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Hamburg (ots) - Ob einzeln oder im Trupp von mehr als zehn Tieren: Geier über
Deutschland sind keine Seltenheit mehr. Aktuelle Sichtungen sorgen dennoch immer
wieder für Schlagzeilen und Verunsicherung - vor allem, wenn die Greifvögel ein
Storchennest plündern, wie kürzlich in Niedersachsen.
"Wenn ein Geier am Himmel kreist, wirkt das für viele Menschen erst einmal
ungewohnt und manchmal auch bedrohlich. Dabei sind die Tiere hier nur auf
Durchreise - sie erkunden weiträumig neue Gebiete auf der Suche nach Nahrung,
bleiben aber nicht dauerhaft in Deutschland", sagt Manuela Merling de Chapa,
Artenschützerin bei der Deutschen Wildtier Stiftung. Vor allem junge Gänsegeier
aus Südeuropa sind auf Erkundungstouren unterwegs. Als wärmeliebende
Segelflieger nutzen sie warme Aufwinde, um mühelos weite Strecken zurückzulegen.
Mit einer Flügelspannweite von teilweise nahezu drei Metern können die Vögel bei
günstigen Winden an einem einzigen Tag mehrere hundert Kilometer fliegen - fast
ohne Flügelschlag. Steigende Temperaturen durch den Klimawandel und häufigere
warme Aufwinde begünstigen solche Erkundungsflüge.
Dass Geier hierzulande wieder häufiger zu beobachten sind, ist aber vor allem
ein Erfolg des Natur- und Artenschutzes: Wiederansiedlungsprojekte und
Lebensraumschutz haben die europäischen Bestände in den vergangenen Jahren
wachsen lassen. "Jede Geiersichtung ist eine gute Nachricht", sagt Merling de
Chapa. "Sie zeigt, dass Artenschutz wirkt - und beschert uns ein faszinierendes
Naturschauspiel. Geier sind keine Bedrohung, sondern eindrucksvolle Botschafter
erfolgreicher europäischer Naturschutzarbeit."
Dauerhaft bleiben werden die Geier in Deutschland allerdings nicht. Weil tote
Tiere in Deutschland aus Gründen des Tierseuchen- und Hygieneschutzes rasch
entsorgt werden müssen, finden sie kaum ausreichende Mengen Aas als verlässliche
Nahrungsquelle. "Ihnen fehlt hier schlicht die Lebensgrundlage", so Merling de
Chapa. "Als Aasfresser sind sie darauf spezialisiert, Kadaver zu finden und zu
verwerten. So verfügen sie über ein hervorragendes Sehvermögen zum Auffinden
toter Tiere aus großer Höhe. Ihr kräftiger Schnabel ist darauf ausgelegt, tote
Tiere zu öffnen. Und an ihrem nur spärlich befiederten Kopf bleiben Blut und
Gewebereste nicht hängen, Keime und Bakterien setzen sich weniger fest".
Für heimische Wild- und Nutztiere oder gar den Menschen besteht kein Anlass zur
Sorge: "Geier sind keine aktiven Jäger. Ihre Krallen sind stumpf und zum Erlegen
von Beute denkbar ungeeignet", so die Expertin. "Nur in extremen Ausnahmefällen,
etwa bei großer Nahrungsknappheit, können Geier auch stark geschwächte Tiere
oder Jungtiere in ungeschützten Nestern angreifen - so wie es in Niedersachsen
bei den Weißstörchen der Fall war."
Ökologisch übernehmen die Vögel eine wichtige Aufgabe: Als Müllabfuhr der Natur
beseitigen sie Kadaver schnell und verhindern so die Ausbreitung von
Krankheiten. Die vier europäischen Geierarten - Gänsegeier, Mönchsgeier,
Bartgeier und Schmutzgeier - haben sich dabei im Laufe der Evolution auf
unterschiedliche Teile eines Kadavers spezialisiert und machen sich so kaum
Konkurrenz. So fressen Gänsegeier vor allem weiche Gewebeteile wie Muskelfleisch
und Innereien. Mönchsgeier können mit ihrem gebogenen Schnabel selbst dicke Haut
öffnen und fressen Sehnen und Knorpel. Der Bartgeier ist sogar in der Lage
Knochen zu verdauen. Der Schmutzgeier schließlich frisst als kleinste
europäische Geierart Insekten und kleinere Aasreste.
Tipp: Spannendes Geier-Wissen für jedes Alter gibt es auch in der Folge "Der
Bartgeier" des Familienpodcasts "Winnis wilde Nachbarn" der Deutschen Wildtier
Stiftung. Hier geht's direkt zur Episode:
https://winnis-wilde-nachbarn.podigee.io/20-bartgeier
Streckbrief: Die vier europäischen Geierarten und ihre Merkmale
Gänsegeier ( Gyps fulvus )
- häufigste Geierart Europas
- spezialisiert auf weiche Gewebeteile (Muskelfleisch und Innereien)
- Schwerpunkt: Gebirge Südeuropas (z. B. Pyrenäen)
Mönchsgeier ( Aegypius monachus )
- einer der größten Greifvögel der Welt mit bis ca. 3 m Flügelspannweite
- kräftiger Schnabel zum Öffnen von Haut und Fressen von Sehnen und Knorpel
- Vorkommen u. a. Spanien, Griechenland und Osteuropa
Schmutzgeier ( Neophron percnopterus )
- kleinste europäische Geierart
- opportunistischer Aasfresser mit vielseitigem Nahrungsspektrum
- nutzt Werkzeuge (beispielsweise Steine zum Öffnen von Straußeneiern)
- in Europa gefährdet
Bartgeier ( Gypaetus barbatus )
- spezialisiert auf Knochen und Knochenmark
- profitiert besonders von europaweiten Wiederansiedlungsprogrammen und
besiedelt ehemalige Lebensräume erneut
- wieder in den Alpen heimisch (u. a. Nationalpark Berchtesgaden, Schweiz,
Österreich)
Pressekontakt:
Inga Olfen
Pressesprecherin Deutsche Wildtier Stiftung
Telefon 040 970 78 69-13
mailto:I.Olfen@DeutscheWildtierStiftung.de
http://www.DeutscheWildtierStiftung.de
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OTS: Deutsche Wildtier Stiftung
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