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Berlin (ots) - Für die Blockade der österreichischen Brennerautobahn durch
Anwohner*innen gibt es viel Verständnis. Das ist bemerkenswert. Reisende nehmen
stundenlange Wartezeiten und Umwege in Kauf - ähnlich wie bei einem Streik, der
als legitimes Mittel der Interessenvertretung gilt. Dieses Wohlwollen ist
keineswegs selbstverständlich.
Als die Letzte Generation Kreuzungen und Flughäfen blockierte, war die Empörung
groß. Aktivist*innen wurden beschimpft, tätlich angegangen und von Politik und
Medien teils in die Nähe von Terrorist*innen gerückt. Dabei griffen sie zum
selben Mittel wie die Brenner-Anwohner*innen: Sie störten den Verkehr. Der
Unterschied lag vor allem darin, wofür sie ihn störten. Wer gegen Lärm, Abgase
und Stau protestiert, trifft auf Verständnis. Wer die Klimakrise zum Thema
macht, wird schnell zur Gefahr erklärt.
Doch der Klimaprotest ist nicht verstummt. Das zeigen an diesem Wochenende die
Aktionen von Ende Gelände im Ruhrgebiet. Die Forderung bleibt dieselbe: der
Ausstieg aus fossilen Energieträgern. In der Regierungspolitik spielt das jedoch
nur noch eine Nebenrolle. Im Vordergrund stehen Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum
und wirtschaftliche Stabilität. Die ökologischen Kosten werden benannt, aber
weiterhin in Kauf genommen. Das sind offenbar unvermeidliche Kollateralschäden.
Wer steigenden Konsum und immer neue Verkaufsrekorde bei Pkw als Erfolg feiert,
muss auch mit den Folgen leben. Eine davon ist der wachsende Transitverkehr
durch die Alpen. Die Staus am Brenner sind kein Betriebsunfall, sondern die
logische Folge eines Systems, das auf immer größere Warenströme und Mobilität
setzt.
Die Anwohner*innen fordern höhere Mautgebühren nach Schweizer Vorbild. Doch über
den Preis allein wird sich der Verkehr kaum verringern lassen. Der entscheidende
Unterschied zur Schweiz liegt woanders: Dort wird deutlich mehr Güterverkehr auf
der Schiene abgewickelt.
Die Vorteile liegen auf der Hand: weniger CO2-Ausstoß, weniger Feinstaub,
weniger Lärm. Trotzdem wird vielerorts noch immer so geplant, als gehöre der
Bahn die Vergangenheit und nicht die Zukunft.
Die Schiene kann die Folgen für Mensch und Klima mildern. Sie beantwortet aber
nicht die Frage, warum überhaupt immer mehr Waren transportiert werden müssen.
Genau dort liegt der Kern des Konflikts. Der Streit am Brenner handelt deshalb
nicht nur von einer Autobahn. Er wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wie viel
Verkehr wollen wir eigentlich noch als Preis für Wachstum akzeptieren?
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