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Klagenfurt (ots) - Klaus Ottomeyer, Jg. 1949, Sozialpsychologe und
Psychotherapeut, ordentlicher Universitätsprofessor im Ruhestand an der
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.
"Worte können sein wie winzige Arsendosen, sie werden unbemerkt verschluckt, sie
scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch
da." Das schrieb Viktor Klemperer, der als jüdischer Philologe von den Nazis
verfolgt wurde, im Dresdner "Judenhaus" fast zu Tode gequält wurde und dabei
noch heimlich an seinem Buch "LTI" (Lingua tertii imperii) über die Sprache der
Nazis arbeitete. Worte und Begriffe (mit den Worten verbundene etablierte
Komplexe von Ideen) können Werkzeuge unseres Denkens sein, unterliegen aber auch
den Konjunkturen der Macht und dem Missbrauch von oben. Eines der
schrecklichsten Beispiele ist das Wort "Sonderbehandlung", das im Alltag eine
bevorzugte Behandlung eines Individuums, z. B. im Sozial- oder Gesundheitssystem
benennen kann, in der Sprache der Nazis aber die sichere Freigabe eines Menschen
oder einer Gruppe von Personen zur Tötung ohne Gerichtsverfahren bedeutet hat.
Wohlklingende Worte können der Tarnung von Autoritarismus und Gewalt dienen. -
Der gegenwärtig erfolgreiche Rechtsextremismus in Gestalt der FPÖ, der AfD und
der Identitären, verfügt über ein geistiges Rüstzeug, das eigentlich recht
überschaubar, man kann auch sagen: armselig ist. Dieses Rüstzeug zeigt sich vor
allem in der penetranten Wiederholung von nur wenigen Schlagworten, die harmlos
klingen und verwirrend sind, aber auf eine mehr oder weniger subtile Förderung
der menschlichen Niedertracht hinauslaufen. Die Niedertracht tarnt sich oftmals
mit einem verbalen Wohlklang, der sich anhört, als stamme er aus einer
etablierten Wissenschaft. Hier ein Auszug aus der Liste:
Remigration . Der Soziologe Christian Fleck, ein verdienstvoller
Remigrationsforscher, hat die Verwendung des Wortes kürzlich im Standard als
"Begriffsdiebstahl" bezeichnet (Der Standard 29.5.2026). Es gab z. B. die -
teilweise von oben verhinderte - Remigration jüdischer und politischer
EmigrantInnen nach Deutschland und Österreich. In der Verwendung durch die
Rechtsextremen bezeichnet der wohlklingende wissenschaftliche Begriff jedoch nun
eine geplante gewaltsame Deportation von Menschen, die nicht gehen wollen. Mehr
noch: Er bemäntelt die primitive Schadenfreude, die von AfD, FPÖ und den
Identitären i m Zusammenhang mit den geplanten Massenabschiebungen und den
erwarteten Abschiebefliegern mobilisiert wird. Im Frühsommer 2026 präsentierte
die FPÖ ein Video und ein Lied: Airbert One - Der Remigrationssong . Airbert ist
natürlich eine Verballhornung von Herbert (Kickl). Blonde schöne Menschen tanzen
und winken fröhlich einem blauen Flugzeug mit der Aufschrift "Airbert One"
hinterher, das endlich Fremde und Frauen mit Kopftuch außer Landes bringt. Dazu
hört man einen fröhlichen Liedtext: "Der Flieger hebt ab, leicht und frei,
Remigration, la-la-la-la! Österreich ist frei, alles gut, so ein Tag der einfach
Wunder tut! Und die Sonne scheint, la-la-la-la, und der Himmel lacht,
la-la-la-la." (Der Standard 16.6.2026. Olivera Stajic-Fidler "Deportation als
Sommerhit.") Die AfD veranstaltet schon länger Volks- und Kinderfeste um die
lustigen Abschiebeflieger herum. Auch Trump wollte die Abschiebung der von
seiner ICE-Truppe eingefangenen MigrantInnen zunächst wie eine
Zirkusveranstaltung für ein sadistisches Publikum inszenieren, wurde dann aber
von der Bevölkerung in Minneapolis und anderen Städten daran gehindert.
