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Karlsbad (ots) - Ergotherapeut:innen betrachten bei ihren Interventionen
Menschen in ihrer individuellen Gesamtheit und heben sich durch ihre besondere
Haltung und Alltagsorientierung ab
Ergotherapeut:innen befähigen Menschen mit körperlichen, psychischen oder
kognitiven Schwierigkeiten nachhaltig, ihren Alltag und dadurch ihr Leben
dauerhaft selbstbestimmt zu meistern. Die Ergotherapeutin Jessica Liers, DVE
(Deutscher Verband Ergotherapie e.V.) vertieft den Ansatz, den sie und ihre
Berufskolleg:innen verfolgen, weiter: "Ergotherapeut:innen betrachten den
Menschen in seiner Gesamtheit: seine individuelle Lebenssituation, Lebensphase
und Umfeld, seine Persönlichkeit, seine Identität und ebenso die Anliegen: was
soll sich im Leben dieses Menschen ändern". Ergotherapeut:innen versetzen
Klient:innen - so nennen sie ihre Patient:innen - in die Lage, den für sie
wichtigen Betätigungen, Handlungen und Aktivitäten wieder oder erstmals
nachzugehen. Dabei ist für eine erfolgsorientierte Therapiegestaltung das "wie"
genauso wichtig wie das "was".
Wer aufgrund von gesundheitlichen Schwierigkeiten, Problemen oder Krisen das,
was er oder sie tun will oder tun muss, nicht (mehr) ausführen kann und dadurch
in seinem Alltag eingeschränkt ist, kann eine Verordnung für Ergotherapie
erhalten. Um sich ein aussagekräftiges Bild des oder der jeweiligen Klient:in zu
verschaffen, beginnen Ergotherapeut:innen ihre Intervention üblicherweise mit
einem Gespräch, bei dem sie sämtliche hierfür nötigen Informationen sammeln.
Hinter diesem Vorgehen und der ganzheitlichen Sichtweise von Ergotherapeut:innen
steckt neben anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen das biopsychosoziale
Modell. Es basiert auf der Annahme, dass alle Faktoren wie körperliche,
psychische und soziale Komponenten in wechselseitiger Beziehung stehen können.
Alles hängt miteinander zusammen und prägt das Erleben und Handeln von Menschen.
Haltung und Kommunikationsform in der Ergotherapie: maßgeblich für das Gelingen
einer Intervention
"Oft sind die ersten ein, zwei oder manchmal drei Termine nötig, um unser
Gegenüber in all seinen Facetten kennenzulernen, gleichzeitig eine
vertrauensvolle Therapeutenbindung aufzubauen und danach gemeinsam erreichbare
Ziele herauszuarbeiten", erklärt Liers. Ergotherapeut:innen ist es wichtig, ein
kooperatives Klima für ein Miteinander auf Augenhöhe zu schaffen. Zusätzlich zu
anderen Gesichtspunkten ist insbesondere die Art der Kommunikation
ausschlaggebend dafür, wie sich Menschen - in diesem Fall die Klient:innen bei
Ergotherapeut:innen - wahrgenommen fühlen. Es ist eine ergotherapeutische
Grundeinstellung, dass jeder Mensch Expert:in für das eigene Leben ist. Das
schließt den Versuch, anderen etwas "aufzuzwingen", sie mit Fakten zu überhäufen
und sie von etwas überzeugen zu wollen, aus. Das führt ohnehin zu nichts.
Stattdessen hören Ergotherapeut:innen sehr genau zu, was Klient:innen auf ihre
interessierten, gezielt offen gestellten Fragen antworten. "Fühlen sich
Klient:innen in ihrer Situation und mit ihren Anliegen ernst genommen,
akzeptiert und verstanden, öffnen sie sich", bestätigt die Ergotherapeutin
Liers, was ihr in der täglichen Praxis begegnet und was zudem wissenschaftlich
fundiert ist: Eine Form der Gesprächsführung, die diese Haltung und weitere
Prinzipien der Ergotherapie widerspiegelt, ist das sogenannte Motivational
Interviewing - eine motivierende Gesprächsführung, die auch unter Ärzt:innen und
anderen Therapeut:innen bekannt ist.
