|
Wien (ots) - Am 20. Juni 2026 eröffnet das mumok - Museum moderner Kunst
Stiftung Ludwig Wien mit Terminal Piece seine erste Großausstellung unter
Generaldirektorin Fatima Hellberg. Namensgebender Ausgangspunkt ist eine
Installation von Kate Millett aus dem Jahr 1972, die das mumok als ersten Ankauf
unter Hellberg erworben hat. Die Schau erstreckt sich in fünf Akten über fünf
Ebenen des Hauses und versammelt rund 400 Kunstwerke aus der mumok Sammlung,
Leihgaben und neue Auftragsarbeiten. Der Eintritt zur Eingangsebene ist bis 30.
September 2026 frei.
Der Titel der Ausstellung ist Programm: Terminal Piece bezeichnet sowohl ein
Ende als auch einen Aufbruch. Im Mittelpunkt steht die gleichnamige Installation
der US-amerikanischen Künstlerin, Feministin und Schriftstellerin Kate Millett
aus dem Jahr 1972, ein Schlüsselwerk der feministischen Kunstgeschichte, das das
mumok als ersten Ankauf unter Generaldirektorin Fatima Hellberg erworben hat.
Eine einzelne Schaufensterpuppe sitzt inmitten leerer Stuhlreihen, vom Publikum
durch Gitterstäbe getrennt. Wer hier zur Schau gestellt wird, bleibt bewusst
offen. Die Installation erschließt sich nicht aus sicherer Distanz: Sie muss
betreten werden, und jeder Moment, in dem man dem Blick der Figur begegnet oder
wegschaut, wird Teil des Werks selbst.
Millett, deren Buch Sexual Politics (1970) als eines der Gründungsdokumente der
feministischen Theorie gilt, glaubte an die Fähigkeit von Kunst, Momente
intensiver, unmittelbarer Erfahrung zu schaffen. Terminal Piece entstand als
Reaktion auf die Folterung und Ermordung der 16-jährigen Sylvia Likens im Jahr
1965, einem Fall, den Millett nicht in Worte fassen konnte. " Ich habe diese
Arbeit gemacht, weil ich sie nicht schreiben konnte " - so beschrieb Millett
selbst den Ursprung. Das Ergebnis ist eine Installation, die Bilder erzeugt, "
so unumstößlich, dass sie sich nicht wieder auslöschen lassen ".
Fatima Hellberg beschreibt den Ankauf als bewusste programmatische Setzung: "
Kate Millett hat vor mehr als fünfzig Jahren Fragen gestellt, die heute
drängender sind denn je: Wer beobachtet wen? Wer hat die Macht, jemanden
sichtbar oder unsichtbar zu machen? Die Rechte und Errungenschaften, die Millett
beschäftigten, sind in unserer Gegenwart hochaktuell. " Die Installation
thematisiert das Beobachten selbst als Handlung und macht Strukturen sichtbar,
die durch Gewohnheit unsichtbar geworden sind.
Chefkurator und stellvertretender wissenschaftlicher Geschäftsführer Lukas
Flygare, der gemeinsam mit Hellberg die inhaltliche Konzeption verantwortet,
ergänzt: " Wir haben nicht einfach ein Thema vorgegeben und Werke dazu
ausgewählt. Wir haben Milletts Werk so ernst genommen, dass es zur Linse wurde -
durch die wir alles andere neu gelesen haben. Das Ergebnis ist eine Ausstellung,
in der es keine neutralen Räume gibt. "
Fünf Akte, fünf Ebenen: eine Dramaturgie des Sehens
Prolog (Ebene 0): Anna Viebrock verwandelt das Erdgeschoss
Die Bühnenbildnerin Anna Viebrock transformiert 700 Quadratmeter der
Eingangsebene in ein begehbares Gesamtkunstwerk. Viebrock bekam die Aufgabe,
Räume mit Kunstwerken zu bespielen - und drehte den Auftrag um. "Ich wollte
einen Raum für Menschen inszenieren" , beschreibt Hellberg die Haltung, die
Viebrock einbrachte, und die zum Grundprinzip der gesamten Schau wurde. Anstelle
einer klassischen "White Cube"-Ausstellung durchqueren Besucher*innen eine
dynamische Abfolge von Räumen mit wechselnden Maßstäben und Blickachsen, deren
Hängung an die Wohnräume von Sammlern erinnert - etwa Peter und Irene Ludwig
oder Wolfgang Hahn - und so Entstehungskontexte der mumok Sammlung sichtbar
macht. Indem sie konventionelle kuratorische Strategien übergeht, eröffnet
Viebrock einen Zugang zu der vielgestaltigen mumok Sammlung, der Differenz,
Konflikt und Gleichzeitigkeit anerkennt. Die Eingangsebene ist bis 30. September
2026 bei freiem Eintritt zugänglich.
