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Köln (ots) - Die Analyse von 44 Krankenkassen zeigt keinen verlässlichen
Größenvorteil bei den Verwaltungskosten. Mehr Wettbewerb könnte der bessere Weg
zu mehr Effizienz sein.
Wer die Zahl der gesetzlichen Krankenkassen von derzeit 93 auf maximal 20
reduzieren will, sollte belegen können, dass größere Kassen tatsächlich
günstiger arbeiten. Genau diesen Beleg liefert eine aktuelle Analyse des DFSI
Deutsches Finanz-Service Institut nicht. Die Auswertung der Finanzdaten von 44
Krankenkassen für 2025 zeigen: Zwischen Kassengröße und Nettoverwaltungskosten
je Versicherten besteht kein belastbarer Zusammenhang. Bundesgesundheitsminister
Carsten Linnemann hatte bereits vor seinem Amtsantritt eine Reduzierung auf
maximal 20 Kassen gefordert und hält als Minister an diesem Ziel fest.
Die Zahlen sprechen gegen die einfache Rechnung "weniger Kassen gleich weniger
Verwaltung". Bei Kassen mit 50.001 bis 200.000 Versicherten liegen die
gewichteten Nettoverwaltungskosten 2025 bei durchschnittlich 169,86 Euro je
Versicherten, bei Kassen mit 200.001 bis 500.000 Versicherten dagegen bei 189,51
Euro. Die Gruppe zwischen 500.001 und einer Million Versicherten kommt auf
163,82 Euro, Großkassen mit mehr als einer Million Versicherten auf 181,78 Euro.
Noch deutlicher sind die Unterschiede innerhalb der Gruppen: Die Techniker
Krankenkasse kommt auf 107,63 Euro je Versicherten, die ebenfalls zu den
Großkassen zählende KKH auf 282,39 Euro.
Auch die Daten aller Krankenkassen für 2024 zeigen dasselbe Bild. Und das DFSI
steht mit diesem Befund nicht allein. Die FinanzKommission Gesundheit des
Bundesgesundheitsministeriums kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass sich
empirisch kein eindeutiger Zusammenhang zwischen Kassengröße und
Verwaltungsausgaben je Versicherten feststellen lässt. Sie verweist zudem auf
Österreich: Nach der Zusammenlegung der dortigen Gebietskrankenkassen stiegen
die Verwaltungsausgaben zwischen 2020 und 2024 deutlich. Einsparpotenzial sieht
die Kommission dagegen ausdrücklich in einer wettbewerblichen Ausgestaltung und
einem starken Preiswettbewerb.
"Größe ist kein Effizienzsiegel. Eine große Krankenkasse kann sehr günstig
arbeiten, sie kann aber auch sehr teuer verwalten", sagt Thomas Lemke,
Geschäftsführer des DFSI Deutsches Finanz-Service Institut. "Fusionen können
sinnvoll sein, wenn sie tatsächlich bessere Strukturen schaffen. Die
Vorstellung, man müsse nur Kassen zusammenlegen und die Kosten würden
automatisch sinken, wird von den Daten aber nicht getragen. Politische
Zielzahlen ersetzen keine Effizienzanalyse."
Bei freiwilligen Leistungen wird am falschen Ende gespart
Unter finanziellem Druck geraten bei Krankenkassen schnell freiwillige Zusatz-
und Satzungsleistungen unter den Rotstift. Dabei bilden sie nur einen kleinen
Teil der Gesamtausgaben ab und sind gleichzeitig einer der wenigen Bereiche, in
denen sich Krankenkassen für ihre Versicherten sichtbar voneinander
unterscheiden können. Die Möglichkeit zusätzlicher Satzungsleistungen wurde vom
Gesetzgeber ausdrücklich geschaffen, um die wettbewerblichen
Handlungsmöglichkeiten der Krankenkassen zu stärken. Ein Gutachten im Auftrag
des Bundesgesundheitsministeriums kommt zu dem Ergebnis, dass sich der
Wettbewerb innerhalb der GKV dadurch intensiviert hat.
