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Terminal Piece: Das mumok eröffnet erste Großausstellung unter Generaldirektorin Fatima Hellberg

19.06.2026 13:36 Uhr MUMOK - Museum für moderne Kunst

Wien (ots) - Am 20. Juni 2026 eröffnet das mumok - Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien mit Terminal Piece seine erste Großausstellung unter Generaldirektorin Fatima Hellberg. Namensgebender Ausgangspunkt ist eine Installation von Kate Millett aus dem Jahr 1972, die das mumok als ersten Ankauf unter Hellberg erworben hat. Die Schau erstreckt sich in fünf Akten über fünf Ebenen des Hauses und versammelt rund 400 Kunstwerke aus der mumok Sammlung, Leihgaben und neue Auftragsarbeiten. Der Eintritt zur Eingangsebene ist bis 30. September 2026 frei.

Der Titel der Ausstellung ist Programm: Terminal Piece bezeichnet sowohl ein Ende als auch einen Aufbruch. Im Mittelpunkt steht die gleichnamige Installation der US-amerikanischen Künstlerin, Feministin und Schriftstellerin Kate Millett aus dem Jahr 1972, ein Schlüsselwerk der feministischen Kunstgeschichte, das das mumok als ersten Ankauf unter Generaldirektorin Fatima Hellberg erworben hat. Eine einzelne Schaufensterpuppe sitzt inmitten leerer Stuhlreihen, vom Publikum durch Gitterstäbe getrennt. Wer hier zur Schau gestellt wird, bleibt bewusst offen. Die Installation erschließt sich nicht aus sicherer Distanz: Sie muss betreten werden, und jeder Moment, in dem man dem Blick der Figur begegnet oder wegschaut, wird Teil des Werks selbst.

Millett, deren Buch Sexual Politics (1970) als eines der Gründungsdokumente der feministischen Theorie gilt, glaubte an die Fähigkeit von Kunst, Momente intensiver, unmittelbarer Erfahrung zu schaffen. Terminal Piece entstand als Reaktion auf die Folterung und Ermordung der 16-jährigen Sylvia Likens im Jahr 1965, einem Fall, den Millett nicht in Worte fassen konnte. " Ich habe diese Arbeit gemacht, weil ich sie nicht schreiben konnte " - so beschrieb Millett selbst den Ursprung. Das Ergebnis ist eine Installation, die Bilder erzeugt, " so unumstößlich, dass sie sich nicht wieder auslöschen lassen ".

Fatima Hellberg beschreibt den Ankauf als bewusste programmatische Setzung: " Kate Millett hat vor mehr als fünfzig Jahren Fragen gestellt, die heute drängender sind denn je: Wer beobachtet wen? Wer hat die Macht, jemanden sichtbar oder unsichtbar zu machen? Die Rechte und Errungenschaften, die Millett beschäftigten, sind in unserer Gegenwart hochaktuell. " Die Installation thematisiert das Beobachten selbst als Handlung und macht Strukturen sichtbar, die durch Gewohnheit unsichtbar geworden sind.

Chefkurator und stellvertretender wissenschaftlicher Geschäftsführer Lukas Flygare, der gemeinsam mit Hellberg die inhaltliche Konzeption verantwortet, ergänzt: " Wir haben nicht einfach ein Thema vorgegeben und Werke dazu ausgewählt. Wir haben Milletts Werk so ernst genommen, dass es zur Linse wurde - durch die wir alles andere neu gelesen haben. Das Ergebnis ist eine Ausstellung, in der es keine neutralen Räume gibt. "

Fünf Akte, fünf Ebenen: eine Dramaturgie des Sehens

Prolog (Ebene 0): Anna Viebrock verwandelt das Erdgeschoss

Die Bühnenbildnerin Anna Viebrock transformiert 700 Quadratmeter der Eingangsebene in ein begehbares Gesamtkunstwerk. Viebrock bekam die Aufgabe, Räume mit Kunstwerken zu bespielen - und drehte den Auftrag um. "Ich wollte einen Raum für Menschen inszenieren" , beschreibt Hellberg die Haltung, die Viebrock einbrachte, und die zum Grundprinzip der gesamten Schau wurde. Anstelle einer klassischen "White Cube"-Ausstellung durchqueren Besucher*innen eine dynamische Abfolge von Räumen mit wechselnden Maßstäben und Blickachsen, deren Hängung an die Wohnräume von Sammlern erinnert - etwa Peter und Irene Ludwig oder Wolfgang Hahn - und so Entstehungskontexte der mumok Sammlung sichtbar macht. Indem sie konventionelle kuratorische Strategien übergeht, eröffnet Viebrock einen Zugang zu der vielgestaltigen mumok Sammlung, der Differenz, Konflikt und Gleichzeitigkeit anerkennt. Die Eingangsebene ist bis 30. September 2026 bei freiem Eintritt zugänglich.

