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Osnabrück (ots) - Der Historiker, Buchautor und Journalist Götz Aly (78) übt
harsche Kritik an Politik und Gesellschaft Deutschlands und fordert drastische
Reformen für das Staatswesen. "Unsere Gesellschaft ist starr, zäh, egoistisch
und krampfhaft besitzwahrend geworden", sagte er im Interview mit der "Neuen
Osnabrücker Zeitung" (noz). Der Bund könne "nicht weiterhin mehr als den halben
Bundeshaushalt in Renten, Pensionen und soziale Umverteilungsmaßnahmen stecken,
weil wir damit die Zukunft des Landes und der nächsten Generationen verspielen".
Deutschland müsse "sehr viel verändern", wenn es weiter zu den führenden Staaten
der Welt gehören wolle. Dafür brauche es "wieder Politiker, die notwendige
Reformen gegen den momentanen Mehrheitswillen der Bevölkerung durchpauken", so
Aly. Friedrich Merz (CDU) traut er das einstweilen nicht zu: "Ein Bundeskanzler
dieses Formats fehlt uns bislang."
Starke Kritik übte Aly am bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Chef Markus
Söder: Dieser sei der "Champion" auf der "nach oben offenen Populismusskala",
noch vor dem Co-Vorsitzenden der AfD, Tino Chrupalla. Aly weiter: "Im Übrigen
schätze ich an Herrn Chrupalla, dass er seine Liebe oder Nichtliebe zu deftigen
Fleischgerichten als Privatangelegenheit behandelt und nicht
politisch-demonstrativ Leberkäs- und Dönerberge in sich hineinstopft."
+++ ppe/ew+++
Die autorisierten Zitate:
Wie bewerten Sie die heutige Bundesregierung?
Wir haben keine andere. Ich kann nur hoffen, dass sich diese Regierung noch
zusammenreißt und umfassende, dringend erforderliche Reformen durchführt: Wir
können nicht weiterhin mehr als den halben Bundeshaushalt in Renten, Pensionen
und soziale Umverteilungsmaßnahmen stecken, weil wir damit die Zukunft des
Landes und der nächsten Generationen verspielen. Wir befinden uns an einem
Wendepunkt. Deutschland und seine Wirtschaft verlieren international an
Bedeutung. Wir müssen sehr viel verändern, wenn wir weiter nicht etwa führend
sein, sondern überhaupt mithalten möchten.
...
Also mehr Zentralität?
Schwierig. Dieses Europa mit seinen vielen Sprachen, Literaturen, Küchen und so
unterschiedlichen historischen Werdegängen hat doch etwas Wunderschönes. Doch
macht es genau diese zauberhafte Vielfalt so schwer, die Europäer
zusammenzuführen und in wichtigen Dingen mit einer Stimme sprechen zu lassen.
Wie soll man mit gemeinsamen Schulden umgehen, wie mit Flüchtlingen, mit
militärischen und finanziellen Hilfen für die Ukraine und so weiter. Dabei nimmt
der nationale und auch regionale Populismus ständig zu.
Markus Söder erklärte neulich: "Bayern ist geil!", im Subtext also: Die anderen
sind ungeil. Auf der nach oben offenen Populismusskala würde ich nicht den
AfD-Co-Vorsitzenden Tino Chrupalla zum Champion erklären, sondern Söder. Im
Übrigen schätze ich an Herrn Chrupalla, dass er seine Liebe oder Nichtliebe zu
deftigen Fleischgerichten als Privatangelegenheit behandelt und nicht
politisch-demonstrativ Leberkäs- und Dönerberge in sich hineinstopft.
...
Was kann helfen?
Soll ich ehrlich sein? Ich weiß es nicht. Ich habe Zweifel. Unsere Gesellschaft
ist starr, zäh, egoistisch und krampfhaft besitzwahrend geworden. Das liegt
nicht hauptsächlich und schon gar nicht allein an "der Politik", an "denen da
oben". Ich möchte dieses Land nicht regieren müssen. Das ist eine harte Arbeit,
um die ich niemanden beneide. Es braucht wieder Politiker, die notwendige
Reformen gegen den momentanen Mehrheitswillen der Bevölkerung durchpauken.
Konrad Adenauer hat die Westbindung und die Wiederbewaffnung durchgesetzt und
die Erbfeindschaft mit Frankreich beendet; Helmut Schmidt setzte den
sowjetischen SS-20-Raketen US-amerikanische Pershings entgegen, zuvor hatte er
1978 die Berechnungsgrundlage für die Rente vom Brutto- auf den Nettolohn
drastisch abgeflacht, um das gesamte System zu retten; Gerhard Schröder hat mit
seinen Sozial- und Wirtschaftsreformen die Grundlage für die gemütlichen
Merkel-Jahre gelegt.
Die genannten Politiker mussten sich gegen Mehrheiten in der Bevölkerung, gegen
massive Proteste durchsetzen und parlamentarische Mehrheiten sichern. Sie
riskierten ihre Wiederwahl, weil sie sich dem Allgemeinwohl und der Zukunft des
Landes verpflichtet sahen. Ein Bundeskanzler dieses Formats fehlt uns bislang.
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