|
Berlin (ots) - Mit nur einem Satz hat Wladimir Putin Deutschland und die
Europäische Union in helle Aufregung versetzt und ihren wunden Punkt
offengelegt: Er würde Altkanzler Gerhard Schröder als Verhandlungspartner für
direkte Gespräche zwischen Europäern und Russland über ein Ende des
Ukraine-Krieges bevorzugen, ließ Russlands Präsident die anwesenden Journalisten
im Kreml wissen.
Die Ablehnung folgte prompt, und das parteiübergreifend. Von Provokation,
Scheinangebot oder Täuschungsmanöver ist in der Regierung die Rede. Lediglich
das BSW und Teile der SPD zeigen sich offen und wollen jede Möglichkeit nutzen,
die sich bietet. Etwas anderes bleibt nach 1538 Tagen Ukraine-Krieg auch nicht
übrig.
Neben der überlebenswichtigen Unterstützung für die Ukraine hat Europa in den
vergangenen vier Jahren vor allem durch diplomatische Abwesenheit geglänzt. Mit
glühendem Fanatismus befasste man sich in Brüssel und Berlin lieber mit neuen
Sanktionen und dem Versuch, russische Staatsgelder zu entwenden. Das Verhandeln
überließ man anderen, der Türkei, arabischen Staaten und den USA. Und tanzte
doch mal jemand aus der Reihe oder zog nicht mit, wurde er als Russland-Freund
gebrandmarkt. Mit Diplomatie hat das wenig zu tun.
Wie schon beim US-Friedensplan im November 2025 wurden die Europäer überrumpelt
und haben sich das selbst zuzuschreiben. "Die Europäer kriegen es mal wieder
nicht gebacken", fasste Ex-Diplomat Wolfgang Ischinger damals die Unfähigkeit
der EU zusammen. Jetzt, ein halbes Jahr später, sind diese Worte noch ebenso
aktuell. Spätestens mit der zunehmenden Entfremdung von Washington und dem
Iran-Krieg war klar, dass die EU mehr Verantwortung übernehmen muss. Dazu gehört
auch, sich abseits von Waffenlieferungen für ein Ende des Krieges in der Ukraine
einzusetzen. Für die Verantwortlichen in Brüssel und Berlin war dies jedoch
keine Option.
Man mag von Gerhard Schröder und seiner Beziehung zu Wladimir Putin halten, was
man will. Zumindest ist er jemand, der sich in den vergangenen Jahren nicht
durch russophobe Rhetorik hervorgetan hat. Und auch als Gegner oder gar Feind
der Ukraine ist er bislang nicht in Erscheinung getreten.
Schröder nach Moskau zu schicken, ist kein Gesichtsverlust. Im Gegenteil ist das
Risiko gering. Was soll schon passieren? Schafft es der Altkanzler nicht, einen
Draht zu Putin aufzubauen, bleibt alles auf dem Stand von jetzt. Schlimmer
werden kann es auf keinen Fall.
Pressekontakt:
nd.DerTag / nd.DieWoche
Redaktion
Telefon: 030/2978-1722
Weiteres Material: http://presseportal.de/pm/59019/6273329
OTS: nd.DerTag / nd.DieWoche
|