Die Größenordnung zeigt, wie begrenzt das Einsparpotenzial tatsächlich ist. Alle
93 gesetzlichen Krankenkassen gaben 2025 zusammen rund 1,04 Milliarden Euro für
die in der DFSI-Analyse erfassten Satzungsleistungen aus. Das entspricht gerade
einmal rund 0,31 Prozent der gesamten Leistungsausgaben. Finanziert werden
daraus unter anderem zusätzliche Vorsorgeangebote, Osteopathie, Zuschüsse zur
professionellen Zahnreinigung oder zusätzliche Leistungen rund um
Schwangerschaft und Familie.
Vor allem gilt: Mehr freiwillige Leistung bedeutet nicht automatisch einen
höheren Zusatzbeitrag. In der DFSI-Auswertung finden sich sowohl kleine als auch
große Kassen, die überdurchschnittlich viel für Satzungsleistungen ausgeben und
gleichzeitig einen unterdurchschnittlichen Zusatzbeitrag verlangen. Acht der 44
untersuchten Kassen schaffen diese Kombination, darunter BKK firmus, BKK Public,
BKK SBH und BKK Faber-Castell & Partner ebenso wie AOK Niedersachsen, AOK PLUS
und Techniker Krankenkasse.
Bei den Verwaltungskosten zeigt sich dagegen ein anderes Bild. Kassen mit
höheren Nettoverwaltungskosten weisen in der DFSI-Auswertung tendenziell auch
höhere Zusatzbeiträge auf. Das beweist noch keine Ursache und Wirkung. Der
Zusammenhang ist aber deutlich stärker als bei den freiwilligen
Satzungsleistungen. Wer nach Einsparpotenzialen sucht, sollte deshalb nicht
reflexartig Leistungen streichen, sondern genauer auf die Verwaltungsstrukturen
schauen.
Entscheidend ist, was mit einem Euro Verwaltung bewegt wird
Dabei wäre es ebenfalls zu einfach, jede Kasse mit hohen Verwaltungskosten als
ineffizient abzustempeln. Versichertenstruktur, Leistungsfälle, Serviceangebot
und regionale Besonderheiten beeinflussen den Verwaltungsaufwand. Das DFSI setzt
die Verwaltungsausgaben deshalb zusätzlich ins Verhältnis zu den tatsächlich
anfallenden Leistungsausgaben.
Das Ergebnis zeigt erhebliche Unterschiede: Je Euro Verwaltungsausgabe stehen
bei den 44 untersuchten Krankenkassen zwischen 15,79 Euro und 35,81 Euro an
Leistungsausgaben gegenüber. Die Techniker Krankenkasse erreicht mit 35,81 Euro
den höchsten Wert der Untersuchung, gefolgt von der IKK gesund plus mit 35,00
Euro. Am unteren Ende liegen die BKK DürkoppAdler mit 15,79 Euro und die BKK
Wirtschaft & Finanzen mit 17,05 Euro.
Auch diese Kennzahl ist für sich genommen kein abschließendes Effizienzurteil.
Aber sie zeigt, wo ein zweiter Blick lohnt. Wer nur fragt, wie viele Versicherte
eine Krankenkasse hat oder wie hoch ihre Verwaltungskosten pro Kopf sind, greift
zu kurz. Entscheidend ist auch, was mit diesem Verwaltungsaufwand bewältigt
wird.
"Wer bei finanziellen Problemen zuerst freiwillige Leistungen streicht, spart an
einem vergleichsweise kleinen Ausgabenblock und schwächt gleichzeitig den
Wettbewerb", sagt Lemke. "Wenn wir über Effizienz reden, sollten wir genauer
hinschauen: Was kostet die Verwaltung und welche Leistungsausgaben werden damit
bewältigt? Das ist aussagekräftiger als die schlichte Frage, ob eine Kasse
100.000 oder zehn Millionen Versicherte hat."
Dass die großen finanziellen Herausforderungen der GKV derzeit an anderer Stelle
liegen, zeigen auch die aktuellen Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums.
Allein im ersten Halbjahr 2026 stiegen die Leistungsausgaben der Krankenkassen
um 12,2 Milliarden Euro beziehungsweise 7,4 Prozent. Die Verwaltungskosten
erhöhten sich dagegen lediglich um 0,6 Prozent. Größter Treiber waren die
Krankenhausausgaben mit einem Plus von 5,1 Milliarden Euro.