Akt 1 (Ebene 4): Die Schwelle und was dahinter liegt

Akt 1 startet bei Kate Milletts namensgebender Installation. Nach ihr öffnet sich der Raum zu einer weitläufigen Galerie mit einem Panoramafenster mit Blick auf den Stephansdom und andere historische Sehenswürdigkeiten der Stadt, das für die letzten Ausstellungen verschlossen war und anlässlich des Eröffnungsprogramms wieder geöffnet wurde. Der Wechsel von Dunkelheit zu Tageslicht markiert einen physischen wie konzeptionellen Übergang. Megan Plunketts fotografische Serie Dissembalancer (2020-2026), in der sie Alltagsgegenstände, die ihre demenzkranke Mutter arrangiert hatte, verfremdet und kopfüber präsentiert. Kobby Adis Skulptur The Machine (2026) erfasst menschliche Präsenz ausschließlich als flackernde Schatten auf einem Live-Monitor und kalibriert so das Gefühl der Betrachtenden für Maßstab und Bedeutsamkeit neu. Melanie Counsells begehbare Stahlskulptur [last moments seen from above] (2026) komplettiert den Akt: eine Architektur, die sich selbst enthält, begleitet von einem umgekippten, mit Vinylstickern verzierten Tisch. Gemeinsam beleuchten die Arbeiten, was es bedeutet, gesehen zu werden - und was es heißt, zu verschwinden.

Flygare zur Logik dieser Zusammenstellungen: "Wir haben uns gefragt, was passiert, wenn Werke einander in die Quere kommen. Ausstellungen haben das Potenzial, Reibungen und Stimmungen zu erzeugen, die über die Beschreibungen in Wandtexten hinausgehen."

Akt 2 (Ebene 3): Politische Ideale und gelebte Erfahrung

Wie schlagen sich die Ideale einer Epoche in gelebter Erfahrung nieder? Akt 2 wendet sich nach innen und spürt den Widersprüchen zwischen kollektiven Bestrebungen und dem Leben im Privaten nach. Den inhaltlichen Fluchtpunkt bildet Elisabeth Subrins Film Swallow (1995), der zwischen Archivmaterial und intimen Szenen der Mädchenjahre den Wandel vom hoffnungsvollen Aktivismus der Millett-Generation hin zu ambivalenten Gefühlswelten in den Blick nimmt, die im Schatten des gesellschaftlichen Fortschritts weiterbestehen. In gedämpfter, häuslicher Atmosphäre treten Birgit Jürgenssens Schwarzer Honig meiner Träume (1989-1992) - Fotografien und Rayogramme, überzogen mit Latex, Voile und Tüll, die weniger wie Fenster als wie Membranen wirken - und Anna Oppermanns eigenwillige konzeptuelle Ensembles in Dialog mit Louis Goodmans sonderbar lebendigen Assemblagen aus Alltagsgegenständen.

Akt 3 (Ebene 2): Dokumentation und Zeugenschaft

Wie können wir uns einer Welt stellen, die uns sprachlos macht? Akt 3 widmet sich Dokumentation und Zeugenschaft als Mittel, um sich Realitäten anzunähern, die über die Sprache hinausgehen. Den visuellen Anker bildet Leviathan (2012) von Verena Paravel und Lucien Castaing-Taylor, der in gigantischer Größe projiziert wird: ein audiovisueller Mahlstrom an Bord eines Fischtrawlers, aufgenommen aus den Perspektiven von Fischen, Möwen und Maschinen, der menschliche Wahrnehmung als bloßes Element eines viel größeren Kosmos begreift. Begegnungen mit Leben und Tod ziehen sich als roter Faden durch die umliegenden Räume: von Annie Ernaux' und Marc Maries intimen Fotografien ihrer Affäre, die mit Ernaux' Krebsbehandlung zusammenfiel, über Jean Fautriers Têtes d'otages (1943-1945), entstanden als Reaktion auf Folterungen durch die Gestapo in benachbarten Wäldern, bis zu Heimrad Bäckers stummen Zeugnissen von Lagerinfrastruktur und Fernsehdokumentationen. Magdalena Abakanowicz, Bruce Nauman, Christine Gironcoli, Cora Pongracz, Yukio Nakagawa, Rebecca Horn und Sara Deraedt komplettieren einen Akt, der die Fragilität des Lebens in den Mittelpunkt stellt.

Akt 4 (Ebene -2B): Der Apparat des Sehens

Akt 4 erforscht die Instrumente, Medien und Vorrichtungen, durch die wir die Welt wahrnehmen und vermitteln - und fragt, wie der Apparat des Sehens selbst die Wirklichkeit formt, die er vorgeblich nur abbildet. Neue Arbeiten von Nina Porter und weitere Positionen aus der Sammlung, unter anderem das Archiv von Kate Millett zur Entstehung von Terminal Piece , beenden die Ausstellung mit der Frage, auf welcher Seite des Werks wir uns eigentlich befinden.