So ist Erfolg in der Ergotherapie quasi vorprogrammiert: Selbstwirksamkeit
spornt an, wirkt motivationsverstärkend
Ein wichtiges Element dieser Gesprächsform ist, die Ressourcen und Fähigkeiten,
die in den Klient:innen stecken, in den Vordergrund zu holen. Das deckt sich mit
der klassischen ergotherapeutischen Vorgehensweise: Zu schauen, was kann die
Person noch oder schon wieder und herauszufinden, welches Potenzial in ihr
steckt. Der Fokus ist auf das Positive, das Motivierende, gerichtet, was
perspektivisch zu Selbstwirksamkeit führt. "Selbstwirksamkeit funktioniert als
Anreiz, etwas zu tun und zu lernen, schon bei Babys", holt die Ergotherapeutin
Liers vor Augen: "Babys lassen einen Gegenstand zigmal hintereinander fallen,
weil sie mit Freude eine Wirkung provozieren und so spielerisch lernen".
Derselbe Wirkmechanismus gilt ein Leben lang. Wer etwas erfolgreich tut, ist
motiviert, dies immer wieder, vielleicht sogar häufiger zu tun; auch stellt sich
so die Bereitschaft ein, Neues zu probieren und sich auch dabei als
selbstwirksam zu erfahren. Begleiten Ergotherapeut:innen beispielsweise
Lebensübergänge, etwa vom Berufsleben in die Rente, sehen sich Klient:innen mit
der Aufgabe konfrontiert, sich einen komplett neuen Alltag "zurechtbauen" zu
müssen, wollen sie sich nicht mit der sonst eintretenden Leere abgeben.
Ergotherapeut:innen gehen dazu mit ihren Klient:innen zurück in die
Vergangenheit, fragen, was der- oder diejenige früher gerne gemacht hat. Oder
schon immer machen wollte, wofür aber wegen bestehender Verpflichtungen wie
Arbeit, Beruf, Familie, keine Zeit war. Auch bei vielen physischen wie auch
psychischen Erkrankungen geht es darum, Menschen, die eine Aktivität oder
Handlung nicht mehr ausüben können zu befähigen, dies wieder zu tun, ihnen
Erfolge zu ermöglichen. Ergotherapeutischen Fragetechniken und Herangehensweisen
sei Dank gelingt es meistens, dass Klient:innen wiederentdecken, was in ihnen
selbst steckt, wozu sie selbst fähig sind. Das Prinzip der Selbstwirksamkeit
greift und wirkt auch in die Zukunft hinein.
Ergotherapeut:innen arbeiten partnerschaftlich und ausschließlich an Themen
orientiert
In der Ergotherapie gilt wie bereits gesagt das partnerschaftliche Miteinander
auf Augenhöhe: Beide, Ergotherapeut:in plus Klient:in, gestalten den
Therapieprozess in Zusammenarbeit. Das bedeutet: Die Klient:innen nennen ihre
jeweiligen persönlichen Anliegen und Ziele und Ergotherapeut:innen unterstützen
sie dabei, diese Ziele im Rahmen der Möglichkeiten ihrer Erkrankung Störung,
Situation und so weiter, zu erreichen. Dies geschieht frei von Zuschreibungen,
Geschlechterklischees, Prägung oder gesellschaftlichen Erwartungen. Liers macht
das an Beispielen fest: Kommen Menschen im geriatrischen Kontext in die
Ergotherapie, ist es häufig so, dass sie Aufgaben des Ehepartners
beziehungsweise der Ehepartnerin, die nicht mehr dazu imstande oder verstorben
sind, übernehmen wollen oder müssen, um die eigene Selbstständigkeit zu
bewahren. Schon die Befragung durch Ergotherapeut:innen ist nicht am Geschlecht,
sondern an den Aufgaben orientiert, die zur Selbstversorgung notwendig sind.