Akt 1 (Ebene 4): Die Schwelle und was dahinter liegt
Akt 1 startet bei Kate Milletts namensgebender Installation. Nach ihr öffnet
sich der Raum zu einer weitläufigen Galerie mit einem Panoramafenster mit Blick
auf den Stephansdom und andere historische Sehenswürdigkeiten der Stadt, das für
die letzten Ausstellungen verschlossen war und anlässlich des
Eröffnungsprogramms wieder geöffnet wurde. Der Wechsel von Dunkelheit zu
Tageslicht markiert einen physischen wie konzeptionellen Übergang. Megan
Plunketts fotografische Serie Dissembalancer (2020-2026), in der sie
Alltagsgegenstände, die ihre demenzkranke Mutter arrangiert hatte, verfremdet
und kopfüber präsentiert. Kobby Adis Skulptur The Machine (2026) erfasst
menschliche Präsenz ausschließlich als flackernde Schatten auf einem
Live-Monitor und kalibriert so das Gefühl der Betrachtenden für Maßstab und
Bedeutsamkeit neu. Melanie Counsells begehbare Stahlskulptur [last moments seen
from above] (2026) komplettiert den Akt: eine Architektur, die sich selbst
enthält, begleitet von einem umgekippten, mit Vinylstickern verzierten Tisch.
Gemeinsam beleuchten die Arbeiten, was es bedeutet, gesehen zu werden - und was
es heißt, zu verschwinden.
Flygare zur Logik dieser Zusammenstellungen: "Wir haben uns gefragt, was
passiert, wenn Werke einander in die Quere kommen. Ausstellungen haben das
Potenzial, Reibungen und Stimmungen zu erzeugen, die über die Beschreibungen in
Wandtexten hinausgehen."
Akt 2 (Ebene 3): Politische Ideale und gelebte Erfahrung
Wie schlagen sich die Ideale einer Epoche in gelebter Erfahrung nieder? Akt 2
wendet sich nach innen und spürt den Widersprüchen zwischen kollektiven
Bestrebungen und dem Leben im Privaten nach. Den inhaltlichen Fluchtpunkt bildet
Elisabeth Subrins Film Swallow (1995), der zwischen Archivmaterial und intimen
Szenen der Mädchenjahre den Wandel vom hoffnungsvollen Aktivismus der
Millett-Generation hin zu ambivalenten Gefühlswelten in den Blick nimmt, die im
Schatten des gesellschaftlichen Fortschritts weiterbestehen. In gedämpfter,
häuslicher Atmosphäre treten Birgit Jürgenssens Schwarzer Honig meiner Träume
(1989-1992) - Fotografien und Rayogramme, überzogen mit Latex, Voile und Tüll,
die weniger wie Fenster als wie Membranen wirken - und Anna Oppermanns
eigenwillige konzeptuelle Ensembles in Dialog mit Louis Goodmans sonderbar
lebendigen Assemblagen aus Alltagsgegenständen.
Akt 3 (Ebene 2): Dokumentation und Zeugenschaft
Wie können wir uns einer Welt stellen, die uns sprachlos macht? Akt 3 widmet
sich Dokumentation und Zeugenschaft als Mittel, um sich Realitäten anzunähern,
die über die Sprache hinausgehen. Den visuellen Anker bildet Leviathan (2012)
von Verena Paravel und Lucien Castaing-Taylor, der in gigantischer Größe
projiziert wird: ein audiovisueller Mahlstrom an Bord eines Fischtrawlers,
aufgenommen aus den Perspektiven von Fischen, Möwen und Maschinen, der
menschliche Wahrnehmung als bloßes Element eines viel größeren Kosmos begreift.
Begegnungen mit Leben und Tod ziehen sich als roter Faden durch die umliegenden
Räume: von Annie Ernaux' und Marc Maries intimen Fotografien ihrer Affäre, die
mit Ernaux' Krebsbehandlung zusammenfiel, über Jean Fautriers Têtes d'otages
(1943-1945), entstanden als Reaktion auf Folterungen durch die Gestapo in
benachbarten Wäldern, bis zu Heimrad Bäckers stummen Zeugnissen von
Lagerinfrastruktur und Fernsehdokumentationen. Magdalena Abakanowicz, Bruce
Nauman, Christine Gironcoli, Cora Pongracz, Yukio Nakagawa, Rebecca Horn und
Sara Deraedt komplettieren einen Akt, der die Fragilität des Lebens in den
Mittelpunkt stellt.
Akt 4 (Ebene -2B): Der Apparat des Sehens
Akt 4 erforscht die Instrumente, Medien und Vorrichtungen, durch die wir die
Welt wahrnehmen und vermitteln - und fragt, wie der Apparat des Sehens selbst
die Wirklichkeit formt, die er vorgeblich nur abbildet. Neue Arbeiten von Nina
Porter und weitere Positionen aus der Sammlung, unter anderem das Archiv von
Kate Millett zur Entstehung von Terminal Piece , beenden die Ausstellung mit der
Frage, auf welcher Seite des Werks wir uns eigentlich befinden.