Identität. Die Verwendung dieses Wortes im Programm der Identitären und
Rechtsextremen ist eine besonders dreiste Form von Begriffsdiebstahl und
Irreführung. Bei der neuen Verwendung ist es so, als würden sich jetzt
Studienabbrecher als respektable Personen mit akademischem Abschluss in
Psychologie ausgeben. In der Tat leiden viele Menschen in der gegenwärtigen
Gesellschaft dauerhaft oder vorübergehend unter dem Gefühl, dass sie ihre
Identität oder Teile davon verloren haben oder dass ihre Identität zerrissen
ist. Sie wünschen sich Selbstfindung und Heilung. Aber die kann sicher nicht vom
Identitätsversprechen der Identitären kommen. Dieses ist nämlich
kollektivistisch und damit irreführend. Alle ExpertInnen in der Psychologie, wo
der Identitätsbegriff vor mehr als 60 Jahren von Erik H. Erikson eingeführt
wurde, und auch die ExpertInnen in den angrenzenden Wissenschaften sind sich
darin einig, dass eine stabile und kreative Identität (deren Zentrum
"Ich-Identität" heißt), nicht darin besteht, sich ganz und gar an eine große
nationale, ethnische oder religiöse Identität anzuschließen. Identität
entwickelt sich nur in einer Balance zwischen den oftmals sehr unterschiedlichen
Teil-Identitäten und Gruppen, denen wir angehören, sowie durch eine Balance
zwischen unserer persönlichen Identität und der jeweiligen Gruppenidentität, zu
der man immer wieder auch auf kritische Distanz gehen muss. Man soll so sein wie
alle anderen und zugleich so sein wie kein anderer. Wer die Identitätsbalance
nach der einen wie der anderen Seite einfach auflösen will, führt die Menschen
in die Irre. Das säuberliche Sortieren und Sammeln von Individuen nach ihrer
ethnischen Gruppen-Identität hat in den letzten 120 Jahren - in der Türkei ab
1915, in Deutschland von 1933-45, in Südafrika 1948-94, in Jugoslawien ab 1992,
in Ruanda 1994, zuletzt in Myanmar - regelmäßig zu Vertreibungen, zu Bürgerkrieg
und Völkermord geführt. Das braucht die Menschheit nicht noch einmal.
Ethnopluralismus. Hier sind wir auf einem Niveau angelangt, das dem "Neusprech"
in George Orwells Roman "1984" entspricht. Die mächtige Partei um den "Großen
Bruder" zerstört mit Kunstworten die sprachliche Ordnung. Parolen wie "Krieg ist
Frieden", "Freiheit ist Sklaverei oder "Unwissenheit ist Stärke" werden ständig
wiederholt, damit sie wirken. Ethnopluralismus klingt erst einmal sehr schön und
wie ein wissenschaftliches Konzept. Wenn man einige Brocken Griechisch und
Latein im Kopf hat, kann man bei diesem Wort denken, dass es um Vielfalt und
Toleranz gegenüber Personen unterschiedlicher ethnischer Herkunft geht. Aber das
Gegenteil ist der Fall. Gemeint ist, dass Menschen aus unterschiedlichen Ethnien
nebeneinander leben und ihre besondere Kultur pflegen dürfen, sich aber dabei
möglichst nicht ins Gehege kommen oder vermischen sollen. In Südafrika hat man
schon einmal die Idee der getrennten Entwicklung durch die Apartheidpolitik
umzusetzen versucht. Der Extremfall der getrennten Entwicklung wäre dann die
Remigration: Entwicklung und Pflege der eigenen Kultur ja, aber bitte nicht bei
uns, sondern außerhalb von Europa!