1,1 Milliarden Euro und die Frage nach der Aufsicht
Wie schnell sich die Größenordnungen verschieben können, zeigt ein aktueller
Fall abseits der klassischen Verwaltungskosten. Nach Recherchen von Süddeutscher
Zeitung, NDR und WDR beziffert das Bundesamt für Soziale Sicherung den möglichen
Schaden aus problematischen Geldanlagen allein bei den bundesweit agierenden
Krankenkassen auf 1,1 Milliarden Euro.
Dabei handelt es sich ausdrücklich noch nicht um vollständig realisierte
Verluste. Rund 400 Millionen Euro waren bis Ende 2025 bereits abgeschrieben, bei
weiteren rund 700 Millionen Euro bestehen Verlustrisiken.
Der Vergleich ist dennoch bemerkenswert: Das mögliche Schadensvolumen von 1,1
Milliarden Euro ist höher als die rund 1,04 Milliarden Euro, die alle
gesetzlichen Krankenkassen 2025 zusammen für die hier erfassten
Satzungsleistungen ausgegeben haben.
Und der Fall wirft eine weitere Frage auf: Wo war die Aufsicht? Nach den
veröffentlichten Recherchen hatte das BAS bereits 2017 Kenntnis von Anlagen in
immobilienbesicherten Schuldscheindarlehen und 2019 von Investments in den
später problematischen Verius-Fonds. Konkretere Hinweise zur Absicherung solcher
Darlehen folgten 2023, nachdem erste Investments bereits in Schwierigkeiten
geraten waren.
Aus Sicht des DFSI gehört deshalb auch die Aufsichtsstruktur auf den Prüfstand.
Bundesunmittelbare Krankenkassen werden vom BAS beaufsichtigt, andere Kassen von
den zuständigen Landesbehörden. Statt den Wettbewerb durch politisch verordnete
Fusionen einzuschränken, wäre zu prüfen, ob einheitlichere Aufsichtsmaßstäbe und
gleiche Regeln für alle Krankenkassen nicht der sinnvollere Ansatz wären.
Den Wettbewerb entscheiden lassen
Der Konzentrationsprozess in der GKV läuft ohnehin seit Jahrzehnten. 1993 gab es
in Deutschland noch 1.221 gesetzliche Krankenkassen, Anfang 2026 waren es 93.
Die Zahl ist damit innerhalb von gut drei Jahrzehnten um mehr als 90 Prozent
gesunken.
Dass aus 93 Kassen irgendwann 80, 60 oder 40 werden, ist durchaus möglich. Die
entscheidende Frage ist aber, wer darüber entscheidet. Auch der
GKV-Spitzenverband räumt ein, dass größere Fallzahlen bei einzelnen
Verwaltungsprozessen Kostenvorteile ermöglichen können, sieht das
Einsparpotenzial durch Fusionen insgesamt aber als begrenzt an.
Aus Sicht des DFSI sollte deshalb nicht am politischen Reißbrett festgelegt
werden, wie viele Krankenkassen Deutschland benötigt. Kassen, die dauerhaft kein
konkurrenzfähiges Verhältnis aus Beitrag, Leistung, Service und Effizienz
anbieten können, werden Mitglieder verlieren, ihre Strukturen verändern oder
sich einen Fusionspartner suchen müssen.
"Lassen wir die Versicherten und den Wettbewerb entscheiden, welche
Krankenkassen dauerhaft gebraucht werden", sagt Lemke. "Die Politik sollte für
faire und einheitliche Spielregeln sorgen. Sie muss aber nicht festlegen, wie
viele Krankenkassen Deutschland haben darf."
Datenbasis und Methodik
Die DFSI-Untersuchung umfasst 44 gesetzliche Krankenkassen. Grundlage sind
freiwillige Angaben der Krankenkassen aus der DFSI-Finanzstärkeabfrage vom Juli
2026 sowie Daten aus den vom Bundesministerium für Gesundheit veröffentlichten
KJ1-Statistiken für 2025 und 2024. Für übergreifende Vergleichswerte wurden
ergänzend die Daten aller gesetzlichen Krankenkassen herangezogen.
Untersucht wurden unter anderem Kassengröße, Nettoverwaltungskosten je
Versicherten, Zusatzbeiträge, Satzungsleistungen, Gesundheitsförderung und
Bonusprogramme sowie das Verhältnis von Leistungsausgaben zu
Verwaltungsausgaben. Die Analyse zeigt statistische Zusammenhänge, aus denen
nicht unmittelbar auf Ursache und Wirkung geschlossen werden kann.
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