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Berlin (ots) - Kein pflegefreundliches Land: Civey-Umfrage unterstreicht massive
Unzufriedenheit in der Bevölkerung mit der Pflege-Politik
Die soziale Pflegeversicherung steckt in der Krise: Steigende Beitragssätze,
steigende Eigenanteile im Heim und strukturelle Defizite bei
Versorgungsangeboten - all das bereitet den Menschen in Deutschland offenbar
erhebliche Sorgen, wie eine aktuelle repräsentative Civey-Umfrage unter 10.000
Befragten im Auftrag des AOK-Bundesverbandes zum Thema Pflege zeigt. Auf die
Frage danach, mit welcher Schulnote die Befragten "die Arbeit der
Bundesregierung im Hinblick auf die gesetzliche soziale Pflegeversicherung"
beurteilen würden, vergaben 44 Prozent ein "Ungenügend" und damit die Note 6.
24 Prozent vergaben die Note 5 (mangelhaft), 14 Prozent sagen "ausreichend"
(Note 4), 10 Prozent vergaben die Note 3 (befriedigend). Nur zwei Prozent würden
der Bundesregierung die Note 2 geben, ein Prozent kam zu dem Urteil "sehr gut".
Besonders hoch ist die Unzufriedenheit dabei in den östlichen Bundesländern,
Spitzenreiter ist Sachsen-Anhalt, hier vergaben sogar 57 Prozent der Befragten
ein "Ungenügend". Eine der zentralen Herausforderungen ist der Umfrage zufolge
die Finanzsituation: So stimmten 77 Prozent der Aussage zu, dass die
Pflegeversicherung chronisch unterfinanziert sei. 84 Prozent der Befragten
sagten zudem, dass ihr Vertrauen in die finanzielle Stabilität der SPV in den
nächsten 10 Jahren gering sei, nur 11 Prozent gaben ein hohes Vertrauen an. Mit
deutlich steigenden Beiträgen zur sozialen Pflegeversicherung rechnen in den
kommenden 12 Monaten 84 Prozent der Befragten.
Die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Dr. Carola Reimann, sagt: "Die
Ergebnisse der Umfrage sind deutlich und zeigen, dass der seit langem ungelöste
Reformbedarf in der Pflege die Menschen verunsichert. Wenn es jetzt nicht
schnell gelingt, auch diesen Sozialversicherungszweig finanziell zu
stabilisieren, wird das Vertrauen der Menschen in die Zukunft der Sozialen
Pflegeversicherung verloren gehen. Zur Stabilisierung müssen deshalb dringend
auch zusätzliche Steuerzuschüsse eingesetzt werden". Der Handlungsbedarf sei
gewaltig, der Handlungsspielraum zur Stabilisierung der SPV allerdings auch
limitiert, so Reimann. Denn eine nachhaltige Stabilisierung der SPV-Finanzen
kann nicht allein durch Effizienzsteigerungen und Ausgabenbegrenzungen wie in
der GKV gelingen, so Reimann.
Für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) habe die FinanzKommission
Gesundheit gerade erst belastbare und kurzfristig wirksame Sparvorschläge zur
Finanzstabilisierung vorgelegt und damit auch den Startschuss zum
Gesetzgebungsprozess gegeben. "Für die SPV liegen bisher aber nur ernüchternde
Ergebnisse der Bund-Länder-Arbeitsgruppe "Zukunftspakt Pflege" vor. Und was
letzte Woche an Reformüberlegungen zur Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze in
der SPV oder zur gestreckten Deckelung von Eigenanteilen im Pflegeheim
durchsickerte, würde nur wieder auf weitere einseitige Belastungen der
Versicherten und Leistungskürzungen hinauslaufen. Das klang jedenfalls wenig
ermutigend. Zusätzliche Bundesmittel stehen der SPV aber auch zu, denn sie
übernimmt seit Jahren versicherungsfremde Leistungen, wie die Rentenbeiträge für
pflegende Angehörige oder Corona-Soforthilfen, die eigentlich in
gesamtgesellschaftlicher Verantwortung liegen."
