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Stuttgart / Berlin (ots) -
- Müdigkeit, Stress und Ablenkung sorgen oft für Gefahr
- DEKRA zeigt: Intelligente Verkehrssysteme und Sicherungseinrichtungen wirken
- Stellschrauben: Technik, Regelwerke, Infrastruktur und Eigenverantwortung
Der öffentliche Straßenraum ist nicht nur Verkehrsfläche, Aufenthalts- und
Lebensraum, sondern für Millionen Menschen auch der Arbeitsplatz. Ein
Arbeitsplatz, der jährlich viele Unfallopfer fordert. "Es gilt unbedingt,
genauer hinzuschauen, die Ursachen zu analysieren und herauszufinden, mit
welchen Maßnahmen sich Unfälle vermeiden oder zumindest in ihren Folgen mindern
lassen", sagte Jann Fehlauer, Geschäftsführer der DEKRA Automobil GmbH, bei der
Vorstellung des DEKRA Verkehrssicherheitsreports 2026 "Arbeitsplatz
Straßenverkehr" in Berlin. Der mittlerweile 19. DEKRA Verkehrssicherheitsreport
beleuchtet die verschiedenen Problemfelder rund um dieses Thema aus Sicht der
Unfallanalytik, der Verkehrspsychologie, der Fahrzeugtechnik, der
Infrastrukturgestaltung sowie der Gesetzgebung und zeigt nachhaltige
Optimierungsmaßnahmen auf.
Berufskraftfahrerinnen und -fahrer transportieren wichtige Waren fürs tägliche
Leben oder die Industrie und legen mit ihren Fahrzeugen pro Jahr teilweise über
100.000 Kilometer zurück. Auf unzähligen Baustellen kümmern sich Menschen um die
Instandsetzung oder den Ausbau der Straßeninfrastruktur. Beschäftigte von
Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten bewegen sich auf ihren Einsatzfahrten in
einem Umfeld, das jederzeit unvorhersehbare Situationen bereithält. Allein diese
drei Beispiele zeigen die große Bandbreite und die damit verbundenen
Herausforderungen rund um den "Arbeitsplatz Straßenverkehr", an dem jährlich
viele Menschen bei Verkehrsunfällen schwere oder tödliche Verletzungen erleiden.
Mit ursächlich sind eine Vielzahl schwer kalkulierbarer Einflüsse. "Ungünstige
Witterungsbedingungen, hohes Verkehrsaufkommen, technische Störungen oder das
Verhalten anderer Verkehrsteilnehmender können jederzeit unvorhersehbare
kritische Situationen zur Folge haben", so Fehlauer. Zudem können Zeitdruck,
unregelmäßige Arbeitszeiten, monotone Fahrsituationen, fehlende Erholungsphasen
und hohe Leistungsanforderungen zu Stress und Ermüdung führen. Müdigkeit gilt
als einer der wichtigsten Risikofaktoren im Straßenverkehr, da sie die
Reaktionsfähigkeit und Aufmerksamkeit erheblich beeinträchtigt. Studien zufolge
steigt das Risiko für einen Unfall aufgrund von Schlafmangel um das Achtfache
an. "Die Einhaltung von Lenk- und Ruhezeiten sowie gezielte Gesundheitsförderung
können Übermüdung, Stress und Fehlbeanspruchung reduzieren und damit die
Unfallgefahr senken", führte der DEKRA Geschäftsführer weiter aus.
Begrenzte "Sichtbarkeit" des tatsächlichen Risikos
Ein weiterer Risikofaktor am "Arbeitsplatz Straßenverkehr" ist die hohe
Komplexität moderner Verkehrssysteme. Digitalisierung und Vernetzung verändern
die Arbeitsprozesse grundlegend. Navigationssysteme, digitale Auftragssteuerung
und automatisierte Fahrfunktionen erleichtern zwar viele Aufgaben, führen jedoch
auch zu neuen Anforderungen. Beschäftigte müssen gleichzeitig mehrere
Informationsquellen verarbeiten und Entscheidungen treffen, während sie ihre
Aufmerksamkeit auf den Verkehr richten. Ablenkung durch technische Geräte gehört
zu den großen Herausforderungen moderner Verkehrssicherheit.
Ein grundlegendes Problem im Umgang mit dem Arbeitsplatz Straße ist die
begrenzte "Sichtbarkeit" des tatsächlichen Risikos. Denn in vielen statistischen
Systemen wird nicht ausreichend unterschieden, ob eine Fahrt aus privaten oder
beruflichen Gründen erfolgt. "Dadurch bleibt ein Teil des Unfallgeschehens
unzureichend dokumentiert, was die Entwicklung einer gezielten Prävention
erheblich erschwert", gab Jann Fehlauer in Berlin zu bedenken. Nur wenn das
tatsächliche Ausmaß der Risiken sichtbar werde, könnte man langfristig wirksame
Maßnahmen entwickeln.
Aufschlussreiche Fahrversuche und Umfrage unter Fahrpersonal
Auch für diesen Verkehrssicherheitsreport hat DEKRA wieder umfangreiche
Fahrversuche und Crashtests durchgeführt, um herauszufinden, wie Fahrzeuge,
Assistenzsysteme und Sicherungseinrichtungen tatsächlich reagieren, wenn es
darauf ankommt. Ein Crash-Vergleich zur Absicherung von Arbeitsstellen im
Straßenverkehr mit und ohne energieabsorbierende Systeme sowie Tests zur
Detektions- und Reaktionsfähigkeit moderner Notbremsassistenz-Systeme gegenüber
mobilen Absperrtafeln liefern Erkenntnisse für technische Anforderungen und
Sicherheitsstandards.
