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Köln (ots) - Köln. Der frühere SPD-Vorsitzende Martin Schulz glaubt, dass
Erfolge der Nationalmannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft die Stimmung in
Deutschland verbessern kann. "Wenn dieser Mannschaft gelingt, individuelle
Stärken zu einem harmonischen Ganzen zusammenzufügen, wird etwas sichtbar, was
wir gerade dringend brauchen: das Bewusstsein, dass wir als Land mehr können,
als wir uns im Moment zutrauen. Industriell, forschungspolitisch, kulturell,
sozial - die Stärken sind da", sagte Schulz dem "Kölner Stadt-Anzeiger"
(Donnerstag-Ausgabe). Er glaube "fest an diesen Zusammenhang. Fußball ist ein
Spiegel der Gesellschaft - er kann sie aber auch prägen."
Scharfe Kritik äußerte Schulz am Verhalten von Fifa-Präsident Gianni Infantino,
der US-Präsident Donald Trump einen eigenen Friedenspreis verliehen hatte. "Es
gibt den Begriff des Fremdschämens - und der trifft es genau. Dass ein Präsident
eines Weltsportverbandes sich so tief vor einem Machthaber verbeugt, ist
beschämend." Dahinter stehe auch eine politische Botschaft: "Diese Fifa stellt
sich auf die Seite der Mächtigen, nicht auf die Seite des Sports." Von Sportlern
kritische Worte zu den politischen Zuständen in den USA zu erwarten, hält Schulz
für falsch. "Sportler sollte man damit in Ruhe lassen. Was kann ein Spieler der
Elfenbeinküste gegen Trumps Mauerbau ausrichten? Gar nichts." Das sei Aufgabe
der Politik. Mit Blick auf den Protest der deutschen Spieler bei der WM in Katar
sagte Schulz: "Wir haben schon in Katar gesehen, was passiert, wenn wir Sportler
für politische Differenzen in Haftung nehmen: Es überfordert sie, es spaltet die
Öffentlichkeit, und es ändert gar nichts."
"Fifa steht nicht auf Seite des Sports" Martin Schulz über die WM, Trump und den
1. FC Köln | Kölner Stadt-Anzeiger (https://www.ksta.de/sport/1-fc-koeln/fifa-st
eht-nicht-auf-seite-des-sports-martin-schulz-ueber-die-wm-infantino-trump-und-de
n-1-fc-koeln-1303908)
Die zitierten Passagen im Wortlaut:
Deutschland steckt in einer schwierigen Phase. Kann ein gutes Abschneiden der
Nationalmannschaft die Stimmung im Land wirklich heben?
"Ja, ich glaube fest an diesen Zusammenhang. Fußball ist ein Spiegel der
Gesellschaft - er kann sie aber auch prägen. Wenn dieser Mannschaft gelingt,
individuelle Stärken zu einem harmonischen Ganzen zusammenzufügen, wird etwas
sichtbar, was wir gerade dringend brauchen: das Bewusstsein, dass wir als Land
mehr können, als wir uns im Moment zutrauen. Industriell, forschungspolitisch,
kulturell, sozial - die Stärken sind da. Das Sommermärchen 2006 und der WM-Titel
2014 haben gezeigt, wie ein Turnier ein ganzes Land aufhellen kann. Ich wünsche
mir, dass das wieder gelingt."
104 Spiele, 48 Mannschaften, Ticketpreise von Hunderten bis Tausenden Euro, kaum
bezahlbare Unterkünfte, riesige Distanzen - eine WM für Fans oder reiner
Kommerz?
"Das ist Kommerz - das muss man nüchtern so sehen. Dieses Turnier ist ein Stück
zu groß, zu voluminös. Katar davor war schon politisch problematisch. Und diese
WM in drei Ländern ist politisch ebenfalls nicht ganz einfach, allein wegen der
Spannungen zwischen Kanada und Mexiko auf der einen und den USA auf der anderen
Seite. Die Stadien sind voll, ja - aber für den normalen Fan ist das längst
nicht mehr nachvollziehbar. Das Turnier ist überdimensioniert - in jeder
Hinsicht. Das wird am Ende mehr Leute verschrecken als anziehen."
Infantino und Trump feiern diese WM als die "größte aller Zeiten". Ist das eine
gigantische Selbstinszenierung zweier Männer, denen der Sport egal ist?
"Bei Trump kann ich das klar bejahen. Und eines ist sicher: Beide sind einen
Deal miteinander eingegangen, bei dem sie glauben, davon zu profitieren.
Infantino bekommt die große Bühne, Trump die Imagekulisse eines globalen
Ereignisses. Finanziell mag das aufgehen. Vom Image her ganz sicher nicht."
Was haben Sie gedacht, als Infantino Trump einen selbst kreierten Friedenspreis
überreicht hat?
"Es gibt den Begriff des Fremdschämens - und der trifft es genau. Dass ein
Präsident eines Weltsportverbandes sich so tief vor einem Machthaber verbeugt,
ist beschämend. Es ist auch eine politische Botschaft: Diese Fifa stellt sich
auf die Seite der Mächtigen, nicht auf die Seite des Sports. Und die Anbiederung
an Trump ist eine Frechheit gegenüber dem kanadischen Ministerpräsidenten und
der mexikanischen Staatspräsidentin, die dieses Turnier mitausrichten."
Fußball gilt als Völkerverbinder. Aber eine WM, bei der der Gastgeber Mauern
baut und Visa als politisches Instrument einsetzt - ist das nicht eine
Bankrotterklärung dieses Mythos?
"Sportler sollte man damit in Ruhe lassen. Was kann ein Spieler der
Elfenbeinküste gegen Trumps Mauerbau ausrichten? Gar nichts. Das ist Aufgabe der
Politik. Wir haben schon in Katar gesehen, was passiert, wenn wir Sportler für
politische Differenzen in Haftung nehmen: Es überfordert sie, es spaltet die
Öffentlichkeit, und es ändert gar nichts. Ganz anders sieht es bei den
Funktionären aus. Infantino hätte die Möglichkeit - und ich würde sagen: die
Pflicht -, offen zu sagen, dass es ein Unding ist, wie in den USA Menschen ohne
amerikanischen Pass behandelt werden. Dass er das nicht tut, sagt alles über
seine Prioritäten."
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