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Berlin (ots) - Der Anteil an hausärztlichen Praxen, die qualifizierte
Gesundheitsfachberufe in die Versorgung einbinden, hat sich zwischen 2015 und
2024 fast verdoppelt
Vor dem Hintergrund der Pläne der Bundesregierung zur Einführung eines
teambasierten Primärversorgungssystems und des demografischen Wandels zeigt eine
erste bundesweite Bestandsaufnahme des Wissenschaftlichen Instituts der AOK
(WIdO), dass qualifiziertes, nicht-ärztliches Praxispersonal in Deutschland
bereits in mehr als einem Drittel der Hausarztpraxen in die Patientenversorgung
eingebunden wird, allerdings mit deutlichen regionalen Unterschieden.
Die Ergebnisse wurden in dem e-Paper "Interprofessionelle Teams in der
hausärztlichen Versorgung. Eine Bestandsaufnahme auf Basis von Routinedaten"
veröffentlicht. Analysiert wurden dafür AOK-Abrechnungsdaten der Jahre 2015 bis
2024 für zwei in Deutschland etablierte berufliche Qualifizierungsmodelle, die
gezielt zur Entlastung der hausärztlichen Kapazitäten beitragen können: NäPA
(Nicht-ärztliche Praxisassistenzen) und VERAH (Versorgungsassistenzen in der
Hausarztpraxis). Beide Qualifikationen weisen ein ähnliches Tätigkeits- und
Kompetenzprofil auf und übernehmen u. a. Aufgaben in der Wundversorgung und
Betreuung chronisch Kranker.
Der WIdO-Studie zufolge haben beide Berufsbilder in den letzten zehn Jahren
stark an Bedeutung für die Versorgung gewonnen: Die Anzahl hausärztlicher
Praxen, die mindestens eine dieser Fachkräfte beschäftigten, stieg im
Beobachtungszeitraum von rund 7.000 auf über 11.000 an - trotz einer insgesamt
rückläufigen Anzahl an Praxen. "Das entspricht einem Gesamtzuwachs von etwa 60
Prozent innerhalb von zehn Jahren", sagt WIdO-Geschäftsführer Dr. David
Scheller-Kreinsen. "Gleichzeitig sehen wir allerdings auch: knapp zwei Drittel
der hausärztlichen Praxen (63 Prozent) beschäftigen bislang noch keine NäPA oder
VERAH, hier gibt es noch erhebliches Ausbaupotenzial."
Die Analyse des WIdO identifiziert dabei klare Muster, unter welchen Bedingungen
die interprofessionelle Versorgung bereits verbreitet ist. So werden NäPA und
VERAH vor allem in größeren, arbeitsteilig organisierten Praxen mit mehreren
Ärztinnen und Ärzten eingesetzt. Scheller-Kreinsen: "Der Grund dürfte darin
liegen, dass größere Praxen eher über die nötigen organisatorischen und
räumlichen Ressourcen verfügen." Darüber hinaus gibt es mehr NäPA und VERAH im
ländlichen Raum: Hier beschäftigt fast jede zweite Hausarztpraxis eine dieser
Berufsgruppen (47 Prozent), während es in städtischen Regionen nur 27 Prozent
sind.
Praxen mit NäPA und VERAH versorgen anteilig etwas mehr chronisch kranke und
pflegebedürftige Patientinnen und Patienten. Ansonsten unterscheiden sie sich im
Patientenklientel nur geringfügig von Praxen ohne NäPA und VERAH. Besonders
deutlich wird der Beitrag zur Versorgung bei den Hausbesuchen: 84 Prozent der
NäPA- und VERAH-Praxen boten Hausbesuche an, die von qualifizierten
Gesundheitsfachberufen durchgeführt wurden. In Praxen ohne NäPA oder VERAH waren
es nur 36 Prozent. Bei den ärztlichen Hausbesuchen selbst ergab der Vergleich
beider Praxistypen allerdings kaum einen Unterschied. Scheller-Kreinsen: "Das
spricht dafür, dass NäPA und VERAH die Hausbesuchskapazität erweitern, ärztliche
Hausbesuche aber nicht ersetzen."