Weitere Tests stellten die hohe Wirksamkeit C-ITS-basierter Nahbereichswarnungen
unter Beweis. Die Abkürzung C-ITS steht für "Cooperative Intelligent Transport
System" und bezeichnet kooperative Technologien zur drahtlosen
verkehrsträgerübergreifenden Kommunikation von Fahrzeugen untereinander, mit der
Infrastruktur sowie nicht-motorisierten Verkehrsteilnehmenden.
Interessante Ergebnisse brachte zudem die DEKRA Umfrage unter
Berufskraftfahrerinnen und -fahrern zur Parkplatzsituation und zur
Sicherheitslage auf Raststätten in Deutschland und anderen europäischen Staaten.
Demnach müssen fast zwei Drittel der Befragten regelmäßig an gefährlichen Orten
parken, um die Ruhezeiten einzuhalten. Mehr als die Hälfte legt auf der Suche
nach einem Parkplatz regelmäßig mehr als 20 zusätzliche Kilometer zurück.
"Sowohl das gefährliche Parken als auch die verlängerten Lenkzeiten wegen der
Parkplatzsuche können das Unfallrisiko erheblich erhöhen", so Fehlauer.
"Räume für alle sicher machen"
Für den DEKRA Automobil Geschäftsführer ist klar, dass der "Arbeitsplatz
Straßenverkehr" als Hochrisikobereich nicht isoliert betrachtet werden kann.
Vielmehr handle es sich um ein Zusammenspiel aus Infrastruktur, Technik,
Organisation und persönlichem Verhalten im Straßenverkehr. "Die reine
Fokussierung auf technische Lösungen reicht nicht aus, wenn die
Rahmenbedingungen oder menschliche Faktoren unberücksichtigt bleiben", mahnte
Fehlauer in Berlin an. Aus seiner Sicht ist die umfassende Betrachtung des
Straßenverkehrs als Arbeitsplatz nicht nur für den Arbeitsschutz von Bedeutung,
sondern insbesondere auch für die nachhaltige Entwicklung von Wirtschaft,
Infrastruktur und Gesellschaft insgesamt.
Nach Ansicht von Kristian Schmidt, Europäischer Koordinator für
Straßenverkehrssicherheit, verringern Investitionen in sichere und geschützte
Parkplätze, klarere Straßenschilder und -markierungen oder besser gestaltete
Arbeitsbereiche systematisch die Gefahren, denen sich Fahrer und Beschäftigte
täglich gegenübersehen. "Da sich immer mehr Verkehrsteilnehmer den Straßenraum
mit besonders gefährdeten Gruppen teilen, werden bewährte Qualitätsstandards
entwickelt, um diese Räume für alle sicher zu machen", schreibt Schmidt in
seinem Statement im DEKRA Verkehrssicherheitsreport.
Für den deutschen Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder sind "Rücksicht,
Aufmerksamkeit und Verantwortungsbewusstsein das Fundament für sicheres,
respektvolles Verhalten im Straßenverkehr", wie er in seinem Grußwort im Report
betont. Dafür sensibilisiere das Bundesverkehrsministerium unter anderem im
Rahmen der Initiativen "Runter vom Gas" und "#mehr Achtung". In diesem Kontext
werde auch auf die besonderen Gefahren des Arbeitsplatzes Straße aufmerksam
gemacht.
Für Antonio Avenoso, Geschäftsführer des Europäischen Verkehrssicherheitsrats
(ETSC), ist die Verkehrssicherheit am Arbeitsplatz kein Nischenthema. Vielmehr
sei sie für das europäische Ziel der "Vision Zero", bis 2050 die Zahl der
Todesopfer und Schwerverletzten im Straßenverkehr auf nahe null zu senken, von
zentraler Bedeutung. "Die Anerkennung der Verkehrssicherheit bei der Arbeit als
gemeinsame Verantwortung von Behörden, Arbeitgebern und Einzelpersonen ist für
den Aufbau einer Präventionskultur sowohl auf als auch außerhalb der Straße
entscheidend", erklärt Avenoso in seinem Statement.
Der DEKRA Verkehrssicherheitsreport 2026 "Arbeitsplatz Straßenverkehr" steht
online unter http://www.dekra-roadsafety.com zum Download zur Verfügung.
Zehn DEKRA Forderungen für mehr Verkehrssicherheit
- Konsequenter Schutz von Arbeitsstellen im Straßenraum
- Vollständige und differenzierte Erfassung arbeitsbezogener Verkehrsunfälle
- Nachhaltige Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Transportwesen
- Systematische Reduktion der Risiken bei Einsatzfahrten
- Konsequente Überwachung der Vorschriften zur Ladungssicherung
- Einhaltung und Weiterentwicklung der Gefahrgutvorschriften
- Strenge Kontrolle und Einhaltung der Lenk- und Ruhezeiten
- Ausbau sicherer, beleuchteter und überwachter Lkw-Parkplätze
- Verbindliche Einführung von Gesundheitsförderprogrammen für
Berufskraftfahrende
- Hochautomatisiertes Fahren nur unter klar definierten Sicherheitsbedingungen
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