Öffnung als Haltung

Terminal Piece ist auch die erste öffentlich sichtbare Richtungsentscheidung des mumok. "Dieses Haus wurde zur Bewahrung und Pflege von Kunst gebaut - ein Schutzraum" , sagt Fatima Hellberg. "Aber Schutz muss nicht Distanz bedeuten. Wir haben angefangen, das Museum zu öffnen und Fenster aufzumachen - nicht als Metapher, sondern als erster konkreter Schritt. Wir möchten die Erfahrungen, die Kunst bieten kann, mit allen teilen." Der freie Eintritt zur Eingangsebene, finanziert durch private Fördermittel und die Unterstützung des mumok Board, ist Teil dieser Haltung: "Der Zugang zu Kultur ist ein Recht - und dieses Recht müssen wir auf jede Art ermöglichen" , so Hellberg. "Diese Werke wurden mit öffentlichen Geldern gepflegt. Sie gehören der Öffentlichkeit. Also geben wir ihr ein Teil als kostenfreies Erlebnis zurück."

Eröffnungstag: 20. Juni 2026, 14-20 Uhr, freier Eintritt für alle

Stündliche Führungen, poppets - ein Workshop mit Birke Gorm, Live-Siebdruck der Viadukt Siebdruckwerkstatt, ein Kostümflohmarkt aus dem Volkstheater-Fundus, Pop-up-Café, Musikprogramm und mehr. Keine Anmeldung erforderlich, alle Programmpunkte kostenfrei.

Zur Ausstellung:

Terminal Piece , 20. Juni 2026 bis 7. Februar 2027, mumok, Museumsplatz 1, 1070 Wien, www.mumok.at. Eingangsebene (Prolog von Anna Viebrock): freier Eintritt bis 30. September 2026.

Die Ausstellung Terminal Piece wird von einem umfangreichen Programm sowie einer Publikation begleitet, die von Camilla Wills (Divided Publishing, London) mitherausgegeben wird. Sie versammelt den Wiederabdruck eines Originaltexts von Kate Millett sowie neue Essays von Gregg Bordowitz, Rachel Cusk, Amanda Holmes und Ariana Reines.

Künstler*innen: Magdalena Abakanowicz, Kobby Adi, Art & Language, Lutz Bacher, Heimrad Bäcker, Peter Baum, Herbert Baumann, Joseph Beuys, Anna & Bernhard Blume, Boyle Family, Marcel Broodthaers, Michael Buthe, Alexander Calder, Sophie Calle, Nina Canell, Prunella Clough, Bruce Conner, Melanie Counsell, Moyra Davey, Carla Degenhardt, Sara Deraedt, Erik Dietman, Annie Ernaux & Marc Marie, Jean Fautrier, Robert Filliou, Lucio Fontana, Adolf Frohner, Bruno Gironcoli, Christine Gironcoli, Hermann Glöckner, Louis Goodman, Robert Graham, Hans Haacke, Raymond Hains, Richard Hamilton, Hans Hollein, Rebecca Horn, Joe Jones, Birgit Jürgenssen, Allan Kaprow, Wilfried Klanjsek-Bratke, Jürgen Klauke, Marc Kokopeli, Kurt Kren, Oliver Laric, Louise Lawler, Zoe Leonard, Bettye Lane, Sol LeWitt, Friederike Mayröcker, Kate Millett, Yukio Nakagawa, Bruce Nauman, Chie Nishio, Anna Oppermann, Verena Paravel & Lucien Castaing-Taylor, Michelangelo Pistoletto, Megan Plunkett, Sigmar Polke, Cora Pongracz, Nina Porter, Arnulf Rainer, Robert Rauschenberg, Rudolf Richly, Dieter Roth, Susan Rothenberg, Paul Rotterdam, Thomas Ruff, Gerhard Rühm, Constanze Ruhm, Peter Sandbichler, Kurt Schlögl, Leander Schönweger, Rudolf Schwarzkogler, Daniel Spoerri, Haim Steinbach, Takako Saito, Elisabeth Subrin, Paul Thek, Miroslav Tichý, Octavian Trauttmansdorff, Rosemarie Trockel, Richard Tuttle, Cy Twombly, Anna Viebrock, Wolf Vostell, Yoshi Wada, Franz West, Stefan Wewerka, Karl Anton Wolf, Heimo Zobernig.

Kuratiert von Fatima Hellberg und Lukas Flygare

Ein besonderer Dank gilt unseren Sponsoren Peter und Irene Ludwig Stiftung, Stephen Cheng, UNIQA und The Jenni Crain Foundation

Pressefotos und weiter Presseunterlagen zum Download: https://www.mumok.at/presse/kuenftige-ausstellungen/terminal-piece

Pressekontakt:

mumok - Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien Mag. Katharina Murschetz (Leitung) Telefon: +43-1-52500-1400

Mag. Katharina Kober Telefon: +43-1-52500-1309

mailto:presse@mumok.at

Weiteres Material: http://presseportal.de/pm/70119/6297874 OTS: MUMOK - Museum für moderne Kunst


Quelle: ots / newsaktuell - Pressemitteilung - MUMOK - Museum für moderne Kunst
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