits-, nicht
Krankheitsversorgung im Mittelpunkt. Hierzu verwies Gürpinar auch auf die
Verbindung von Bedarfsplanung und Versorgungsaufträgen. Die Bedarfsplanung
allein reiche nicht aus; auch Versorgungsaufträge müssten klar gezogen, erfüllt
und kontrolliert werden. Dazu brauche es Gesundheitszentren in kommunaler Hand.
"Wir dürfen nicht nur an die Bedarfsplanung gehen, wir müssen auch an die
Versorgungsaufträge ran." Gürpinar warnte davor, die Reform unter
Sparbedingungen zu gestalten: "Wenn es unter Sparbedingungen zustande kommt, ist
es ein schlechtes Gesetz."
In der Debatte wurde deutlich, dass Verbindlichkeit im Primärversorgungssystem
nur funktioniert, wenn sie mit einem niedrigschwelligen und verlässlichen Zugang
zur Versorgung verbunden wird. "Dr. Markus Blumenthal-Beier, Bundesvorsitzender
des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes e.V., erklärte: "Der Termin ist die
Währung für Verbindlichkeit im System." Kritisch steht Blumenthal-Beier der
digitalen Ersteinschätzung gegenüber: Für die Notfall- und Akutversorgung gebe
es bereits verlässliche Tools, für die Regelversorgung jedoch noch nicht. Ohne
abgestimmte Strukturen könne eine flächendeckende digitale Ersteinschätzung die
Inanspruchnahme zusätzlich erhöhen, weil Patientinnen und Patienten im Schnitt
mehrere Anliegen hätten. Als Grundlage des Primärversorgungssystems könne das
Versorgungskonzept des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes HäPPI
("Hausärztliches Primärversorgungszentrum - Patientenversorgung
Interprofessionell") weiterentwickelt werden; in Baden-Württemberg gebe es
bereits mehr als 70 entsprechende Praxen. Entscheidend seien abgestimmte
Behandlungspfade, die Auflösung der Quartalszentrierung in der Vergütung und die
Verbindlichkeit des Systems für die Patienten und Patientinnen. Das
Primärversorgungssystem solle sich aber generell an die Regel in der Versorgung,
nicht den Ausnahmefällen orientieren: "Der Wunsch, Ausnahmen zu regeln, ist die
Hauptursache für zu viel Bürokratie", so Blumenthal-Beier.
Dr. Lina Seitzl, MdB, stellvertretende Sprecherin der Arbeitsgruppe Gesundheit
der SPD-Bundestagsfraktion, betonte, dass die Diskussion um ein
Primärversorgungssystems nicht unter dem Spartitel geführt werde; eine solche
Umstellung könne am Anfang auch erstmal Geld für Investitionen und Zeit für die
Umsetzung kosten. Zur Frage der Verbindlichkeit verweist Seitzl auf den Mehrwert
eines Primärversorgungssystems: "Attraktivität kauft Verbindlichkeit."
Entscheidend sei, dass Menschen einen Termin erhalten, wenn sie ihn aus
medizinischen Gründen brauchen - unabhängig von ihrem Versicherungsstatus oder
Wohnort. Für chronisch Kranke müsse der direkte Facharztzugang erhalten bleiben,
warnte aber zugleich: "Wenn wir nur über Ausnahmen sprechen, zerfleddert das die
Konzentration auf die Umsetzung des Primärversorgungssystems."
Nüsken forderte in ihrem Impuls hinsichtlich der Vergütungsstruktur eine Abkehr
von der reinen Einzelleistungsvergütung und der Quartalszentrierung. Stattdessen
brauche es einen Vergütungsmix: populationsbezogene Grundpauschalen als
Vorhaltefinanzierung, Vergütung entlang von Versorgungspfaden über
Organisationsgrenzen hinweg sowie Anreize für Qualität und
Versorgungsergebnisse. "Verantwortung für Versorgungsergebnisse muss sich
lohnen." Seitzl ergänzte, Vergütungsstrukturen müssten im Zuge der Reform
verändert werden; die Quartalslogik sei kein tragfähiger Maßstab mehr. Grau
betonte, ein besseres Vergütungssystem und Qualitätssicherung gehörten zu den
Voraussetzungen dafür, dass Primärversorgung mehr Nutzen für Patientinnen und
Patienten erzeuge. Gürpinar verwies darauf, dass ein Care Plan unter reiner
Einzelvergütung nicht funktionieren könne, weshalb eine Veränderung des
Finanzierungssystems richtig sei.
Auch die freie Arztwahl wurde kontrovers, aber konstruktiv diskutiert. Seitzl
stellte die praktische Umsetzung der freien Arztwahl generell in Frage, wenn
Termine oder Ärztinnen und Ärzte vor Ort fehlten: Eine Verbindlichkeit des
Systems könne nur gelingen, wenn die Versorgung tatsächlich verfügbar sei. Gerd
Benzmüller, Verwaltungsratsvorsitzender der IKK Südwest, hielt an der freien
Arztwahl fest: "Eine freie Arztwahl ist wichtig." Patientinnen und Patienten
müssten aber dorthin geleitet werden, wo sie medizinisch hingehören -
verbindlich, aber ohne bürokratische Zusatzhürden. Danach müsse ein geordneter
Weg folgen, etwa durch automatische Terminvermittlung; das System müsse auch
frei von Länder- bzw. den Grenzen der Kassenärztlichen Vereinigungen
funktionieren. "Mehrwert für Bürger und Ärzte bedeutet: bessere Wege und weniger
unnötige Arztkontakte." Blumenthal-Beier ergänzte, Verbindlichkeit bedeute
nicht, dass Patientinnen und Patienten immer zuerst beim Hausarzt vorstellig
werden müssten; der Weg müsse jedoch geordnet sein.
"Wir sprechen über Teams, nicht nur über Ärzte", resümierte Jürgen Hohnl,
Geschäftsführer des IKK e.V. Die Paradigmenwechsel hin zu einer teambasierten
Versorgung und einer stärkeren Rolle qualifizierter Gesundheitsberufe sowie zur
Stärkung einer hausärztlichen statt Konzentration auf eine fachärztliche
Versorgung seien im Gange. Das Primärversorgungssystem sei kein Spargesetz und
dürfe nicht von der Spardiskussion bestimmt werden. Als Ergebnisse müssten
Terminverfügbarkeit, Versorgung und Verlässlichkeit für die Beiträge von
Versicherten und Arbeitgebern sichtbar werden. "Primärversorgung ist ein
Gemeinschaftsprojekt, mit guten Voraussetzungen, die Gesundheit der Versicherten
nachhaltig zu verbessern", so Hohnl. Er verwies abschließend darauf, dass ein
verbessertes Gesundheitssystem zugleich auch demokratiebewahrend sei.
Über den IKK e.V.:
Der IKK e.V. ist die Gemeinsame Vertretung der Innungskrankenkassen auf
Bundesebene. Der Verein wurde 2008 gegründet mit dem Ziel, die Interessen seiner
Mitglieder und deren Versicherten gegenüber allen wesentlichen Beteiligten des
Gesundheitswesens zu vertreten. Die Innungskrankenkassen stehen für 5 Millionen
Versicherte.
Pressekontakt:
Leitung Kommunikation | Pressesprecherin
Iris Kampf
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