Der große Austausch. Zur identitären Rhetorik, die von AfD und FPÖ übernommen
wurde, gehört die behauptete Bedrohung durch den "Bevölkerungsaustausch", den
finstere Eliten auf Kosten der Einheimischen planen. Diese Eliten sind zumeist
namenlos, aber umso hinterhältiger. Manchmal werden die "Globalisten" angeklagt,
was wiederum ein Codewort für Juden sein kann. In Ungarn hatte Orban den
jüdischen Milliardär und Philanthropen George Soros zum volksfeindlichen
Drahtzieher hinter der geplanten Masseneinwanderung von Flüchtlingen aufgebaut.
Warum Juden und andere Drahtzieher so etwas machen, bleibt psychologisch völlig
unklar. - Es gibt aber einen Wahrheitskern hinter dem Hirngespinst vom großen
Austausch. Natürlich droht seit jeher allen Lohnabhängigen im Kapitalismus ein
Ausgetauschtwerden, wenn andere Arbeitskräfte billiger, kompetenter, jünger sind
als sie, wobei aber Hautfarbe und Herkunftsland für die Unternehmer so gut wie
keine Rolle spielen. Es handelt sich hier um eine objektive, in den Kapitalismus
eingebaute Gewalt, an die sich die Lohnarbeiterinnen und Lohnarbeiter anpassen
müssen, wobei sie im besten Fall einen gewissen Schutz durch starke
Gewerkschaften haben. Der Trick der rechten Angstpolitik besteht darin, dass sie
für die ökonomische Gewalt, die den Austausch der Lohnabhängigen vorantreibt, in
einer konsequent personalisierenden Weise, die verschwörerischen Eliten und die
Einwanderer verantwortlich macht und gegen diese hetzt.
Wokeness. "Wokeness nervt!". Kaum einer weiß genau, was sie bedeutet. Das Wort
scheint bei den Rechten, aber inzwischen auch bei manchen liberalen Geistern
eine geradezu allergische Reaktion auszulösen. Früher bedeutete Wokeness
Wachsamkeit, Achtsamkeit, ja Einfühlung gegenüber verletzlichen Personen und
Angehörigen von Minderheiten, oft auch in Verbindung mit der Zivilcourage, den
Verletzten oder Bedrohten beizustehen. So wurde es in der afroamerikanischen
Bürgerrechtsbewegung verwendet. Rechte und Rechtsextreme haben es geschafft,
auch dieses Wort zu entwenden und seine Bedeutung zu verdrehen. Die Rechten
empfinden die Verpflichtungen, den Schwachen zu helfen, als Zumutung und
bekämpfen in der Wokeness einen übertriebenen und permanenten moralischen
Anspruch, der einem die Freude am Leben verdirbt und einen lästigen
"Tugendterror" verbreitet. Der Sieg über Wokeness und Empathie soll aus der
Sicht von Trump und Musk eine Erleichterung in das Leben der Menschen bringen.
Wokeness und Empathie haben mit den Verpflichtungen unseres Gewissens zu tun.
Wenn man sie wie einen schweren Rucksack oder Schulranzen abwirft, entsteht ein
eigenartiges neues Gefühl von Freiheit und Unbeschwertheit, wie es uns z. B. der
nach der Wahl von Trump auf der Bühne tanzende Elon Musk vorgeführt hat.
Volkskanzler. Endlich ein deutsches Wort. Klemperer berichtet, dass die Nazis es
für Hitler im Sommer 1933 vermehrt und systematisch verwendet haben. Etwa
gleichzeitig veranstalteten sie im ganzen Land Fahndungen, die eine
unterhaltsame Spannung wie im Krimi erzeugten. Heute bezeichnet sich Kickl in
Österreich als den künftigen Volkskanzler. Er hat eine Fahndungsliste für seine
politischen Gegner angekündigt.
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