|
Berlin (ots) - Selbst beim Fußballweltverband Fifa muss man sonst ein bisschen
genauer hinschauen, um die Heuchelei seiner Führungsriege um Präsident Gianni
Infantino zu erkennen. In diesen Tagen könnte sie aber kaum offensichtlicher
sein. Die Fifa geriert sich plötzlich als Verteidiger des armen Fußballfans
gegen überhöhte Preise, dabei ist sie selbst der größte Inflationstreiber im
Sport überhaupt.
Ganz aktuell sorgen die Preissteigerungen im öffentlichen Nahverkehr des
Bundesstaats New Jersey während der WM im Sommer für Schlagzeilen. Eine auf den
ersten Blick schockierende Preissteigerung um mehr als das Zehnfache von
normalerweise 12,90 Dollar auf dann 150 Dollar ist angekündigt, um die WM-Fans
zum Stadion und wieder in ihre Unterkünfte zurückzubringen. Die Fifa protestiert
und verweist darauf, dass andere Städte auf derlei verzichten (oder moderater
mit den Preisen anziehen) würden: Ja, wie soll denn der gemeine Fußballfan das
bezahlen? Vor allem, wenn eine Anfahrt mit dem Auto wegen fehlender
Parkmöglichkeiten unmöglich ist.
Dabei liefert das staatlich geführte und steuerfinanzierte Unternehmen NJ
Transit nachvollziehbare Argumente. So würden mit der WM erhebliche Zusatzkosten
einhergehen: vor allem in den Bereichen Personal und Sicherheit, um die riesigen
Besucherströme zu lenken. Auch müssten ganze Bahnhöfe gesperrt werden für den
Berufsverkehr, der wiederum dann umgeleitet werden muss. Es ist eigentlich ganz
erfrischend, dass New Jerseys frisch gewählte Gouverneurin Mikie Sherrill derlei
Kosten mal nicht auf die Allgemeinheit abwälzt wie sonst bei Weltmeisterschaften
oder Olympischen Spielen üblich. Die Demokratin hatte ihren Wahlkampf
schließlich auf die steigenden Lebenshaltungskosten ausgerichtet. Jetzt liefert
sie.
Dafür, dass zur WM ohnehin kaum normale Fußballfans anreisen werden, hat die
Fifa selbst gesorgt. Schließlich verlangt sie Ticketpreise, die in den meisten
Fällen sogar vierstellig sind. Im Vergleich zu Stehplatztickets in der
Bundesliga wäre dies sogar eine Steigerung um das Hundertfache! Die wenigen
60-Dollar-Tickets, die der Verband zuletzt unter dem Druck der Öffentlichkeit
noch auf den Markt geworfen hat, änderten an der Gesamtbilanz kaum noch etwas.
Erst am Freitag hatte Fifa-Präsident Infantino die eigene Preispolitik damit
verteidigt, dass Nordamerika ein "sehr spezieller Markt" sei - den er offenbar
bis zum letzten zur Bereicherung der Fifa ausnutzen will -, und damit, dass sein
Verband doch eine gemeinnützige Organisation sei, die mit dem Geld den Fußball
weltweit unterstütze. Die Begründung der Gemeinnützigkeit gilt dann aber auch
für NJ Transit.
Wer große Profisport-Stadien in den USA kennt, weiß, dass die meisten Fans
üblicherweise mit dem eigenen Auto anreisen. Die Parkplätze rund um die Arenen
sind dementsprechend riesig. Dass es von denen bei der WM aber kaum öffentlich
zugängliche geben soll, ist auch der Fifa zuzuschreiben. Nicht etwa, weil sie
die Umwelt schon will - dann hätte sie die WM nicht an drei so riesige Länder
vergeben, zwischen denen 64 Teams ständig hin- und herfliegen müssen. Nein,
diese Parkplätze werden den VIP, Sponsoren und Fernsehteams aus aller Welt
vorbehalten bleiben. Die zahlen übrigens eine Milliardensumme dafür. Die
Zusatzkosten von knapp 50 Millionen Dollar, die sich NJ Transit nun von den Fans
zurückholen will, könnte die Fifa aus der Portokasse zahlen.
Pressekontakt:
nd.DerTag / nd.DieWoche
Redaktion
Telefon: 030/2978-1722
Weiteres Material: http://presseportal.de/pm/59019/6258010
OTS: nd.DerTag / nd.DieWoche
|