Sachsen-Anhalt ist Vorreiter
Auf Ebene der Bundesländer zeigt die Analyse ebenfalls deutliche Unterschiede
beim bisherigen Einsatz von NäPA und VERAH: So verzeichnet Sachsen-Anhalt mit
fast 60 Prozent den höchsten Anteil an NäPA-/VERAH-Praxen, gefolgt von
Baden-Württemberg mit etwa 50 Prozent. Die niedrigsten Quoten weisen die beiden
Stadtstaaten Berlin (14 Prozent) und Hamburg (27 Prozent) auf.
Die Analyse auf Kreis-Ebene zeigt zudem, dass der Einsatz von NäPA und VERAH in
Regionen mit geringerer hausärztlicher Versorgung am stärksten verbreitet ist.
Besonders hohe Anteile von über 60 bis hin zu 80 Prozent gibt es im östlichen
Deutschland, insbesondere in weiten Teilen Sachsen-Anhalts und Thüringens, sowie
im süddeutschen Raum, vor allem in Baden-Württemberg. Qualifizierte
Gesundheitsfachberufe sind demnach dort etwas häufiger vertreten, wo
vergleichsweise wenige Hausärztinnen und Hausärzte die Bevölkerung versorgen.
Auch in Regionen, die aufgrund der Altersstruktur der dortigen Hausärzteschaft
früh mit der Frage der Sicherstellung hausärztlicher Versorgung konfrontiert
waren, sind heute interprofessionelle Teams tendenziell eher verbreitet.
Aus der Analyse lassen sich laut Scheller-Kreinsen folgende Schlussfolgerungen
für die anstehende Primärversorgungsreform ziehen: "Die Ergebnisse legen nahe,
dass vor allem größere und arbeitsteilig organisierte Praxen besonders gute
Rahmenbedingungen bieten, um qualifizierte Gesundheitsfachberufe in die
Primärversorgung einzubinden. Außerdem weisen sie darauf hin, dass die
Versorgung insbesondere durch den Ausbau der Hausbesuchskapazitäten gestärkt
wird. Das sollte die Reform berücksichtigen. Dies sollte schon jetzt bei neu zu
besetzenden hausärztlichen Sitzen mitgedacht werden, da Fachkräftemangel und
Fälle chronischer Morbidität in den nächsten Jahren stark zunehmen werden."
Außerdem verdeutliche die Studie, dass die Debatte über die demografischen
Herausforderungen in der Primärversorgung bisher zu kurz greife, wenn sie allein
auf die Entwicklung ärztlicher Kapazitäten abstellt und den Versorgungsbeitrag
qualifizierter Gesundheitsfachberufe unberücksichtigt lässt, so
Scheller-Kreinsen. Dies betrifft auch die Diskussion über geeignete
Handlungsoptionen: "Die erhebliche regionale Varianz zeigt, dass die bestehenden
Möglichkeiten zur arbeitsteiligen Versorgung bislang regional unterschiedlich
genutzt werden und noch deutliche Entwicklungspotenziale bestehen."
Ausgangsbasis Abrechnungsdaten
Für die als e-Paper veröffentlichte Analyse "Interprofessionelle Teams in der
hausärztlichen Versorgung. Eine Bestandsaufnahme auf Basis von Routinedaten"
wurden AOK-Abrechnungsdaten der Jahre 2015 bis 2024 ausgewertet. Auf Basis
dieser Daten lässt sich ableiten, ob eine Praxis (wenn sie die entsprechenden
Anforderungen erfüllt) eine NäPA oder VERAH beschäftigt, nicht jedoch, wie viele
NäPA bzw. VERAH je Praxis tätig sind oder welche konkreten Tätigkeiten diese
ausüben. Lediglich für Hausbesuche ist eine konkrete Zuordnung zu den NäPAs bzw.
VERAHs möglich.
Hinweise für die Redaktionen: Abbildungen finden Sie im PDF im Anhang. Das ganze
E-Paper finden Sie hier: https://ots.de/piNUM8
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