Öffnung als Haltung
Terminal Piece ist auch die erste öffentlich sichtbare Richtungsentscheidung des
mumok. "Dieses Haus wurde zur Bewahrung und Pflege von Kunst gebaut - ein
Schutzraum" , sagt Fatima Hellberg. "Aber Schutz muss nicht Distanz bedeuten.
Wir haben angefangen, das Museum zu öffnen und Fenster aufzumachen - nicht als
Metapher, sondern als erster konkreter Schritt. Wir möchten die Erfahrungen, die
Kunst bieten kann, mit allen teilen." Der freie Eintritt zur Eingangsebene,
finanziert durch private Fördermittel und die Unterstützung des mumok Board, ist
Teil dieser Haltung: "Der Zugang zu Kultur ist ein Recht - und dieses Recht
müssen wir auf jede Art ermöglichen" , so Hellberg. "Diese Werke wurden mit
öffentlichen Geldern gepflegt. Sie gehören der Öffentlichkeit. Also geben wir
ihr ein Teil als kostenfreies Erlebnis zurück."
Eröffnungstag: 20. Juni 2026, 14-20 Uhr, freier Eintritt für alle
Stündliche Führungen, poppets - ein Workshop mit Birke Gorm, Live-Siebdruck der
Viadukt Siebdruckwerkstatt, ein Kostümflohmarkt aus dem Volkstheater-Fundus,
Pop-up-Café, Musikprogramm und mehr. Keine Anmeldung erforderlich, alle
Programmpunkte kostenfrei.
Zur Ausstellung:
Terminal Piece , 20. Juni 2026 bis 7. Februar 2027, mumok, Museumsplatz 1, 1070
Wien, www.mumok.at. Eingangsebene (Prolog von Anna Viebrock): freier Eintritt
bis 30. September 2026.
Die Ausstellung Terminal Piece wird von einem umfangreichen Programm sowie einer
Publikation begleitet, die von Camilla Wills (Divided Publishing, London)
mitherausgegeben wird. Sie versammelt den Wiederabdruck eines Originaltexts von
Kate Millett sowie neue Essays von Gregg Bordowitz, Rachel Cusk, Amanda Holmes
und Ariana Reines.
Künstler*innen: Magdalena Abakanowicz, Kobby Adi, Art & Language, Lutz Bacher,
Heimrad Bäcker, Peter Baum, Herbert Baumann, Joseph Beuys, Anna & Bernhard
Blume, Boyle Family, Marcel Broodthaers, Michael Buthe, Alexander Calder, Sophie
Calle, Nina Canell, Prunella Clough, Bruce Conner, Melanie Counsell, Moyra
Davey, Carla Degenhardt, Sara Deraedt, Erik Dietman, Annie Ernaux & Marc Marie,
Jean Fautrier, Robert Filliou, Lucio Fontana, Adolf Frohner, Bruno Gironcoli,
Christine Gironcoli, Hermann Glöckner, Louis Goodman, Robert Graham, Hans
Haacke, Raymond Hains, Richard Hamilton, Hans Hollein, Rebecca Horn, Joe Jones,
Birgit Jürgenssen, Allan Kaprow, Wilfried Klanjsek-Bratke, Jürgen Klauke, Marc
Kokopeli, Kurt Kren, Oliver Laric, Louise Lawler, Zoe Leonard, Bettye Lane, Sol
LeWitt, Friederike Mayröcker, Kate Millett, Yukio Nakagawa, Bruce Nauman, Chie
Nishio, Anna Oppermann, Verena Paravel & Lucien Castaing-Taylor, Michelangelo
Pistoletto, Megan Plunkett, Sigmar Polke, Cora Pongracz, Nina Porter, Arnulf
Rainer, Robert Rauschenberg, Rudolf Richly, Dieter Roth, Susan Rothenberg, Paul
Rotterdam, Thomas Ruff, Gerhard Rühm, Constanze Ruhm, Peter Sandbichler, Kurt
Schlögl, Leander Schönweger, Rudolf Schwarzkogler, Daniel Spoerri, Haim
Steinbach, Takako Saito, Elisabeth Subrin, Paul Thek, Miroslav Tichý, Octavian
Trauttmansdorff, Rosemarie Trockel, Richard Tuttle, Cy Twombly, Anna Viebrock,
Wolf Vostell, Yoshi Wada, Franz West, Stefan Wewerka, Karl Anton Wolf, Heimo
Zobernig.
Kuratiert von Fatima Hellberg und Lukas Flygare
Ein besonderer Dank gilt unseren Sponsoren Peter und Irene Ludwig Stiftung,
Stephen Cheng, UNIQA und The Jenni Crain Foundation
Pressefotos und weiter Presseunterlagen zum Download:
https://www.mumok.at/presse/kuenftige-ausstellungen/terminal-piece
Pressekontakt:
mumok - Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien
Mag. Katharina Murschetz (Leitung)
Telefon: +43-1-52500-1400
Mag. Katharina Kober
Telefon: +43-1-52500-1309
mailto:presse@mumok.at
Weiteres Material: http://presseportal.de/pm/70119/6297874
OTS: MUMOK - Museum für moderne Kunst
|