86 Prozent fürchten finanzielle Überforderung durch Eigenanteile
Gerade die Eigenanteile im Pflegeheim, die laut Medienberichten zur Pflegereform
nun noch weiter steigen könnten, bereiten bereits heute Sorgen: Diese lagen Ende
2025 bei durchschnittlich 2.600 Euro pro Monat. 86 Prozent der Befragten gaben
an, Angst vor finanzieller Überforderung zu haben, falls sie selbst einmal im
Heim versorgt werden sollten. Dabei befürchten 57 Prozent, in diesem Fall in
einem Mehrbettzimmer wohnen zu müssen, 50 Prozent fürchten, ihrer Familie
finanziell zur Last zu fallen und ebenfalls 50 Prozent gaben an, Sorge zu haben,
kein bezahlbares Pflegeheim in der Nähe finden zu können. "Die
Pflegeheim-Bewohnenden müssen aktuell mit ihren Eigenanteilen die Versäumnisse
der Länder bei der Finanzierung der Investitionskosten für die
Pflegeeinrichtungen ausgleichen", so Reimann. "Auch das muss Teil der
Pflegereform sein. Die Herausnahme der Ausbildungskosten für die Pflegeberufe
aus den Eigenanteilen könnte die Belastungen zusätzlich dämpfen und würde die
Pflegebedürftigen in den Heimen auf einen Schlag um etwa eine Milliarde Euro
entlasten."
Unzufriedenheit mit Strukturen vor Ort
Auch die Zufriedenheit mit der Pflegeinfrastruktur ist laut Umfrage niedrig in
der Bevölkerung: 53 Prozent der Befragten sind unzufrieden mit den Angeboten in
ihrem Bundesland, z. B. an Pflegeheimen, ambulanten Diensten, Tagespflege und
Beratungsstellen. Immerhin 33 Prozent bewerten die verfügbaren Angebote positiv.
Insgesamt am unzufriedensten sind die Menschen im Saarland, hier bewerteten 61
Prozent die Angebotssituation als schlecht, in Schleswig-Holstein hingegen sind
es nur 50 Prozent, während 33 Prozent zufrieden sind.
Der Aussage, dass Pflegebedürftige und Pflegende in Deutschland insgesamt
ausreichend Unterstützung finden, stimmten nur 18 Prozent zu. Reimann: "Neben
der Stabilisierung der Finanzen, braucht es dringend auch echte
Strukturreformen." Ziel müsse es sein, die Pflege vor Ort zu stärken und
bedarfsgerechter zu gestalten. Dazu benötige man eine Vereinfachung des
Leistungsrechts sowie die Aufhebung der starren Sektorengrenzen. Außerdem sei
eine stärkere Zusammenarbeit von Kommunen, Kranken- und Pflegekassen sinnvoll.
Mit dieser Zielsetzung hat die AOK im Februar auch die Initiative "Pflege vor
Ort - für ein pflegefreundliches Deutschland" gestartet. Projekte aus den
AOK-Regionen zeigen, wie Herausforderungen vor Ort durch innovative Ansätze
effektiv gelöst werden können. Reimann: "Wir würden uns wünschen, wenn sich auch
die Politik traut, neue Wege zu gehen und Spielräume für bedarfsgerechtere
Lösungen vor Ort zu eröffnen."
Zur Webseite der Initiative "Pflege vor Ort":
https://www.aok.de/pp/pflege-vor-ort/
Abbildungen zur Umfrage finden Sie hier:
https://www.aok.de/pp/bv/pm/civey-umfrage-zur-pflege/
Hinweis zur Umfrage: Online-Befragung vom 27.03. bis 31.03.2026 von 10.000
Bundesbürgerinnen und Bundesbürgern ab 18 Jahren durch Civey und 5.000 Personen,
die befürchten, sich im Alter keine gute Pflege leisten zu können. Die
Ergebnisse sind aufgrund von Quotierungen und Gewichtungen repräsentativ unter
Berücksichtigung des statistischen Fehlers von 2,5 bis 2,6 Prozentpunkten beim
jeweiligen Gesamtergebnis. Die Ergebnisse auf Ebene der Bundesländer sind
repräsentativ auf Basis einer modellbasierten, statistischen Methode für kleine
Datenräume. Der statistische Fehler auf Ebene der Bundesländer liegt bei 3,1 bis
8,1 Prozentpunkten.
Ihr Ansprechpartner in der Pressestelle:
Dr. Kai Behrens
Telefon: 030 / 34646-2309
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OTS: AOK-Bundesverband
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