Sprich Männer werden genauso wie Frauen zu sämtlichen Aufgaben der
Selbstversorgung, also auch Einkaufen, Kochen, Wäsche waschen und generell
Dingen im Haushalt befragt, wo sie Fähigkeiten hinzugewinnen möchten. Genauso
verhält es sich, wenn Frauen möglicherweise fehlende Kenntnisse zu oft von
Männern vereinnahmten Bereichen wie Finanzen oder handwerklicher Arbeiten
bemängeln. Dann unterstützen Ergotherapeut:innen diese Klient:innen dabei, die
für sie neuen Betätigungen zu erlernen, zu üben und zu praktizieren.
Ergotherapeut:innen respektieren das Recht, die eigene Persönlichkeit zu
entfalten
Besonders deutlich wird die vom Geschlecht losgelöste neutrale Haltung bei
Klient:innen im Transitionsprozess. In diesem Fall beraten Ergotherapeut:innen
zu Anliegen wie "zum ersten Mal im Gesicht rasieren oder rasieren lassen", "zum
ersten Mal BHs kaufen" und mehr. Besucht die trans* Person noch die Schule, kann
es darum gehen, wie es ihr gelingt, sich im und nach dem Sportunterricht oder
beim Schwimmen wohlzufühlen, sich als "richtig" wahrzunehmen und ebenso
integriert zu sein wie alle anderen, auch wenn die Identität noch nicht mit dem
Äußeren zusammenpasst. In der Ergotherapie ist das Umfeld häufig Teil der
Intervention; bei Transitionen benötigen an erster Stelle die Eltern Aufklärung
und Zuspruch. "Eltern haben bei Transitionen die größere Aufgabe", sagt die
Ergotherapeutin Liers "denn für die Kinder ist alles klar: es darf endlich eine
Anpassung ihrer Identität und Persönlichkeit an den Körper stattfinden; ihr
dringendstes innerstes Bedürfnis wird erfüllt". Es ist ein für Eltern
herausfordernder Prozess, die Transition ihres Kindes zu begleiten, das Outing
mitzutragen, alles so zu akzeptieren, wie es sich für das Kind richtig anfühlt
und ihm in jeder Situation den Rücken zu stärken. "Hierzu empowern wir die
Eltern, unterstützen sie dabei, Strategien für den Umgang mit dem Kind, dem Rest
der Familie, Freund:innen und anderen Menschen im Umfeld zu entwickeln",
beschreibt die Ergotherapeutin Liers, wie dieser Part ihrer Arbeit mit trans*
Kindern und Jugendlichen aussieht. Darüber hinaus geben Ergotherapeut:innen
Empfehlungen, wie sich Lehrertermine vorbereiten lassen, an denen sie
gegebenenfalls teilnehmen und sie raten, sich Elterngruppen anzuschließen und zu
netzwerken. In Summe sorgen Ergotherapeut:innen dafür, dass alle Beteiligten gut
versorgt sind.
Informationsmaterial zu den vielfältigen Themen der Ergotherapie gibt es bei den
Ergotherapeut:innen vor Ort; Ergotherapeut:innen in Wohnortnähe auf der Homepage
des Verbandes unter https://dve.info/service/therapeutensuche . Zum Podcast
gerne hier entlang: https://dve-podcast.podigee.io/ . Außerdem:
https://www.instagram.com/dve_ergotherapie/ und Deutscher Verband Ergotherapie
e.V. - DVE | Facebook
Pressekontakt:
Angelika Reinecke, Deutscher Verband Ergotherapie e.V. (DVE),
mailto:a.reinecke@dve.info
Weiteres Material: http://presseportal.de/pm/106910/6326846
OTS: Deutscher Verband Ergotherapie e.V. (DVE)
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